Ein noch warmer Freitagabend, auf dem unteren Abschnitt der Berger Straße ist viel los. Jugendliche stehen für ihre Açaí-Bowl in der Schlange, daneben sitzen Gäste beim Asiaten, Anwohner versuchen durchzukommen, Autofahrer suchen Parkplätze, es dröhnt Musik. Dazwischen, über die ganze Straße verteilt, liegt Müll, vor allem leere Plastikbecher. Sie stehen oder liegen mitten auf dem Weg, an Hauswänden, neben Bäumen, auch vor den noch üppig blühenden Beeten im nahen Bethmannpark. In vielen sind die Reste von Açaí-Püree erkennbar. Mit dem angesagten Superfood ist ein Müllproblem auf der beliebten Ausgehmeile im Frankfurter Nordend entstanden, die in einem der beliebtesten Wohnviertel der Stadt liegt.
Fünf Açaí-Läden gibt es auf der Berger Straße. Einer, das „Rio“, ist seit dem 17. September geschlossen. An jenem Donnerstagmorgen explodierten zwei Sprengsätze in der Frankfurter Innenstadt, einer davon vor dem Açaí-Laden. Die Polizei ordnet die Anschlagsserie „eindeutig“ dem Phänomen „Violence as a Service“ zu. Dabei werden meist junge Täter angeworben, um mit Anschlägen wie diesem gewaltvolle Botschaften von verfeindeten Hintermännern zu überbringen. Die Polizei ermittelt. Das „Rio“ ist noch vernagelt, hat aber angekündigt, bald wieder zu öffnen.
„Beliebt? Nicht bei uns“
Nach dem Anschlag hat sich eine Nachbarin an die Redaktion gewandt, weil die F.A.Z. das „Rio“ als beliebt beschrieben hatte. „Beliebt? Nicht bei uns“, sagt die Frau, die ihren Namen nicht gedruckt sehen möchte. Wenigstens ein Dutzend achtlos weggeworfene Becher sehe sie jeden Tag auf ihrer Straße, über den gesamten Sommer habe sie weit über hundert gezählt. „Wenn Menschen sehen, dass Becher einfach abgestellt werden, stellen sie ihren Pizzakarton dazu“, sagt sie. Wenn sie Jugendliche gebeten habe, ihren Müll mitzunehmen, hätten einige eingelenkt, andere hätten sie nachgeäfft.

Die Frau ist genervt, und sie kümmert sich. So hat sie sich ans „lila.“ gewandt, die Açaí-Bar schräg gegenüber vom aktuell geschlossenen „Rio“, und gebeten, die bunten Breie in Mehrwegbechern auszugeben. Das Ordnungsamt hat sie angerufen, sogar das Amt für multikulturelle Angelegenheiten. „Wieso kriegt die Stadt ein so kleines Problem nicht in den Griff?“ Die Frau wünscht sich Aufklärung an Schulen, Kontrollen, spürbare Bußgelder und eine Steuerung bei der Ansiedlung neuer Läden: „Es kann nicht jeder machen, was er will.“ Sie fühle sich fremd in ihrem Viertel, in das neuerdings immer mehr Menschen von außerhalb kämen.

