Die Vereinigten Staaten von Amerika begingen in diesem Sommer ihr „Semiquincentennial“, den zweihundertfünfzigsten Jahrestag ihrer Gründung. Das autoritäre Dominanzstreben der Trump-Regierung trat bei dieser Gelegenheit mit besonderer Deutlichkeit hervor. Die Feierlichkeiten waren Teil eines Versuchs, den Charakter der amerikanischen Nation festzulegen: als Ordnung, die demokratische Formen beibehält, pluralistische Geschichtsbilder aber präsidialer Macht, wirtschaftlichen Interessen und medialer Inszenierung unterstellt.
Die Feier am 4. Juli 2026 in der Bundeshauptstadt Washington zeigte dies in besonders grober Form. Es blieb nicht beim traditionellen Feuerwerk, nicht beim Konzert auf den Stufen des Kapitols und nicht bei jenem Publikum, das sich an früheren Unabhängigkeitstagen mit Klappstühlen und Picknickkörben auf der Mall einfand. Aus dem nationalen Feiertag wurde ein ganztägiges, für Kameras und Bildschirme eingerichtetes Spektakel: mit einer politischen Rede des Präsidenten, einem als Rekord angekündigten Feuerwerk und, im Rahmen der Flugshow, dem Debüt der neuen, aus Qatar stammenden Präsidentenmaschine. Gerade weil weder Kongress noch Oberster Gerichtshof über ein vergleichbares Symbol verfügen, band dieser Überflug den Geburtstag der Republik an die Exekutive. Neu war daran nicht, dass ein nationaler Geburtstag politisch genutzt wurde. Neu war die Offenheit, mit der aus der Feier der Republik eine präsidiale Machtdemonstration gemacht werden sollte.
Wie feiert man einen unabgeschlossenen Konflikt?
Auch frühere runde Geburtstage der Vereinigten Staaten waren Schauplätze geschichtspolitischer Kämpfe. Vor dem Hintergrund der früheren Jubiläen treten aber zum einen die politische Anmaßung und zum anderen die jüngste zivilgesellschaftliche Zurückhaltung deutlicher vor Augen. Blickt man zurück auf das „Centennial“ des Bürgerkrieges in den Jahren 1961 bis 1965 und auf das „Bicentennial“ der Unabhängigkeitserklärung 1976, dessen Geschichte die Historikerin Jill Lepore im März im „New Yorker“ erzählt hat, kann man politische Zentralisierungsversuche und gesellschaftliche Widerstandskraft beschreiben. Richard Nixons Versuch, das Jubiläum von 1976 präsidial, parteinah und großunternehmensfreundlich zu vereindeutigen, scheiterte an energischem öffentlichem Widerspruch.
1957 setzte der Kongress eine Kommission ein, die das Hundertjahrgedenken des Civil War vorbereiten sollte. Der Kalte Krieg bildete den internationalen Rahmen, die Bürgerrechtsbewegung bald den innenpolitischen. Statt jedoch eine nationale Einheit zu stiften, machten die Feierlichkeiten sichtbar, wie wenig abgeschlossen der Konflikt war. Die Rassentrennung im Süden bestand fort; schwarze Amerikaner forderten staatsbürgerliche Gleichheit; weiße Südstaatler hielten an einer Erinnerung fest, in der die Konföderation als ehrenvolle regionale Ordnung erschien. In Montgomery, der Hauptstadt von Alabama, wurde 1961 der Jahrestag der Amtseinführung von Jefferson Davis als erstem und einzigem Präsidenten der Konföderierten Staaten gefeiert. Solche Veranstaltungen ästhetisierten eine politische Ordnung, deren rassistischer Kern noch wirksam war. Der Versuch der Kommission, Nord und Süd in einer gemeinsamen Geschichte von Tapferkeit, Opfermut und nationaler Versöhnung zusammenzuführen, verstrickte sich zwangsläufig in Widersprüche.
Als Präsident Lyndon B. Johnson 1966 die American Revolution Bicentennial Commission (ARBC) einsetzte, war diese Erfahrung ganz frisch. Die Feier der Unabhängigkeitserklärung sollte ein anderes Jubiläum werden. In Johnsons Great Society sollte Freiheit nicht nur erinnert, sondern durch Bürgerrechte, Armutsbekämpfung und Stadtentwicklung sozialpolitisch eingelöst werden. Allerdings war diese Sprache bereits beschädigt. Der Vietnamkrieg unterspülte den finanziellen Freiraum und die moralische Autorität der Regierung. Am Ende der Sechzigerjahre war der Konsens der Nachkriegszeit zerbrochen. Zwar blieb die Revolution von 1776 ein gemeinsamer Bezugspunkt, offen aber war, in welchen Rahmen sie nun eingefügt wurde. Wofür sollte Amerika zusammenstehen?
