Ein Beutel, ein Spaten, ein Loch im Weinberg, ein paar krakeelende Halsbandsittiche im Überflug und ein Spätsommerabend wie gemalt: Die Szenerie stimmt schon einmal. Das Grüppchen positioniert sich vor dieser Kulisse zum Foto. „Sag Bescheid, wenn wir zu viel lächeln, es soll ja nach Arbeit aussehen“, sagt Winzer Fabian Schmidt vom Weingut der Stadt Frankfurt.
Dann schaufelt Schmidt weiter Erde in den groben Sack, der seinem Bestimmungszweck entsprechend beschriftet ist. „Der Bevölkerung“ steht darauf, denn so heißt das Berliner Kunstwerk im Bundestag, für das die Erde bestimmt ist. Darunter: „Erde aus dem Wahlkreis: Main-Taunus“ und „Im Bundestag vertreten durch: Anna Lührmann“. Erdeinbringungen in das Kunstwerk von Hans Haacke werden nämlich genau dokumentiert, damit man weiß, welche Kreise vertreten sind und welche fehlen. Im Internet ist das auf einer eigenen Website unter derbevoelkerung.de dokumentiert. In Frankfurt und Marburg war man schon besonders eifrig dabei, Erde in die Kunst zu schaufeln, aus dem Main-Taunus-Kreis ist Grünen-Politikerin Lührmann die Erste.
„Das ist hier tiefer Löß-Lehmboden“, erklärt Winzer Schmidt. Die Lage nennt sich Hochheimer Domdechaney, eine Spitzenlage des Rheingaus in bester Südhanglage. Die Erde hält das Wasser gut, selbst in einem Hitzesommer wie dem vergangenen. Allerdings ist die Weinlese schon durch, „die früheste Lese, die wir je gemacht haben“, sagt der Winzer. Am 24. August ging es los, das war angesichts der Reife der Trauben sogar eher spät, aber der Kühltechniker war noch nicht so weit. Ein guter Jahrgang werde das.
Schmidt wirft ein paar hängen gebliebene Träubchen mit in den Sack. „Vielleicht haben wir Glück, und der Samen läuft auf“, sagt er. Die Chance besteht durchaus, denn Wildwuchs wird in dem Innenhof, in dem das Kunstwerk steht, ausdrücklich geduldet.

Am Donnerstag kommt in einem weiteren Sack noch Erde aus Lührmanns Heimatstadt Hofheim dazu. Die Kreisstadt hat leider keine Rheingau-Spitzenlage zu bieten, aber immerhin ein Klimawäldchen. Lührmann hofft, dass es nicht regnet. Die Erde soll noch am gleichen Tag mit ihr im Zug nach Berlin reisen, und suppende Erdsäcke im ICE sind keine angenehme Reisebegleitung. Dann wird die Erde ausgebracht und dokumentiert.
Lührmann sagt: „Man kann vom Plenarsaal direkt draufgucken.“ Und im Blick behalten, ob sich womöglich doch eine Hochheimer Rieslingrebe entwickelt.
