
Jiři Wolker, Vitezlav Nezval, Jaroslav Seifert, Ivan Blatny, František Halas, Jan Skácel lauten die großen Namen dieser vom Poetismus geprägten Dichter, denen sich Ludvík Kundera hinzugesellte, der im Jahr 1943 im Alter von 23 Jahren als Zwangsarbeiter nach Deutschland deportiert wurde. Diese Zeit hat er in einer hypnotischen Erzählung festgehalten, die Eduard Schreiber ins Deutsche übertrug, eine wie im Fieber halluzinierende Prosa, die das Trauma zu bannen sucht: „Berlin–Konstantinopolis“. Nach dem Krieg hatte es Kundera schwer, das Erbe des weltläufigen, alltagszugewandten Poetismus unbeschadet in der Enge der sozialistischen Doktrin zu bewahren, auch wenn im Hoffnungsschimmer des „Prager Frühlings“ die Absicht, Poesie und Leben miteinander zu versöhnen, selbstverständlich mit verkörpert war. Dem kurzen Frühling folgte eine lange Eiszeit, bis endlich das Tauwetter einsetzte.
Auch Mähren liegt am Mittelmeer
Ähnlich wie Václav Havel war Kundera von 1971 bis 1989 mit Publikationsverbot belegt. Viele seiner Gedichte handeln vom Überwintern, vom Leben im Garten, vom – wenn auch äußerlich beschränkten und beengten – Dasein mit Freunden im Märchen einer innerlich schrankenlosen Welt, wo Mähren ans Mittelmeer, die tschechische Provinz an die südfranzösische Provence mit „Feldthymian und Rosmarin“ („wo du nie warst“ – anders als der exilierte Vetter Milan) angrenzt. Die Kleinstadt Kunštat, sein Schreib- und (Über-)Lebensort, wurde in den Siebzigerjahren beispielsweise von den sächsischen Dichtern Wulf Kirsten und Rainer Kunze besucht und bedichtet, sie wurde dank Kundera auch zu ihrer sommerlichen „Provence“. Er hat Kirsten, Kunze wie auch die Generation davor, Peter Huchel und Johannes Bobrowski, ins Tschechische übertragen, sie waren Wahlverwandte in einer Landschaft, die sie mit ihren Gedichten „in Verlängerung / des eignen Atems“ bewohnbar zu machen suchten. Kundera hat dem Freund auch in der Zeit von Huchels Hausarrest in Wilhelmshorst von 1963 bis 1971 die Treue gehalten und ihn materiell wie ideell unterstützt.
Die mährische – geträumt mittelmeerische – Landschaft wurde für Kundera selbst zum Asyl: Denn dort konnte er die lyrische Gegenwelt erschaffen, die in Spuren des zu Stein und Vegetation, in Luft und Wasser Gewordenen und Gewachsenen die ihr gemäßen Bilder findet. In der so wundersam einfachen wie vielgestaltigen Welt seines Mittelgebirges zwischen Flusstälern, wo Karst und Porphyr aufeinanderstoßen, wird die mit ihren Düften nur vom Hörensagen bekannte, unbeschreibliche provenzalische Dichterwelt imaginär herangezoomt: „Rauch beschleicht die Erde / verkriecht in Löcher sich / doch manchmal scheint er / senkrecht aufzusteigen“.
Fünfzehn Zeilen, fünf durch Verse, Enjambements und Ellipsen gedehnte und wieder verdichtete Sätze ohne Punkt, die vom zweifachen Atemholen, einmal zu Anfang, einmal am Schluss, handeln, ein doppelter Atemzug, der in beschränkten Zeiten Herz, Sinne und Geist erweitert – „Atmen, du unsichtbares Gedicht“, könnte mit Rilke das Motto von „Sogar die Sterne sollen abends duften“ sein: Atmen, das die Luft der Provence durch Mähren strömen lässt. Es gibt eine Schwermut, die sich in Frohsinn rettet, es gibt einen schwermütigen Frohsinn, der Beharrlichkeit verströmt, weil er aus tieferen Quellen schöpft, aus einer neben dem Menschzeitlichen existierenden beharrlicheren Natur, welche die vielen atemlosen menschlichen Dauerläufer kaum wahrnehmen. Der Dichter und Übersetzer indes sieht diese andere Erdenzeit neben der Uhrenzeit triumphieren und holt Atem, bis er die Provence in der Lunge hat, sie ihm auf der Zunge liegt, ein mögliches Gespräch mit anderen Dichterzungen und -zeiten entsteht. Auf dem Kunštater Grab des 2010 mit 90 Jahren verstorbenen Ludvík Kundera wächst eine jetzt gertenstarke Ulme, der Baum, der in den Tälern des mährischen Karst, in Sachsen, der Provence oder in Hölderlins „Andenken“ gleichermaßen zu Hause ist.
Ludvík Kundera: „Sogar die Sterne sollen abends leuchten“
Irgendwo atmet jemand
wie in Verlängerung
des eignen Atem Das Gefühl
erinnert dich an eine Szene der Provence
wo du nie warst:
In großen Haufen
verbrennen dort die Landleute im Herbst
Feldthymian und Rosmarin
Rauch beschleicht die Erde
verkriecht in Löcher sich
doch manchmal scheint er
senkrecht aufzusteigen
erinnernd dich irgendwo atmet jemand
wie in Verlängerung
des eignen Atems
Aus dem Tschechischen von Eduard Schreiber
Ludvík Kundera: „Poesiealbum 281“. Aus dem Tschechischen übertragen von Eduard Schreiber. Hrsg. von Bernd Jentzsch. Märkischer Verlag, Wilhelmshorst 2009. Vergriffen.
Von Jan Röhnert ist zuletzt erschienen: „Wildnisarbeit“. Schreiben, Tun und Nature Writing. Arco Verlag, Wuppertal 2025. 160 S., br., 18,– €.
Redaktion Hubert Spiegel
Gedichtlesung Thomas Huber
