Die beiden Brüder mit dem schwer auszusprechenden Nachnamen arbeiten schon länger an einem Ruf, mit dem sie aus der Masse der Aktiven in ihrer Sportart herausragen. Die Anstrengung blieb nicht unbemerkt. Als die Zeitung „Wall Street Journal“ die beiden Amerikaner vor zwei Wochen in der Vorberichterstattung zu den Olympischen Spielen porträtierte, stufte die Zeitung Matthew und Brady Tkachuk als die „meistgehassten Eishockeyspieler der Welt“ ein.
Sie mögen in der National Hockey League (NHL) für unterschiedliche Teams spielen – Matthew bei den Florida Panthers, Brady bei den Ottawa Senators – aber wenn sie gemeinsam für die USA auflaufen, kommen sie besonders in Fahrt. Sie gehen Gegnern sowohl mit unnötiger Härte und nickligen Fouls als auch mit provozierenden Sprüchen unter die Haut.
Trump mit Goldmedaille: „Ich gebe sie nicht zurück“
Die Verbalinjurien liegen in der Preisklasse von dem, womit Matthew in der Vorrundenbegegnung den deutschen Weltklassestürmer Leon Draisaitl verspottete: „Immer nur Brautjungfer, nie die Braut“ – eine Anspielung an die Niederlagen des Kölners im Kampf um den Stanley Cup in den letzten beiden Jahren mit den Edmonton Oilers gegen die Florida Panthers.
Bisweilen lassen er und der zwei Jahre jüngere Brady auch ohne Ansage die Fäuste sprechen. So wie im Februar vergangenen Jahres beim emotional aufgeladenen Vier-Nationen-Turnier gegen Kanada nur wenige Sekunden nach dem Anpfiff. Es war nicht nur ein kalkulierter Einschüchterungsversuch. Sondern vor allem ein Revancheakt, nachdem das kanadische Publikum wenige Tage zuvor mit lauten Buhrufen das Abspielen der amerikanischen Nationalhymne übertönt hatte. Eine Reaktion auf das Gerede von US-Präsident Donald Trump von Kanada als dem 51. Bundesstaat, mit dem er den Nationalstolz und die politische Unabhängigkeit des Nachbarlands attackiert hatte.

Wie gut sich solche Gefährten im Geiste verstehen, konnte man am Dienstag beim Fototermin in Washington erleben. Da überließ Matthew Tkachuk dem Mann im Weißen Haus die am Sonntag in Mailand gewonnene Goldmedaille. Und der hängte sie sich wie selbstverständlich um den Hals und erklärte scherzhaft: „Ich gebe sie nicht zurück.“
Wie sich Teamkapitän Auston Matthews in solchen Momenten fühlt, lässt sich nur schwer ermitteln. Obwohl als Sohn einer Mexikanerin stolz auf seine familiären Wurzeln und seit 2016 bei den Toronto Maple Leafs in Kanada unter Vertrag, vermied er nach seiner Rückkehr lieber, Stellung zu beziehen: „Ich persönlich mag es nicht, mich politisch zu äußern oder mich in solche Dinge einzumischen“, sagte er. „Hoffentlich trägt so etwas zu mehr Einigkeit im Land bei.“

Tatsächlich spaltete Trump nach dem Olympiasieg bei seinem Anruf über Lautsprecher in die Umkleidekabine einmal mehr die amerikanische Sportwelt. Diesmal weil er eine despektierliche Bemerkung über die US-Eishockeyfrauen fallen ließ, die nur wenige Tage zuvor ebenfalls Gold gegen die kanadischen Erzrivalen gewonnen hatten. Und die daraufhin die Einladung des Präsidenten dankend ablehnten, um nicht dessen pseudopatriotischen Proklamationen und seine narzisstische Ego-Show weiter zu füttern.
„Ein ziemlich geschmackloser Witz“
Währenddessen kehrten die Frauen mit einer Linienmaschine in die Heimat zurück und sahen sich schließlich genötigt, den Vorfall doch noch zu kommentieren. „Das war ein ziemlich geschmackloser Witz“, sagte Mannschaftskapitän Hilary Knight am Mittwoch im Sportfernsehsender ESPN. Das Ganze habe „unglücklicherweise eine Menge von dem Erfolg überschattet, darunter den Erfolg der Frauen“. Die hatten in Italien sechs der zwölf Goldmedaillen für das US-Team gewonnen und im Eiskunstlauf-Teamwettbewerb zu einem weiteren Olympiasieg beigetragen.
