
Es war das glückliche Zusammenkommen dreier Umstände, das die Passagiere des Flydubai-Flugs FZ1073 vermutlich vor dem Tod bewahrt hat: ein geistesgegenwärtiger Pilot, einige tatkräftige Passagiere und Ersatzpiloten, die am Ende die Nerven behielten.
Es habe einen „Kampf im Cockpit“ gegeben, teilte die emiratische Fluggesellschaft Flydubai später über die dramatischen Minuten an Bord mit. Der Ko-Pilot stach offenbar mit einem Messer auf Machchhar ein. Kurze Zeit darauf ging das Flugzeug in einen steilen Sinkflug, binnen einer Minute verlor sie etwa 15.000 Fuß an Höhe, rund 4500 Meter. Videos von schreienden und verängstigten Passagieren in der Kabine wurden später veröffentlicht.
Niemand steuerte das Flugzeug
Eine Passagierin, Tali Manes, hatte kurz zuvor mitbekommen, dass sich im Cockpit ungewöhnliche Dinge zutrugen. Als sie ihre Tochter auf die Toilette brachte, habe sie „ein Klopfen an der Tür“ gehört – und dann „den Schrei eines Mannes“, berichtete sie dem israelischen Sender Kan am Donnerstag. Daraufhin habe sie ein Besatzungsmitglied alarmiert. Als sie die Tür zum Cockpit öffneten, „sah ich, dass niemand da war, der das Flugzeug steuerte. Ich fing an zu schreien: ‚Der Pilot wurde niedergestochen, der Pilot wurde niedergestochen!‘ Und mir wurde klar, dass wir gleich abstürzen würden, weil kein Pilot da war.“
Mehrere von Manes alarmierte Passagiere drangen daraufhin in das Cockpit ein – was nach bisherigem Kenntnisstand nur möglich war, weil es dem schwer verletzten Flugkapitän Machchhar noch gelungen war, die Tür zu entriegeln.
Die Passagiere überwältigten den Ko-Piloten. Dieser habe sich gerade an den Instrumenten zu schaffen gemacht, berichtete später einer von ihnen, Yaniv Hayoun. Der Israeli spielte offenbar eine wichtige Rolle bei der Übernahme der Kontrolle durch die Passagiere. Er nahm den Ko-Piloten laut seinem eigenen Bericht in einen Würgegriff und zerrte ihn aus dem Cockpit. Anschließend ergriff er die Steuerung des immer noch sinkenden Flugzeugs und zog sie zurück.
Der dritte Glücksfall war, dass sich zufälligerweise zwei Ersatzpiloten im Flugzeug befanden. Diese übernahmen die Steuerung, während Passagiere den Ko-Piloten gewaltsam in Schach hielten und einer – ein Zahnarzt – den verletzten Flugkapitän versorgte. Einer dieser Israelis, Asaf Rajuan, berichtete später, die Ersatzpiloten „brauchten eine Weile, aber schließlich haben sie sich zusammengerissen und das Flugzeug sicher gelandet“. Gegen zehn Uhr Ortszeit landete das Flugzeug im saudischen Tabuk.
Das Flugzeug war vom Radar verschwunden
Das war auch aus technischen Gründen keine Selbstverständlichkeit: Bilder zeigen, dass das Flugzeug einen Schaden am Seitenruder erlitten hatte. Eine Passagierin namens Miriam sagte dem israelischen Sender i24 später, es habe Momente gegeben, „in denen wir dachten, dass wir aus der Sache nicht lebend herauskommen würden“. In einem israelischen Medienbericht hieß es am Donnerstag, das Flugzeug sei laut einer Auswertung der Flugdaten zum Zeitpunkt des rapiden Sinkflugs „30 Sekunden davon entfernt gewesen, auf dem Boden einzuschlagen“.
Behörden in Saudi-Arabien und Israel waren zu diesem Zeitpunkt schon in heller Aufregung gewesen. Das Flydubai-Flugzeug war kurzzeitig vom Radar verschwunden. Kampfflugzeuge waren aufgestiegen, in Israel hatten die Chefs der Armee und der Geheimdienste eine Lagebesprechung abgehalten. Auch Ministerpräsident Benjamin Netanjahu hatte sich umgehend informieren lassen.
