Bevor Wolf Biermann im November neunzig wird, kündigen sich regelrechte Biermann-Festspiele an: Am Mittwochabend wird er auf der Frankfurter Buchmesse auftreten, dann folgen gleich drei Konzerte zum fünfzigsten Jubiläum seines legendären Kölner Konzerts von 1976, das zu seiner Ausbürgerung aus der DDR führte, ein Dokumentarfilm kommt ins Kino – und es erscheinen, neben einem Kinderbuch von ihm, das ein „modernes Märchen über die Menschenfreundlichkeit“ enthält, die beiden auf dieser Seite angezeigten Bände mit Tagebüchern und Gedichten. Die markieren zugleich einen Verlagswechsel – noch einen, muss man sagen. Denn während Biermann in der Bundesrepublik vor der Wiedervereinigung nach Anfängen bei Wagenbach lange und noch bis 2006 bei Kiepenheuer & Witsch beheimatet war, erschien sein Werk zuletzt vor allem bei Hoffmann und Campe.
Von jetzt an erscheint es bei Penguin. Biermann habe, so heißt es in einem Statement des neuen Verlags, in den letzten zwanzig Jahren in verschiedenen Häusern veröffentlicht. „Das war eine gute Zusammenarbeit“, sagt er, „aber nicht hinreichend für das Gesamtwerk.“ Dieses habe er nun Penguin anvertraut, und man wolle es dort „systematisch herausbringen“.
Bis dahin ist die Selbstsicht maßgeblich
Bei den hier veröffentlichten Tagebucheinträgen, gruppiert um die Themen Verbot, Ausbürgerung und Mauerfall, handelt es sich allerdings nur um die Spitze des Eisbergs. Denn aus dem Vorwort des Herausgebers erfahren wir: Es stehen gut 120 Umzugskartons voll Material im „Vorlass Biermann“ in der Berliner Staatsbibliothek, darin 220 handschriftlich geführte Tagebücher, die knapp 50.000 Seiten umfassen. Bei Penguin ist eine Reihe von Tagebuchbänden geplant. „Biermanns Tagebücher werden wissenschaftlich noch erforscht werden müssen“, so Ilko-Sascha Kowalczuk, „bis dahin ist die Selbstsicht maßgeblich.“
Das ist ein vorderhand belustigender, vielleicht etwas vergifteter Satz, der auch bedeuten könnte: Diese Sicht hat er bisweilen exklusiv. Auch das würde Biermann vermutlich gar nicht stören. Er teilt, hier belegt seit 1961, munter aus gegen dumme Funktionäre ebenso wie gegen gute Freunde. Er schreibt zum Beispiel: „Robert ist mir fremd, wie ein schales Bier zuwider.“ Dann wieder lobt er die „kindliche Freundschaft“ zu Robert Havemann. Und später, als ihn einmal Joan Baez in der Chausseestraße medienwirksam besucht und mit ihm im Kabarett „Die Distel“ auftritt, den Ausgestoßenen damit aufwertet, schwärmt er von ihr – und urteilt doch im selben Eintrag: „Joan ist eine größere Person, als sie eine Sängerin ist. Ihre Stimme hat nichts Besonderes, aber ihre Ausstrahlung ist erstaunlich.“ Der Sänger der zarten Zeilen „Du, laß dich nicht verhärten“ – er konnte trotzdem sehr hart sein.
Ein Brief an den Vater in Auschwitz
Biermann, der 1953 freiwillig von Hamburg in die DDR übersiedelte, fühlte sich dort kaum sehr heimisch, erst recht wohl nicht in der Literatur, wie aus einem Schmäh gegen die Monatszeitschrift „Neue Deutsche Literatur“ von 1963 erhellt: „O welches Stinkvolk! Welche Scheißliteratur! Welche Afterwissenschaft und welche Latrinen – Provinz!“ Das war noch vor dem totalen Auftritts- und Publikationsverbot, mit dem er 1965 belegt wurde.

Aber er spart auch nicht mit Kritik an Westdeutschland. „Der Westen legte mir das Brot des Verräters, das weiße weiche, auf den Tisch, der Osten macht mich den Weizen in die Erde legen“, heißt es einmal, fast biblisch anmutend, dann wieder sind beide Seiten schlecht, und „Deutschland ist ein Schandfleck auf dem Erdapfel, es ist das faule Loch, in das die Würmer kriechen, es soll verflucht sein. Ich bin Jude.“
Zu Biermanns Judentum enthält dieser Band vieles Interessante, auch zum „schlimmen Antisemitismus“, den es im sozialistischen Lager gebe. Aus dieser Einsicht folgert er 1963: „Ich hab Haß.“ Zu den erschütterndsten Momenten der Lektüre gehören aber nicht die Hass-Stellen, sondern die von Liebe wie die folgende. Nach dem 22. Parteitag der KPdSU in Moskau 1961 notiert Biermann in seiner typischen Mischung aus Ironie, literarischer Verspieltheit und bitterem Ernst: „Sie bauen jetzt den Kommunismus, antwortet da der Rabatoma. Gut, sag ich, gleich will ich einen Brief nach Auschwitz an meinen Vater schicken, der wird sich freun, sorg dich, sag ich, schreib ich, nicht länger, Genosse Vater Antifaschist. Wir haben die Methoden deiner Mörder abgelegt und schlagen sie jetzt Zug um Zug mit Milch und Brot und Freundlichkeit.“
Dem Sozialismus noch eine Chance
Dass Wolf Biermann so lange am Ideal des Kommunismus festhielt, weil er glaubte, es seinem in Auschwitz ermordeten kommunistischen Vater Dagobert Biermann zu schulden, wird hier sehr deutlich. Und Kowalczuk spitzt in seinem den Band begleitenden Essay noch zu: „So wie Dagobert seinen Henkern nicht hatte entkommen können, so gab es für Wolf kein Entrinnen vor der Last: Der Tod des Vaters, der Tod so vieler dürfe keineswegs umsonst gewesen sein.“
Ob Last oder Lust – seine Wunschvorstellungen von Gesellschaft und Staat gab Wolf Biermann selbst 1989 noch nicht auf, wie aus einigen der letzten Einträge in diesem Band hervorgeht. Am 11. November, just nach der Maueröffnung, heißt es: „Aber ich gebe dem Sozialismus doch noch eine Chance in der DDR.“ Dann, am 18. November schon: „Die Stimmung kippt in Richtung Wiedervereinigung à la BRD. Man traut der DDR keine Chance zu.“
Da denkt man noch einmal an den Anfang des Buches zurück. Dort stand: „Ich hab Lust, Deutschland zu einem blühenden freiheitlichen schöpferischen lustigen Land zu machen.“
Wolf Biermann: „Ihr löscht das Feuer mit Benzin“. Tagebücher. Über Verbot, Ausbürgerung und Mauerfall.
Hrsg. und Vorwort von Ilko-Sascha Kowalczuk. Penguin Verlag, München 2026. 416 S., geb., 32,– €.
