
Der Persische Golf wirkt wie die perfekte Falle. Hunderte von Schiffen sind zum Ankern gezwungen, weil die Straße von Hormus faktisch gesperrt ist, durch die der Golf von Oman und letztlich der Indische Ozean erreichbar wären. 170 Containerschiffe mit 450.000 Containern an Bord sollen es sein, dazu etwa ebenso viele Tanker, die Öl oder LNG geladen haben. Mitten in dieser Zwangslage wirkt die Nachricht schockierend, dass führende Kriegsrisiko-Versicherer bestehende Policen für Schiffe in der Region massenhaft kündigen.
Die Versicherer Gard, Skuld, NorthStandard, London P&I Club und American Club teilten mit, dass die Kündigungen des Versicherungsschutzes am Donnerstag in Kraft treten. Dies betreffe iranische Gewässer sowie den Persischen Golf und angrenzende Seegebiete. Der japanische Versicherungskonzern MS&AD kündigte an, derzeit keine neuen Policen für Kriegsrisiken in den Gewässern um Iran und Israel abzuschließen. So brisant ist nach Ansicht der in mächtigen Clubs organisierten Versicherer und ihrer Rückversicherer die Lage, dass die kriegsbedingten Risiken ihren Finanzrahmen sprengen könnten.
Wer in der aktuellen Eskalationslage dennoch Versicherungsschutz sucht, muss mit erheblich höheren Beiträgen rechnen. So bestätigte etwa Stefan Paul, Vorstandschef des Logistikkonzerns Kühne + Nagel, dass die neuen Versicherungsprämien um 50 Prozent höher seien. Die Folge solcher zusätzlicher Versicherungskosten sind steigende Transportpreise. So hat als eine der ersten Reedereien die Hamburger Hapag-Lloyd ihre Kunden informiert, es seien nun Kriegsrisiko-Zuschläge von 1500 Dollar je Container zu entrichten, für Kühlcontainer sogar 3500 Dollar. Zum Vergleich: Die durchschnittlichen Frachtraten für einen Containertransport zwischen China und Rotterdam oder Hamburg lagen noch im Februar in der Größenordnung von 2100 Dollar.
Eine halbe Million Dollar Versicherungsbeitrag für einen Tanker
Auch die Kosten für Öltransporte vom Nahen Osten in andere Teile Asiens dürften weiter zulegen. Die Tarife auf den wichtigen Routen haben sich seit Anfang des Jahres schon verdreifacht. Der Marktpreis für den sofortigen Transport eines sehr großen Rohöltankers vom Nahen Osten nach China wurde an diesem Montag auf mindestens zwölf Millionen Dollar beziffert. Durch die Straße von Hormus wird rund ein Fünftel des auf dem Seeweg gehandelten Öls auf der Welt transportiert.
„Wir sehen eine dramatische Veränderung der Risikolage“, erklärte Dylan Mortimer, Experte für Seekasko-Kriegsrisiken beim Versicherungsmakler Marsh gegenüber der „Financial Times“ zu der konzertierten Aktion der Versicherer.
Dabei geht es um großes Geld. Die Versicherung eines Tankers oder Frachters im Wert von 100 Millionen Dollar kostete bisher in der Größenordnung von 250.000 Dollar – für eine einzige Reise von wenigen Tagen. Jetzt steigt der Beitrag offenbar bis auf eine halbe Million Dollar. Welche Gebiete jeweils als Hochrisiko-Gebiete gelten, wird aufgrund der Entscheidungen des Joint War Committees der Branche definiert.
Auslaufendes Öl oder sinkende Schiffe
Die besondere Kriegsversicherung deckt nur einen Teil der Gesamt-Versicherungskosten. Für die Ladung ist eine gesonderte Police nötig. Typische Kosten liegen in der Größenordnung zwischen 150.000 und 450.000 Dollar für eine Ladung von zwei Millionen Barrel (Fass je 159 Liter) Rohöl, was zuletzt einem Wert von mindestens 150 Millionen Euro entsprach. Eine dritte wichtige Versicherung für die in der Golfregion wartenden Schiffe deckt Haftpflichtrisiken ab, die teilweise mit besonders hohen Kosten verbunden sein könnten, etwa für Umweltschäden durch auslaufendes Öl oder beim Sinken eines Schiffs, aber auch für Schäden, die Crew-Mitglieder erleiden.
Die Lage ist komplex, weil die Reeder, die Eigentümer der Tanker und die Eigner der Ladung meist unterschiedliche Unternehmen sind, die auch sehr verschiedene Interessen haben können. Während Reeder versucht sein könnten, Kosten zu sparen, werden sie von ihren Kunden, womöglich aber auch von finanzierenden Banken oder von sicherheitsbewussten Hafen-Betreibern, ausdrücklich zum Abschluss von gesonderten Kriegsrisiko-Versicherungen gedrängt.
Die Lage wirkt umso brisanter, als schon von Angriffen auf Schiffe im Persischen Golf berichtet wird. Sogar Schiffe, die im Golf von Oman vor der Einfahrt in den Persischen Golf die Entwicklung der Lage abwarten, sind offenbar von Drohnen angegriffen oder beschossen worden. Teilweise kam es zu Bränden auf den Schiffen, es gab Verletzte, auch ein Todesfall wurde vermeldet. Letztlich wären auch Umweltkatastrophen nicht auszuschließen, wobei Öl- und Gastanker in der Regel eine doppelte Hülle haben, die allenfalls bei massivem Beschuss bräche.
Wer unter diesen Umständen auf eigenes Risiko versuchen wollte, die Region zu verlassen, stieße schnell auf andere Gefahren, die hybrider Kriegsführung entsprechen: Die Satellitenkommunikation in der Region wird offenbar massiv gestört. So berichtet das Fachmagazin „Inside GNSS“, dass spezialisierte Datenanbieter mehr als 1100 Störungen innerhalb von 24 Stunden erkannten. Dabei gibt es zwei Muster. Beim sogenannten Jamming überlagern Störsender an Land die schwachen Satellitensignale (wie etwa GPS oder Galileo) mit starkem Rauschen, sodass der Empfänger keine verwertbare Position mehr berechnen kann.
Als noch gefährlicher bezeichnen Experten das sogenannte Spoofing: Formal korrekte Signale werden gesendet, die aber völlig falsche Positionen, Geschwindigkeiten oder Zeiten wiedergeben, teils geographischen Mustern folgend, teils unrealistische Positionen anzeigend, wie etwa Flughäfen. Die rein manuelle Navigation mithilfe von Papierkarten sowie Optik und Radar ist allerdings auch keine gute Option. Gerade im Nadelöhr von Hormus wäre die Gefahr erheblich, dass es zu Kollisionen kommt oder das Schiff auf Grund läuft.