Am Abend, Stunden nach dem glücklichen Ausgang des Vorfalls, kamen die Passagiere schließlich mit einem Ersatzflug in Israel an. Netanjahu fuhr zum Flughafen und ließ sich dort von Yaniv Hayoun den Kampf im Cockpit schildern. Im amerikanischen Sender Fox News pries der Ministerpräsident später den mutigen Einsatz der Israelis – und witzelte: „Allen weltweit, die fliegen, sage ich: Ich weiß nicht, ob Ihr nächster Flug entführt wird, aber achten Sie darauf, dass ein Israeli neben Ihnen sitzt.“
Präsident Izchak Herzog teilte am Donnerstag mit, dass er fünf israelische Passagiere für den „Präsidentenpreis für ziviles Heldentum“ vorschlage, der nach dem Terrorangriff vom 7. Oktober 2023 ins Leben gerufen wurde. Dem Flugkapitän Machchhar sprach Herzog im Namen des Staates Israel Dank und tiefe Anerkennung aus. Der verletzte Inder wurde in Saudi-Arabien operiert. Am Donnerstag hieß es, sein Zustand sei stabil.
Ein Anschlag wie am 11. September 2001?
Während das Drama für ihn und die beteiligten Passagiere damit wohl einen glücklichen Ausgang hatte, sind wichtige Fragen noch offen. Vor allem die nach dem Motiv des Ko-Piloten. Der Omaner arbeitete offenbar seit weniger als einem Jahr für Flydubai, in israelischen Medien wurden Äußerungen eines Arbeitskollegen zitiert, wonach er sehr religiös gewesen sei. In Israel wurde auch die Frage gestellt, warum er im Cockpit sitzen durfte – eigentlich gestattet Israel nur Piloten aus Ländern, mit denen es offizielle diplomatische Beziehungen unterhält, Flugzeuge in seinen Luftraum zu fliegen. Der Sender N12 berichtete allerdings, dass in den vergangenen Jahren häufiger Piloten aus Oman für Flydubai nach Israel geflogen sind. Das Land gilt als religiös und politisch moderat.
Der Generalstaatsanwalt der Vereinigten Arabischen Emirate kündigte am Donnerstag eine Untersuchung des Vorfalls an. Auch israelische Geheimdienste werden jetzt zu ergründen versuchen, was den Ko-Piloten zu dem Angriff veranlasste und was er vorhatte: ob er das Flugzeug entführen oder zum Absturz bringen wollte – vielleicht sogar in ein Gebäude in Israel. Dass die Auseinandersetzung im Cockpit begann, als das Flugzeug sich kurz vor dem Eintritt in den jordanischen Luftraum befand, also nicht mehr weit von Israel entfernt, könnte als ein Indiz für eine solche Variante gelten.
Netanjahu schien nahezulegen, dass der Ko-Pilot mit dem Flugzeug einen Terroranschlag verüben wollte. Gegenüber dem amerikanischen Sender CNN sagte er am Mittwochabend, die mutigen Passagiere an Bord hätten „eine Katastrophe wie am 11. September (2001, Anm.d.Red.) verhindert“. Am Donnerstag fügte er gegenüber Fox News hinzu, der Ko-Pilot sei „einer islamistischen radikalen Indoktrination unterzogen“ worden. Etwas zurückhaltender äußerte der Ministerpräsident sich, was eine andere intensiv diskutierte Frage angeht – eine mögliche Verwicklung Irans. Auf eine entsprechende Frage des Moderators sagte Netanjahu bei Fox News, man wisse das noch nicht, fügte aber hinzu: „Aber es ist kein Geheimnis, dass Iran Israelis im Ausland und hier zum Ziel nehmen will.“
Vor dem Hintergrund der bevorstehenden Parlamentswahl gewinnt die Frage nach einem politisch motivierten Anschlagsversuch weitere Relevanz. Nach allgemeinem Dafürhalten hilft es Netanjahu im Wahlkampf, wenn die Bedrohungslage für Israel als hoch wahrgenommen wird. Erst am Dienstag hatte Netanjahu gesagt, es gebe „Anzeichen dafür, dass unsere Feinde versuchen könnten, uns noch vor der Wahl anzugreifen“. Die Opposition warf ihm daraufhin vor, aus Wahlkampfgründen zu übertreiben. Dem Ministerpräsidenten nahestehende Kommentatoren verweisen jetzt auf Flug FZ1073 und sagen, Netanjahu habe Recht gehabt.