Eine Anwohnerin, die direkt über dem „Rio“ wohnt und ebenfalls anonym bleiben möchte, beschreibt den Alltag vor ihrer Tür. „Man kommt in seine Hauseingänge teilweise nicht mehr rein“, sagt sie. Auf den Stufen sitzen junge Leute und löffeln Açaí-Pürees. Reste aus den weggeworfenen Bechern kleben auf dem Bürgersteig, Fensterbrettern und an Fahrradständern, auch ihr Rad habe es schon erwischt. Abends stünden fast bis Mitternacht Menschen vor dem Haus, neben der Kundschaft auch Leute, die das Geschehen im Lokal stundenlang beobachten. Aus den Läden dröhne Musik.
In der Nachbarschaft werde schon über eine Bürgerinitiative gesprochen, erzählt die junge Frau. Anwohner fotografierten den Abfall, um dem Ordnungsamt die Menge zu belegen. Sie höre, dass manche den Ärger auf die Herkunft der Gäste bezögen, erst recht nach dem Anschlag auf das Rio. „Dann wird schnell über einen Kamm geschert. Das ist total gefährlich“, sagt sie.
Kunden werfen den Müll rum, Ladenbesitzer sollen sich kümmern
Kaweh Nemati, Vorsitzender der Interessengemeinschaft Untere Berger Straße und selbst Geschäftsinhaber auf der Berger, sieht die Lage nüchterner. Natürlich seien es nicht die Ladenbesitzer, die den Müll hinterließen. Als Einzelhändler kenne er das: „Wenn Kunden meine Ware aus der Tüte nehmen und die Tüte wegwerfen, wäre das erst mal nicht meine Schuld. Es wäre aber mein Problem, wenn das täglich 200 Mal passiert.“ Er nennt es eine „Verhaltensfrage“ und beobachtet die Vermüllung schon seit der Corona-Zeit: Pizzakartons, Döner-Papiere und Kaffeebecher seien auch vor der Eröffnung des ersten Açaí-Ladens herumgeflogen.
Die Stadt reinigt die Berger Straße inzwischen siebenmal pro Woche, inklusive Sonntagmorgen. Auch größere Mülleimer wurden verteilt. „Man kann nicht sagen, die Stadt macht nicht sauber“, sagt Nemati. Er findet, die betroffenen Läden könnten eigene Mitarbeiter mit Müllsäcken losschicken. Rund 90 Betriebe säßen an der Straße, „maximal fünf“ schädigten ihren Ruf „immens“. Wenn Anwohner nicht mehr gern in der eigenen Straße einkauften, verlören die etablierten Läden ihre Stammkundschaft.
„Wir können nicht die Menschheit kontrollieren“
Daran ist auch Aryan Assar nicht gelegen, Leiter der „lila.“-Filiale an der Berger Straße. Vor seinem Geschäft lägen jeden Morgen etliche Becher, von allen möglichen Läden, erzählt Assar. Er versteht das als Botschaft der Nachbarn: „Hey, das stört.“
Deshalb habe man schon die Terrasse vor dem Laden abgebaut, damit die Wartenden nicht den Gehweg blockieren, und in den sozialen Netzwerken per Video gebeten, Müll ordentlich zu entsorgen. Dass die Mini-Kette, die auch in Wiesbaden ein Geschäft betreibt, ein Mehrwegsystem einführe, sei „so gut wie sicher“. „Wir warten darauf, dass die Cups mit unserem Branding fertig sind.“ Allerdings: Die Mehrwegbecher würden alternativ zur Einwegverpackung angeboten und auch sie könnten auf der Straße landen, „dann beschweren sich die Leute genauso“. Er könne nicht alle Menschen kontrollieren.
Für den Müll außerhalb seines Ladens sieht Assar die Stadt in der Pflicht. „Wir müssen im Umkreis von zehn Metern sauber machen. Für alles andere ist die Stadt verantwortlich“, sagt er. Wenn es gar zu schlimm wird, schicke er schon mal jemanden zum Saubermachen. Und mit anderen Geschäftsleuten hätten sie schon überlegt, einen Aktionstag zu organisieren. „Wir versuchen, Frieden in der Nachbarschaft zu halten.“ Er sagt aber auch: Wer auf der Berger Straße wohne, müsse sich bewusst sein, dass er an einer Straße lebe, „wo Leute kommen, um zu essen und zu chillen“.

Die Stadt schickt Reinigungsteams und Botschafter
Das Umweltdezernat bestätigt auf Anfrage eine „Zunahme an Littering-Müll durch Einwegverpackung (Superfood-Bowls)“ in der unteren Berger Straße und im Bethmannpark. Das Verpackungsgesetz nimmt kleine Take-away-Geschäfte mit weniger als 80 Quadratmetern Verkaufsfläche von der Mehrwegpflicht aus, die Stadt kann gegen Angebote in Wegwerfgeschirr also nichts tun. Auch ordnungsrechtlich könne sie nicht gegen die Läden vorgehen, denn die Verunreinigungen würden „faktisch von den vielen Kunden verursacht“.
Als Reaktion auf die Beschwerden schickt die Stabsstelle Sauberes Frankfurt nachmittags kleine Reinigungsteams, „Sauberkeitsbotschafter“ appellieren an die meist jungen Kunden, das Ordnungsamt unterstütze mit „360-Grad-Kontrollen“. Im Juni schon habe die Stabsstelle das Gespräch mit Betreibern gesucht, damit diese auf ihre Kunden einwirkten und Mehrweg vorantrieben. Über die IHK laufe zudem ein Austausch mit Gastronomieverbänden.