Die Zeitung „USA Today“ hatte davor bereits moniert, dass das Männerteam angesichts der kulturpolitischen Bedeutung von Trumps Vereinnahmungstaktik „komplett versagt“ hatte. Denn die vom Torschützen Jack Hughes nach dem Spiel wiederholt gepriesene „amerikanische Eishockey-Bruderschaft“ habe, so der britische Guardian, in diesem Moment überhaupt erkannt, dass „in Trumps Amerika Nähe niemals neutral ist“. Und schon gar nicht, dass er Frauen nur als Randnotiz wahrnimmt, wie die kanadische Ruder-Silbermedaillengewinnerin Angela Schneider, Direktorin des Internationalen Zentrums für Olympische Studien an der Western University in London/Ontario, den Vorgang einordnete. „Natürlich fanden die Frauen das nicht lustig.“
43,9 Prozent der amerikanischen NHL-Spieler sind registrierte Republikaner
Überraschend wirken solche Ausrutscher nicht. Einem Bericht von votehub.com zufolge, der als Grundlage die öffentlich zugänglichen Wählerregistrierungsdaten nimmt, sind 43,9 Prozent der amerikanischen NHL-Spieler registrierte Republikaner, nur 5,6 Prozent Demokraten.
Sozialwissenschaftler, die das Milieu der im Norden des Kontinents verankerten Wintersportart studiert haben, beschreiben Eishockey als eine von weißen Cis-Männern dominierte Sphäre, die Jungen und Männer in traditionelle, hegemoniale Männlichkeitsideale zu sozialisieren trachtet, die dabei lernen, bestimmte Merkmale hegemonialer Männlichkeit zu verkörpern. Was sich „in Homophobie, Frauenfeindlichkeit, Fremdenfeindlichkeit und Heteronormativität manifestiert“, wie eine 2023 veröffentlichte Studie in der wissenschaftlichen Zeitschrift „Sociology of Sport Journal“ unterstrich („The Penalty That’s Never Called: Sexism in Men’s Hockey Culture“). Ein Zustand, der perpetuiert wird, weil, so die Autoren, „die Spieler die tiefgreifenden Schichten des Sexismus oder deren Folgen nicht erkennen“.
Zusätzlich wird das Phänomen vom Thema Hautfarbe geprägt. Während in den populären Ligen in den Sportarten Football und Basketball im Laufe der Jahrzehnte der Anteil der schwarzen Aktiven auf über drei Viertel angestiegen ist und nach und nach die Besetzung von Trainer- und Managerposten beeinflusst hat, liegt der Anteil schwarzer Spieler in der NHL unter fünf Prozent.
Zu ihnen gehört Darnell Nurse, Verteidiger der Edmonton Oilers und Spross einer großen Einwandererfamilie mit Wurzeln auf der Karibikinsel Trinidad, die in der kanadischen Stadt Hamilton zu Hause ist. Seine Erfahrungen mit tagtäglichem Rassismus haben dafür gesorgt, dass er sich inzwischen zum Beispiel in der NHL-Spielergewerkschaft engagiert. „Es ist für jeden Betroffenen hart“, lautet seine Diagnose. „Du solltest nicht tagtäglich Rassismus ausgesetzt sein. Aber du musst einfach stark sein und an dich selbst glauben.“
Nurse verfügt über einen Vorteil, den viele schwarze Eishockeytalente nicht haben. Er ist in einer Familie mit erfolgreichen Sportlern aufgewachsen. Sein Vater hatte professionell kanadischen Football gespielt, ein Onkel mütterlicherseits in der NFL in den USA. Seine Schwester Kia steht bei den Chicago Sky in der amerikanischen Frauenbasketballliga WNBA unter Vertrag. Und seine Cousine Sarah Nurse gehört zu den stärksten Spielerinnen in der kanadischen Eishockeynationalmannschaft, die so glücklos wie die Männer in Mailand das Finale gegen die USA verlor und nur Silber gewann. Sie ließ sich trotzdem nicht entmutigen: „Ich habe ein Mantra: mit Langmut und positiver Attitüde im Augenblick leben.“ Sie wird schließlich gebraucht – als Stammkraft der Vancouver Goldeneyes in der Professional Women’s Hockey League in der dritten Saison einer Liga, die auf wackligen Beinen steht, aber einen wachsenden Zuspruch unter den Eishockeyfans verzeichnet.
