
Die Schülerproteste mit teilweise massiver Gewaltanwendung schrecken Frankreich auf. Sie fallen in eine Zeit, in der sich nicht nur die Polarisierung der politischen Debatte verschärft, sondern sich auch die ökonomischen Perspektiven eintrüben. Frankreichs Wirtschaftsleistung sank im ersten Quartal um 0,2 Prozent und stagnierte im zweiten Quartal. Zugleich beurteilen die Finanzmärkte die Staatsverschuldung immer kritischer. Der Risikoaufschlag von französischen Anleihen gegenüber deutschen betrug am Montag rund 140 Basispunkte. Zum Vergleich: Anfang September waren es noch weniger als 90 Punkte.
„Es gibt kein Wachstum mehr“, beklagte Arbeitgeberpräsident Patrick Martin mit Blick auf den von der Regierung vorgelegten Entwurf für einen Sparhaushalt, mit dem die Abgabenlast für Unternehmen weiter steigen soll. Frankreich sei „schon jetzt in einer leichten Rezession“. Mit seinem Klagelied ist Martin nicht allein: Das nationale Statistikamt Insee vermeldete im September ein verschlechtertes Geschäftsklima, das Meinungsforschungsinstitut Odoxa in einer Umfrage den größten Pessimismus in der Bevölkerung seit Beginn der Erhebung im Jahr 2006. 90 Prozent der Franzosen blicken demnach skeptisch in die wirtschaftliche Zukunft ihres Landes. Der Verfall von Schulen und anderer staatlicher Infrastruktur ist in der öffentlichen Debatte omnipräsent.
Die trübe Stimmung ist kein neues Phänomen, sondern lässt sich mit der Parlamentsauflösung im Sommer 2024 in Verbindung bringen. Seither wird Frankreich nicht mehr stabil regiert, seither stagniert das Geschäftsklima, seither beklagen Unternehmen eine Rückabwicklung der Reformpolitik von Präsident Emmanuel Macron. Die Wachstumsraten sind schwach, der Aufschwung am Arbeitsmarkt ist zum Erliegen gekommen. Seit 2024 ist die Arbeitslosigkeit in jedem Quartal gestiegen. Nach Zahlen des nationalen Statistikamts Insee stieg sie in diesem Zeitraum von 7,4 auf 8,3 Prozent.
Die Folgen können weitreichend sein
Junge Franzosen trifft diese abgeschwächte Arbeitsmarktdynamik überdurchschnittlich stark. So ist die Arbeitslosenquote nach Insee-Zahlen in der Altersgruppe der 15- bis 24-Jährigen zwischen dem zweiten Quartal 2024 und dem zweiten Quartal dieses Jahres von 18 auf 21,6 Prozent gestiegen – dabei lag sie im europäischen Vergleich schon vorher hoch, im Vergleich zu Deutschland gar mehr als doppelt so hoch. „Für junge Menschen liegt das Hauptproblem im Zugang zum Arbeitsmarkt, und darin, nach Abschluss ihrer Ausbildung eine erste feste Anstellung zu finden“, betont Tomasz Michalski, Ökonomieprofessor an der Pariser Wirtschaftshochschule.
Erschwerend hinzu kommt: Junge Franzosen erhalten, wenn sie denn einen Arbeitsplatz finden, längst nicht so leicht wie in Deutschland einen unbefristeten Arbeitsvertrag. Viele Unternehmen schrecken wegen des strengen Kündigungsschutzes und der hohen Sozialabgaben davor zurück. Junge Franzosen benötigen im Durchschnitt 19 Monate, um ihren ersten unbefristeten Arbeitsvertrag zu erhalten, analysierte Insee vor drei Jahren. Bei Menschen mit geringem oder keinem Bildungsabschluss seien es gar 34 Monate. Die Folgen können weitreichend sein: unsichere Zukunftsperspektive, erschwerte Familienplanung, Nachteile bei der Aufnahme eines Immobilienkredits.
Viele Einstiegsjobs könnten verschwinden
Die Reformen in den ersten Jahren von Macrons Präsidentschaft hätten viel bewirkt, sagt HEC-Ökonom Michalski. Durch die Förderung der betrieblichen Ausbildung sei die Zahl der Auszubildenden von rund 300.000 im Jahr 2017 auf 900.000 im Jahr 2024 gestiegen. Doch der Fortschritt war nicht nachhaltig. Dass die Jugendarbeitslosigkeit seither wieder steigt, ist Michalski zufolge nicht zuletzt auf gekürzte Fördermittel zurückzuführen.
Zu all dem gesellt sich neues Ungemach: die Künstliche Intelligenz. Einer jüngsten Umfrage des französischen Verbandes der Personalchefs zufolge haben schon zehn Prozent der Arbeitgeber wegen der zunehmenden Verbreitung von KI-Anwendungen ihre Einstellungen von Berufseinsteigern und Auszubildenden reduziert. Weitere 22 Prozent gaben demnach an, über eine solche Reduzierung der Einstellungen nachzudenken.
Viele Einstiegsjobs könnten durch die durch KI vorangetriebene Automatisierung verschwinden, sagt Ökonom Michalski. Der Einstieg in den Arbeitsmarkt würde dadurch auch für diejenigen mit Hochschulabschlüssen auf Master-Niveau immer schwieriger.
