
Die eskalierende Lage in Iran und in Nahost könnte den energieintensiven Industrien hierzulande schwer zu schaffen machen. Branchen wie Chemie, Stahl und Aluminium kämpfen in Deutschland ohnehin mit strukturellen Sorgen. Seit Beginn der Kämpfe sind Transporte von Öl und Flüssiggas (LNG) durch die strategisch bedeutende Meerenge „Straße von Hormus“ weitgehend zum Erliegen gekommen.
Mehrere deutsche Verbände und Unternehmen warnen in der Folge, dass hohe Energiepreise die energieintensiven Branchen ins Straucheln bringen könnten. Der zweite Vorsitzende der IG Metall, Jürgen Kerner, zieht sogar Parallelen zur Energiekrise 2022 und fordert, die Bundesregierung müsse „alles tun, um einen Energiepreisschock wie nach dem russischen Angriffskrieg auf die Ukraine zu verhindern“.
Der Gaspreis lag am Dienstag zeitweise 40 Prozent über dem des Vortags, an dem er schon einmal kräftig gestiegen war, auch der Ölpreis lag zeitweise acht Prozent im Plus. Energieintensive Branchen fürchten auch steigende Strompreise, da Gaskraftwerke den Preis am Strommarkt mitbestimmen.
„Das verschärft Deutschlands Wettbewerbsnachteil“
Nach Einschätzung des Chemieverbands VCI hängt die Versorgung mit Öl und Gas in Deutschland und Europa zwar nur in begrenztem Umfang direkt an den Lieferströmen durch die Straße von Hormus. Klar sei aber auch: Durch die Sperrung falle ein erheblicher Teil der globalen Öl- und Flüssiggasmengen – „mehr als 20 Prozent“ – weg. Infolge stiegen die Energie- und Rohstoffpreise auf der Welt, auch in Deutschland. „Das verschärft Deutschlands Wettbewerbsnachteil gegenüber Standorten mit strukturell günstigeren Energiepreisen, etwa den USA, und belastet unsere Unternehmen.“ Je länger eine Sperrung der Meerenge anhält, desto größer dürften diese Preisaufschläge ausfallen.
Die physische Versorgung in Deutschland scheine aktuell nicht gefährdet. „Das könnte sich mit zunehmender Dauer der Sperrung aber ändern“. VCI-Hauptgeschäftsführer Wolfgang Große Entrup sagt, die Lage in der Straße von Hormus zeige, wie verwundbar die globale Energieversorgung bleibt. „Wir brauchen eine konsequente Diversifizierung unserer Energieimporte. Nur so verringern wir unsere Abhängigkeiten und schützen die Wettbewerbsfähigkeit unserer Industrie.“ Viele Mitgliedsunternehmen analysierten intensiv die Lageentwicklung, um rechtzeitig Maßnahmen zu ergreifen.
„Wir sind abhängig von LNG-Importen“
Der Düngemittelhersteller SKW Piesteritz beobachtet die Entwicklung des Gaspreises besonders gebannt. Das Unternehmen verbraucht für die Ammoniakproduktion in Lutherstadt Wittenberg mehr Gas als die ganze Stadt Berlin. Einem Umsatz von rund 750 Millionen Euro standen im Jahr 2024 Aufwendungen für Roh-, Hilfs- und Betriebsstoffe in Höhe von 560 Millionen Euro gegenüber, die zum überwiegenden Teil auf Erdgas entfielen.
„Der Gaspreis steigt und erhöht unsere Kosten in der Produktion“, erläutert ein Sprecher. „Auf der anderen Seite gehen auch die Düngemittelpreise durch die Decke. Solange wir die Kosten überwälzen können, ist die aktuelle Situation vor allem ein Problem für die Landwirtschaft. Das Eis ist für diese wie auch für uns dünn.“
Die aktuelle Lage zeige vor allem, „dass die EU endlich aufwachen und die Hersteller von Düngemitteln in Europa entlasten“ müsse. „Denn wir sind abhängig von LNG-Importen aus anderen Ländern, die jetzt von Asien absorbiert werden. LNG-Schiffe auf dem Weg nach Europa können umdrehen, wenn jemand anderes einen höheren Preis bezahlt. Das kann uns auch bei Düngemitteln passieren, wenn wir keine Produktion im eigenen Land haben.“
Es dürften mehr Transporte nach Asien betroffen sein
Differenziert äußert sich eine Sprecherin von Infraleuna, des Betreibers des größten ostdeutschen Chemiestandorts mit mehr als hundert Unternehmen aus der Branche und rund 15.000 Beschäftigten. „Wir wissen, dass Deutschland mehr als in der Vergangenheit von LNG abhängig ist,“ sagt sie. „Woher die Lieferungen im Einzelnen stammen und welchen Effekt Einschränkungen aus dieser Region auf die Versorgungslage haben, kann im Moment wohl nur die Bundesregierung beantworten.“ Von dort habe es geheißen, dass weniger als zwei Prozent der Lieferungen an LNG betroffen sind. „Rein geographisch dürften eher Transporte nach Asien betroffen sein“, so die Sprecherin weiter.
