Nun schaut das Bundestrainerteam zu, wie sich andere Nationalteams nach der Weltmeisterschaft für den Zyklus, der mit der Europameisterschaft im Sommer 2028 endet, aufstellen. Klopp sah ein „herausragendes Länderspiel“ zwischen England und Spanien. Zwei Mannschaften, die bei der WM zuletzt zum Goldstandard gehörten und das auch weiterhin tun dürften. Sein Fazit: „Das war eines der besten Spiele, das ich seit Langem gesehen habe.“
„Es gab Erkenntnisse, die ich gar nicht haben wollte“
Das deutsche Team gehört nicht zum Goldstandard, schon länger nicht mehr. Klopp ist angetreten, um das zu ändern. Doch die Spiele, die er bei Ausflügen nach Amsterdam und Augsburg nicht am Bildschirm, sondern aus seiner Coachingzone sah, machten den Spaniern und den Engländern nicht den Platz in seiner Favoritenliste streitig. Mit ein paar Pinselstrichen lässt sich der alte Goldglanz nicht wiederherstellen. Die Spiele ließen erst einmal nur einen Schluss zu: Kleinere Gegner sind für die Deutschen groß genug.
Als Klopp nach nun zwei von vier Nations-League-Spielen, dem 1:1 in den Niederlanden und dem 0:1 gegen Griechenland, eine Zwischenbilanz seines großen Fußballfeldversuchs zog, sagte er: „Es gab einige Erkenntnisse, die ich gar nicht haben wollte, aber gekriegt habe.“ Er führte das in dem Moment nicht weiter aus. Vermutlich hätte eine detaillierte Analyse auch den Rahmen der medialen Nachbesprechung eines Spiels gesprengt.
Nur bei einer Erkenntnis ging Klopp in die Tiefe. Eine Tiefe, in die seine Offensivspieler gegen die Griechen selten und vor allem nicht erfolgreich vorgestoßen waren. „Das Schwerste im Fußball“, begann Klopp allgemein, sei, „gegen eine tiefe Verteidigung zu spielen“. Die Versuchsanordnung hatte der Gegner gewählt. „Wir haben uns das in der Kürze der Zeit noch nicht so erarbeiten können, wie es notwendig wäre.“ Dazu habe die Überzeugung gefehlt, „in die richtigen Räume zu spielen, also einfach klar zu sein“.
Anschauungsmaterial, wie eine „tiefe Verteidigung“ zu knacken ist, gab es daher nicht beim Blick aus Klopps Coachingzone, sondern lediglich auf dem Bildschirm. England zeigte beim TV-Abend am Dienstag in der Praxis zwei der „unendlich vielen Wege“, die Klopp in der Theorie kennt. Die Tore gegen defensive, weil dezimierte Tschechen fielen durch den schnellen Angriff nach Balleroberung und den schnellen Abschluss durch Harry Kane.
Schnell, schnell? Das ist ein Weg, als andere Optionen nannte Klopp „Breite und Tiefe“ – oder Geduld. Als Referenz zog er das Champions-League-Spiel des FC Bayern gegen FK Bodø/Glimt heran. Eine Halbzeit lang kamen die Münchner nicht durch, dann erst traf Jamal Musiala. „Das ist individuelle Qualität. Aber darauf können wir uns nicht verlassen.“ Vor allem nicht, wenn ein deutscher Qualitätsspieler wie Musiala immer wieder ausfällt.
Die „große Herausforderung – selbst für Spanien“ erwartet Klopps Probanden wohl auch an diesem Donnerstag (20.45 Uhr im F.A.Z.-Liveticker zur Nations League und im ZDF) in München. Serbien dürfte nach zwei 1:2-Niederlagen kaum losrennen wie Wiesn-Besucher, wenn die Tore auf dem Oktoberfest öffnen, sondern sich an den geduldigen Griechen orientieren, die gezeigt haben, wie man den deutschen Testballon nicht nur pieksen, sondern am Ende auch platzen lassen kann.
Erschwerend kommt hinzu, dass die nötigen Offensivabläufe kaum besser geworden sein können, weil am Montag der Kader ausgetauscht worden ist. Fällt Klopp sein Plan, den er als „alternativlos“ bezeichnete, auf die Füße? Der Druck, das Serbien-Heimspiel zu gewinnen, um einen der ersten beiden Plätze für das Viertelfinale zu erreichen, ist – bei aller Experimentierfreude – gestiegen, da ein schlechtes Nations-League-Ergebnis negative Folgen für die EM-Qualifikation haben kann, von der Stimmung ganz zu schweigen.
Dass Offensivspieler Musiala komplett und Mittelstürmer Kai Havertz früh ausfielen, war Pech. Doch Fakt ist: Unter Bundestrainer Klopp hat nur einer von 83 Millionen getroffen – Mittelfeldspieler Felix Nmecha. Der ist am Montag absprachegemäß abgereist. Und wer soll nun gegen Serbien und in Griechenland treffen? Serge Gnabry erzielte 26 Tore für Deutschland, Florian Wirtz elf, Nick Woltemade vier. Alle anderen Offensivspieler sind torlos.
Klopps Offensivplan fußt auf defensiver Stabilität. Doch auch die fehlte. „Das Spiel nicht zu gewinnen, damit kann ich leben“, sagte er nach dem 0:1 gegen Griechenland. „Aber wir dürfen das Spiel nicht verlieren.“ Deutschland blieb im WM-Jahr 2026 nur einmal ohne Gegentor, kurz vor dem Turnier beim 4:0 gegen Finnland. Nun wird Klopp in den beiden anstehenden Länderspielen auch noch auf Nico Schlotterbeck verzichten müssen, der sich im Training eine Außenbandverletzung im rechten Knöchel zugezogen hat. Gelingt im Duell mit Serbien kein Sieg, wäre Klopp der erste Bundestrainer, der keine seiner ersten drei Partien gewonnen hat.
Das wäre kein Bild, das Klopp mit der neuen deutschen Nationalmannschaft an Fußball-Europa senden will: Es fehlt vorne und hinten. Noch?