Planung für den Höhepunkt einer zweiten Amtszeit
Nixon erkannte den politischen Nutzen des anstehenden Jubiläums. Nach seinem Wahlsieg von 1968 richtete er die Kommission neu aus. Führende Posten gingen an politische Vertraute und republikanische Unterstützer, der Planungshorizont wurde deutlich verkürzt. Die Feierlichkeiten sollten nicht mehr bis zum zweihundertsten Jahrestag des Friedens von Paris 1983 reichen, sondern am 4. Juli 1976 kulminieren – in jenem Zeitraum, der als Höhepunkt einer zweiten Amtszeit Nixons gedacht werden konnte. Im Zentrum sollten amerikanischer Patriotismus, Huldigungen an eine freie Wirtschaft und die konservativen Vorstellungen der von Nixon beschworenen „Silent Majority“ stehen.
Zunächst wurde eine internationale Ausstellung in Philadelphia ins Auge gefasst, in Erinnerung an die dortige Centennial Exhibition von 1876. Auch dauerhafte Infrastrukturprojekte und repräsentative Erinnerungsorte wurden erwogen, aber die Vorhaben kamen nicht voran, denn der Kongress zögerte, die Bewohner betroffener Stadtviertel wehrten sich, und Kostenfragen blieben offen. Vor allem aber wuchs die Skepsis gegenüber Washington. Je stärker die Feier als Projekt Nixons erschien, desto weniger eignete sie im Schatten von Vietnam und dem sich entfaltenden Watergate-Skandal dazu, das öffentliche Vertrauen in die Republik zu erneuern.

1972 kam dann der Bicentennial-Skandal hinzu. Die „Washington Post“ veröffentlichte Unterlagen der Kommission, die sie in Anspielung auf die Pentagon Papers, die 1971 publizierten Geheimunterlagen zum Vietnamkrieg, als „Bicentennial Papers“ bezeichnete. Die Dokumente legten bloß, wie die ARBC die Feier politisch zu kontrollieren versuchte. Graswurzelinitiativen konnten bei der Kommission beantragen, symbolisch unter ihren Schirm zu schlüpfen, aber die Kommission – so wurde jetzt bekannt – verweigerte politisch auffälligen Veranstaltungen ihre Unterstützung. Die Politik des Präsidenten wurde zum Lackmustest. „Man kommt nicht umhin, sich zu fragen, auf welcher Seite die ARBC-Leiter während der Amerikanischen Revolution gestanden hätten. Es ist verlockend, sie in die Reihen der Tories einzuordnen“, hieß es ironisch in der Hauptstadtzeitung, die im gleichen Jahr 1972 im Watergate-Skandal ermittelte. „Es ist durchaus möglich, dass Georg III. sie als Verbündete betrachtet hätte, wenn auch – nach ihrem bisherigen Auftreten zu urteilen – als ziemlich unfähige.“
Jeremy Rifkin erzwang die Publizität
Die Dokumente waren nicht zufällig an die Öffentlichkeit gelangt. Der Publizist Jeremy Rifkin, damals 27 Jahre alt, der später auch in Deutschland als Autor populärwissenschaftlicher Sachbücher sehr bekannt werden sollte, hatte die Veröffentlichung mit seiner 1971 gegründeten People’s Bicentennial Commission (PBC) juristisch erstritten. Schon die Bezeichnung seiner Organisation war eine Provokation, denn gegen die ARBC trat eine „Kommission des Volkes“ auf, die das Logo der offiziellen Kommission ungefragt für sich beanspruchte. Rifkins Gruppe gehörte zur Linken nach Vietnam, aber sie suchte ihre Legitimation nicht mehr in Havanna oder Peking, sondern in Boston und Philadelphia. Sie reklamierte Tom Paine, Samuel Adams, Benjamin Franklin und andere Figuren der Revolution als Vorläufer einer radikalen amerikanischen Tradition. Ihre Kritik richtete sich gegen Konzerne, ökonomische Ungleichheit und die Macht des politischen Establishments. Sie verbreitete keine antiamerikanische Kritik, sondern erklärte sich selbst zum Erben der Revolution. Mit ihrem Vergleich der ARBC mit den einstigen Tories, also den Gegnern der amerikanischen Unabhängigkeit, hatte die „Washington Post“ Rifkins Linie übernommen.
Rifkins Bewegung war nicht die einzige Gegenöffentlichkeit. Afroamerikanische Organisationen forderten, dass schwarze Amerikaner nicht als nachträgliche Nutznießer weißer Freiheitsversprechen erscheinen sollten, sondern als Akteure in der Mitte der amerikanischen Demokratie. Die Afro-American Bicentennial Corporation sammelte Mittel für Erinnerungsprojekte. Museen wie das Anacostia Neighborhood Museum in Washington oder das DuSable Museum in Chicago rückten Objekte und Geschichten in den Vordergrund, die in der klassischen (weißen) Gründererzählung kaum vorkamen. Auch Native Americans, Frauen, Arbeiter, Einwanderer und lokale Gruppen verlangten ihren Platz in der Feier oder bezogen gegen sie Stellung.

