
Der exilrussische Schriftsteller Dmitry Glukhovsky hat den ersten russischen Roman über die vom andauernden Krieg und den Repressionen deformierte Gesellschaft seines Heimatlandes geschrieben, gratis ins Netz gestellt und damit heftige Diskussionen unter seinen Landsleuten im Ausland ausgelöst. Das Buch mit dem Titel „Registrazia“ (Die Registrierung) erzählt die für das heutige Russland typische Geschichte von der jungen Provinzlerin Uljana, die von ihrem in der Ukraine kämpfenden Freund schwanger ist und, als dieser schwer verwundet in einer Moskauer Militärklinik auftaucht, schleunigst ihre Ehe mit ihm registrieren lassen will, um sich das für ihre Verhältnisse fürstliche Witwengeld zu sichern.
Wie Uljana die Mutter ihres Bräutigams austrickst, die die Hinterbliebenenzahlungen nicht teilen will, wie sie mit ihrem Moskauer Onkel, einem liberalen Intellektuellen, aneinandergerät und ihn denunziert, das folgt einer spannungsvollen Dramaturgie, verwendet eine Fülle von durch unabhängige Medien dokumentierter Fakten und bietet sich als Filmsujet geradezu an. Im kommenden Frühjahr soll Glukhovskys „Registrierung“ im Blessing Verlag auf Deutsch herauskommen.
In dem totalitären Sittenbild, das der 47 Jahre alte Glukhovsky entwirft, kommt keine Figur gut weg. Die Mutter des Soldaten verplant schon dessen Sold für ihre Wohnungsrenovierung. Der vergleichsweise wohlhabende Onkel, ein Buchhändler und Putin-Gegner, ist stolz auf seine „richtige“ Einstellung und putzt die arme Nichte als Kriegsgewinnlerin herunter. Der Oberarzt der Abteilung, wo der Soldat, dem beide Beine amputiert wurden, liegt – Erzählungen von Kameraden legen nahe, dass seine Verwundung viel zu spät behandelt wurde –, fordert dafür, dass er die standesamtliche Trauung am Krankenbett organisiert, ein fettes Schmiergeld. Und aus der anfangs schüchternen Uljana macht die Erfahrung, dass sie als Braut eines Ukrainekämpfers die Staatsmacht hinter sich hat, ein Rachemonster. Nur ihr Bräutigam selbst, der, aus dem Narkoseschlaf geweckt, mit letzter Kraft erzählen kann, dass der Ukrainefeldzug falsch sei und ihn deswegen Träume verfolgten, erscheint hier vor allem als ein Opfer.
Ein moralischer Imperativ
Glukhovsky schildert im fünften Jahr von Russlands Krieg, dessen Propagandisten die Ukrainer als „Nazis“ dehumanisieren, wie dieser Krieg umgekehrt selbst Russen, die fern vom Frontgeschehen leben, in Unmenschen verwandelt. Der Schachspieler und Oppositionspolitiker Garri Kasparow und der Soziologe und Journalist Konstantin Gaase, die beide finden, alle in Russland gebliebenen Menschen seien prinzipiell mitschuldig am Krieg, stimmen diesem Befund emphatisch zu. Der Literaturkritiker Gleb Morew bezweifelt freilich, dass ein Autor wie Glukhovsky, der schon lange nicht mehr in Russland lebt, die russische Gesellschaft adäquat schildern könne.
Der Filmkritiker Anton Dolin hält dem entgegen, in Russland könne man dergleichen Bücher allenfalls für die Schublade schreiben. Daher sei es für einen Autor, der sich in der Emigration frei äußern könne, ein moralischer Imperativ, solch einen Text zu verfassen. Literaturkritiker begrüßen das Buch denn auch als zeitgemäße Gestaltung des für die russische Belletristik zentralen Themas des „kleinen Menschen“. Die Publizistin Anna Narinskaya findet Glukhovskys Figurenzeichnung eindimensional, lobt aber, dass er zeige, was für ein Privileg es sei, Putin kritisieren zu können.
Für Denunzianten und Zensoren gibt es noch viel zu tun
Im russischen Netz tadelt eine Kritikerin, der „ausländische Agent“ Glukhovsky schildere in seinem Buch ein längst vergangenes Moskau, wo in Straßenkiosken Alkohol verkauft werde – was darauf schließen lässt, dass der Text auch in Russland viel gelesen wird. Dort ist unterdes gerade der Roman „Top’“ (Sumpf) der 39 Jahre alten Autorin und Journalistin Valeria Troizkaja herausgekommen, der mit den liberalen Intellektuellen im russischen Kulturleben abrechnet, die nach ihrer Diagnose weiterhin einen patriotischen Aufbruch torpedieren. Troizkajas Heldin, ebenfalls eine junge Provinzlerin, beobachtet das Petersburger Theaterleben und ist entsetzt, dass Regisseure, Kritiker, Universitätsdozenten ihr eigenes Land sowie die meisten ihrer Mitbürger als „Sklaven“ oder „Barbaren“ verachten.
Troizkajas Alter Ego im Roman gehört jener Minderheit an, die patriotische Stücke über den Donbass oder den Zweiten Weltkrieg auf der Bühne sehen will, sie begrüßt die Emigrationswelle 2022 als „Selbstreinigung“ von Kultur und Gesellschaft, muss dann aber feststellen, dass stille Liberale oder aus Europa Zurückgekehrte, die über geheime Wege Mittel aus dem Westen erhalten, weiterhin den erhofften nationalen Boom in der Theaterkunst ausbremsen. Das von der staatstragenden Kritik und Russlands Literaturguru Sachar Prilepin hochgelobte Buch signalisiert, dass es im Kulturleben des Landes für Denunzianten und Zensoren noch viel zu tun gibt.