Durch die Einschränkungen im Verkehr – ob Luft oder See – sei ähnlich wie bei der Blockade des Suezkanals mit Verzögerungen in der Lieferkette und steigenden Transportkosten zu rechnen, aktuell könne man dazu aber nur wenig sagen. „Damit bleibt es erst mal bei dem unmittelbaren Effekt auf die Energiepreise.“
Stahlindustrie fordert „industriepolitische Maßnahmen“
Diese machen auch der deutschen Stahlindustrie Sorgen. Sie sei „auf wettbewerbsfähige Energiepreise angewiesen“ sagt Kerstin-Maria Rippel, Chefin der Wirtschaftsvereinigung Stahl, und verweist auf die zunehmende Elektrifizierung der Produktionsprozesse. Sie fordert „deutliche industriepolitische Maßnahmen“, um die Gas- und Strompreise zu stabilisieren. Ziel müsse ein verlässlicher Strompreis für die Industrie von 50 Euro je Megawattstunde sein, inklusive aller Entgelte, Abgaben und Steuern.
Angesichts der Eskalation im Nahen Osten fordert Rippel auch wieder einmal „regulatorische Verlässlichkeit“ auf europäischer Ebene durch die bevorstehende Veröffentlichung des sogenannten Industrial Accelerator Acts, der in der EU zum Beispiel Genehmigungen für Industrieprojekte beschleunigen und die Nachfrage nach klimafreundlichen und in der EU hergestellten Produkten fördern soll. Rund um das geplante Regelwerk hatte es aber zuletzt Detail-Streitigkeiten gegeben und es hatte sich immer weiter verzögert. In Europa brauche es zudem eine kluge Gasspeicherpolitik, die Diversifizierung der Bezugsquellen, einen beschleunigten Ausbau erneuerbarer Energien und einen zügigen Aufbau der Wasserstoffinfrastruktur, so Rippel.
Metall-Weiterverarbeiter glauben an eine Beruhigung
Etwas gelassener sehen die stahl- und metallverarbeitenden Industrien die Lage. Viele Unternehmen hätten langfristige Bezugsverträge, sagt Christian Vietmeyer, Hauptgeschäftsführer des Wirtschaftsverbands Stahl- und Metallverarbeitung (WSM). Auch seien vom Preisanstieg alle Wettbewerber auf der ganzen Welt gleichermaßen betroffen. Der Verband glaubt zudem, dass Teile des Energiepreisanstiegs „spekulativ“ sind und „eine Beruhigung eintreten wird“.
Alarmierter klingt die Einschätzung der Aluminiumbranche. „In einer ohnehin schwierigen Zeit mit sowieso schon hohen Energiepreisen würde ein abermaliger starker Preisanstieg unsere Unternehmen stark mitnehmen“, sagt Angelika El-Noshokaty, Hauptgeschäftsführerin des Verbands Aluminium Deutschland. Die meisten Unternehmen hätten zwar mit Langfristverträgen für Szenarien wie die aktuelle Nahost-Eskalation vorgesorgt, „aber es ist derzeit nicht absehbar, wie lange die Situation andauern wird“, warnt El-Noshokaty. „Bleibt die Lage über mehrere Monate angespannt, kann dies für die Aluminiumbranche schon zum ernsthaften Problem werden.“
Noch dringlicher formuliert Jürgen Kerner von der IG Metall: In der Industrie kämen die Preissteigerungen zwar verzögert an – „aber sie kommen“. Die Politik müsse schon jetzt Gegenmaßnahmen vorbereiten. „Die energieintensive Industrie und die Arbeitsplätze dort sind ohnehin unter Druck.“