Diese unterschiedlichen Interessen und Identitäten eröffneten die Perspektive einer vielstimmigen Jubiläumsfeier, die tatsächlich zustande kam, als die zentralistischen Ambitionen der ARBC ins Straucheln gerieten. Auf die Publikation der ARBC-Interna reagierte der Kongress mit Untersuchungen. Ende 1973 wurde die diskreditierte Kommission dann durch die American Revolution Bicentennial Administration (ARBA) ersetzt. Ihr Leiter wurde John Warner, ehemaliger Marineminister (und später republikanischer Senator aus Virginia), der etwas von Medien verstand. Keine einzelne Stadt, keine Regierungsebene, kein Ort sollte die Feier dominieren.
Tausende lokale Komitees
Die Paraden, Picknicks, Fernsehsendungen und Souvenirs rund um den 4. Juli 1776 sind vielen Amerikanern lange in Erinnerung geblieben. Stolz publizierte die Kommission 1977 eine Liste Tausender „Bicentennial Communities“, die Veranstaltungen unter dem gemeinsamen Banner organisiert hatten. Das Gedenken war aber weder reine Graswurzelveranstaltung noch pure Kommerzialisierung. Es war etliches zugleich: Misstrauen gegen Washington, eine Aufwertung lokaler Selbstbeschreibungen, eine Öffnung für unterschiedliche Erinnerungskulturen bei ausgeprägter Offenheit für ökonomische Nutzung des Jubiläums.
Am 3. Juli 1976 zog in Washington die American Bicentennial Grand Parade über die Constitution Avenue. Rund zehntausend Teilnehmer, mehr als zweihundert Gruppen, Musikkapellen und Festwagen passierten die Ehrentribüne, auf der Vizepräsident Nelson A. Rockefeller, Bürgermeister Walter E. Washington und andere Würdenträger Platz genommen hatten; der Sänger Johnny Cash fungierte als Grand Marshal. Nach zwei Stunden und vierzig Minuten war der Zug vorüber. Mit etwa 500.000 Zuschauern war es das bis dahin größte öffentliche Ereignis in der Geschichte der Stadt. Die Feier war nicht mehr die Bühne Richard Nixons, der am 9. August 1974 zurückgetreten war, und der nachgerückte Gerald Ford verzichtete auf ein persönliches Machttheater. Die Parade in Washington ließ er aus, um stattdessen Golf in Maryland zu spielen, aber er sprach am 4. Juli in Philadelphia, fuhr nach New York zur großen Segelflottille und kehrte noch am selben Tag nach Washington zurück.

Der Präsident beherrschte die Feierlichkeiten nicht, auch die Proteste gehörten zum Bild. Die People’s Bicentennial Commission veranstaltete am 4. Juli auf der Mall eine Kundgebung gegen Großkonzerne, Medienmacht und soziale Ungleichheit. Aber es blieb eine vergleichsweise kleine Veranstaltung mit etwa 5000 Teilnehmern. Der Auftritt und die Rede Jane Fondas erinnerten die „Washington Post“ an die Sechziger, aber Unterschiede überwogen: „Trotz der bisweilen harschen Rhetorik war die Stimmung bei den gestrigen Demonstrationen weitaus gemäßigter als bei den Antikriegs- und Bürgerrechtsaufmärschen der Sechziger- und frühen Siebzigerjahre hier.“ Die „New York Times“ notierte in ihrer typischen Ausgewogenheit, die Kundgebung habe „America’s ills“ herausstellen wollen, nachdem die Parade „America’s joys“ betont habe. Insgesamt hatte die PBC ihren Zenit überschritten. Die ARBA hatte die wichtigste Forderung der PBC nach mehr öffentlicher Beteiligung längst übernommen. Der Protest verlor an Relevanz, weil er gewirkt hatte.
Der Vergleich mit 2026 führt nicht zu Nostalgie. Er zeigt vielmehr die Unterschiede. Nach Watergate und den Bicentennial Papers forderten Presse, Kongress und Aktivisten ihr eigenes Recht auf eine nationale amerikanische Vergangenheit ein. Der präsidiale Zugriff auf das Jubiläum geriet ins Leere, weil eine streitbare Öffentlichkeit ihn nicht hinnahm. Auch 2026 ließ sich diese Öffentlichkeit den 4. Juli nicht einfach nehmen. In Städten, Museen, Vereinen, Presse und Familien wurde der Tag weiter als vielstimmiger amerikanischer Feiertag begangen. Doch diese kulturelle Selbstbehauptung ergab kaum politisches Momentum. Der Anspruch der MAGA-Feiern, Amerika exklusiv zu vertreten, blieb ungebrochen.
Axel Jansen ist stellvertretender Direktor des Deutschen Historischen Instituts Washington.
