Die Wärmewende im Keller der Hellerhofschule im Frankfurter Stadtteil Gallus ist fast zu übersehen. Der Wärmetauscher, in dem mit dem heißen Wasser von außen das Heizungswasser in den Rohren der Schule erwärmt wird, ist nicht einmal so groß wie zwei gestapelte Getränkekisten. Die beeindruckende Rohrbatterie der Verteileranlage daneben gab es hingegen auch vorher schon, als noch mit Gas geheizt wurde. Während die Gaskessel verschwunden sind, kamen lediglich die Rohre hinzu, die von außen in das Schulgebäude führen.
Der Anschluss von zusätzlichen Quartieren an die Fernwärme ist ein wesentlicher Bestandteil der Kommunalen Wärmeplanung, die das Stadtparlament am Donnerstagabend beschlossen hat. Der fast 300 Seiten starke Bericht zeigt, wie die Stadt bis 2045 zu einer klimafreundlichen Wärmeversorgung kommen könnte. Zwei Drittel der Wärmeenergie, die Hessens größte Stadt im Jahr benötigt, wird für das Heizen von Gebäuden und das Erwärmen von Wasser verbraucht. Sie kommt derzeit noch zu fast 60 Prozent aus der Verbrennung von Erdgas.
Die Wärmewende spielt daher eine große Rolle auf dem Weg zur klimaneutralen Stadt, indem die aus fossilen Brennstoffen stammende Energie ersetzt wird; und stattdessen aus der Umgebungsluft gewonnen wird, aus der Abwärme von Rechenzentren und Industriebetrieben, dem Erdboden, aus Biomasse oder sogar aus Klärwasser, wofür an der Kläranlage Niederrad eine Großwärmepumpe installiert werden soll.

Die von allen Städten geforderte Kommunale Wärmeplanung sei der Fahrplan für eines der größten Infrastrukturvorhaben der nächsten Jahre, sagt Umweltdezernentin Tina Zapf-Rodriguez (Die Grünen). Auf Karten sind diejenigen Gebiete farblich markiert, die dicht bebaut sind und für die Fernwärmeversorgung infrage kommt. In anderen sind Wärmepumpen und Photovoltaikanlagen das Mittel der Wahl. „Die Wärmeplanung zeigt Eigentümern und Wohnungsunternehmen, was grundsätzlich infrage kommt“, sagt Zapf-Rodriguez. „Sie ist Orientierung, nicht Vorschrift.“
Öffentliche Liegenschaften wie die Hellerhofschule haben als „Ankerkunden“ Bedeutung für den Fernwärmeausbau, wie der Vorstand des Energieversorgers Mainova AG, Martin Giehl, sagt. Die dorthin gelegten Transportleitungen stünden auch anderen Kunden zur Verfügung. Mainova und Stadt haben daher voriges Jahr vereinbart, 60 städtische Liegenschaften bis 2030 an die Fernwärme anzuschließen. Die Schule im Gallus ist die erste, die als Folge dieser Kooperation ihre Wärme von außen bezieht. Der Energieversorger will sein 310 Kilometer langes Fernwärmenetz bis 2040 verdoppeln – was an vielen Baustellen zu sehen ist. Der Anteil des Stadtgebiets, der mit Fernwärme versorgt wird, soll nach Worten der Umweltdezernentin von derzeit 25 Prozent auf 40 Prozent steigen.

Die Wärmeplanung zeige, auf welchem Pfad das Ziel der klimaneutralen Wärmeversorgung sinnvoll und unter realen Bedingungen verwirklicht werden könne, sagt der stellvertretende Leiter des Klimareferats, Marc Gasper. Die Stadt hat sich unter drei Szenarien für eines entschieden, das bis zum Jahr 2045 reicht. Ein Punkt, den das Bündnis Wärmewende kritisiert, weil die Stadt eigentlich beschlossen hat, bis 2035 klimaneutral zu werden. „Unser Leittempo und damit auch unser Druckmittel ist das Jahr 2035“, sagt Umweltdezernentin Zapf-Rodriguez, „2045 ist der Planungshorizont nach dem Gesetz.“ Aber selbst das sei „extrem ambitioniert“, ergänzt Marcus Hummel von der e-think energy research GmbH, die neben weiteren Institutionen an der Erarbeitung der Wärmeplanung beteiligt war.
Eine Konzeptstudie aus dem Jahr 2023 schätzte die Kosten für die Systemumstellung in Frankfurt auf 14 Milliarden Euro, die allerdings nicht allein von der Stadt zu tragen sein werden. Darin nicht enthalten ist der Ausbau des Stromnetzes, das etwa wegen der Wärmepumpen eine größere Rolle spielt. Das bringe neben den Fernwärmeleitungen weitere Baustellen mit sich, und den Bau von Umspannwerken, sagt Zapf-Rodriguez. Nicht nur deshalb will die Umweltdezernentin mit verschiedenen Veranstaltungsformaten für die Wärmewende werben und die Vorteile vermitteln. Ob die eigene Straße in einem Fernwärmeanschlussgebiet liegt, lässt sich zum Beispiel online mithilfe einer interaktiven Karte auf dem Wärmeportal Frankfurt nachsehen. Einen Anschlusszwang an die Fernwärme sieht die Kommunale Wärmeplanung nicht vor.
In der Debatte des Stadtparlaments sagte Tim Englert (Volt), entscheidend für die Akzeptanz der Nutzer seien die individuellen Kosten. Weshalb mehrere Redner kritisch auf die jüngste Fernwärmepreiserhöhung verwiesen. Alexis Passadakis (Die Linke) forderte, die ohnehin größtenteils zum Stadtkonzern gehörende Mainova zu vergesellschaften. Ingrid Häußler (FDP) sah zu viele Widersprüche und Fragen zur Finanzierung offen, während Jens-Friedrich Schneider die Ablehnung der AfD-Fraktion damit begründete, man wolle „keine neuen Schuldenberge zur Lösung eingebildeter Probleme.“
Thomas Schlimme (Die Grünen) hingegen warnte davor, der Klimawandel werde immer heftiger, wenn man nicht gegensteuere. Robert Lange (CDU) nannte es wichtig, dass der Wärmeplan alle fünf Jahre angepasst werden solle. Zwar wünsche man sich, dass es schneller gehe, sagte Roger Podstatny (SPD), aber 2045 sei der richtige Planungshorizont.
Aus Sicht der Industrie- und Handelskammer (IHK) Frankfurt ist die von der Koalition beschlossene Wärmeplanung richtig. Sie gebe Unternehmen, Immobilieneigentümern und Investoren wichtige Orientierung. IHK-Präsident Ulrich Caspar schreibt dabei der energetischen Modernisierung des Gebäudebestands eine Schlüsselrolle für das Gelingen der Wärmewende zu.
