Komppi Momppi, Riffi Raffi, Milli Pilli und Co sind geduldige Rockstars. Gut gelaunt machen sie Fotos mit ihren kleinen Fans und blödeln ein wenig herum. Was Dinosaurier eben so machen, bevor sie ein Konzert geben. Auch später auf der Bühne werden die Musiker in den Kostümen nicht aus der Rolle fallen.
Vor dem Club in einem Gewerbegebiet am Rande von Wetzlar parkt unübersehbar der Nightliner, in dem die Band Heavysaurus und ihre Crew bis in den Dezember hinein durchs Land fahren. An diesem Freitag Ende Januar steht das erste Konzert mit einer neuen Show an.
Mehr als 200 Termine sind für das Jahr geplant, zu denen die Dinos ihren kindgerechten Metal spielen und über die Vorzüge von Baumhäusern, riesige Kaugummiblasen oder das korrekte Formen der „Pommesgabel“ singen; nur ein Name für den klassischen Metal-Gruß, die geballte Faust mit ausgestrecktem kleinem Finger und Zeigefinger. Besonders zahlreich gezeigt in Wacken oder auf dem zweiten großen deutschen Metal-Festival, dem Summer Breeze. Auf beiden standen die Dinos diesen Sommer vor Zehntausenden Fans auf der Hauptbühne.
Volle Hallen, Abermillionen Streams: Kindermusik bietet viel
Eine vergleichbare Dino-Metal-Band für Kinder ist so schnell wohl nicht in Sicht. Aber das bunte Genre Kindermusik hat noch andere Acts zu bieten, die sehr erfolgreich von sich reden machen. Da gibt es Künstlerinnen, deren Aufnahmen auf mehr als 100 Millionen Streams kommen, ein rappendes Nashorn, das Hallen füllt, und natürlich Granden wie Rolf Zuckowski.

Wenn man so will, lässt sich das Genre in zwei Welten aufteilen. Da wären einmal jene Musikerinnen und Musiker, die keine oder kaum eigene Songs schreiben, sondern Klassiker auf ihre Art interpretieren. Niemand ist auf diesem Gebiet so erfolgreich wie Simone Sommerland. Allein auf Musikstreaming-Marktführer Spotify kommt ihre Version des mehr als 70 Jahre alten Wiegenlieds „La-Le-Lu“ auf gut 144 Millionen Abrufe. Ein Wert, von dem das Gros deutscher Musiker nur träumen kann.
Auch Heavysaurus, das rappende Nashorn Dikka oder das Trio Deine Freunde erreichen solche Werte auf den Diensten nicht. Wobei sie durchaus auf stattliche Streaming-Zahlen kommen, zumal sich ihre Lieder etwa als Einschlafhilfe nur bedingt eignen. Mit eigenen Songs und aufwendigen Shows sind sie live dafür umso umtriebiger.
Von „Toddler-Techno“ über Metal bis Reggae für Kinder
„Ich finde, gerade diese Vielfalt macht Kindermusik so spannend“, sagt Doerte Poschau. Von getrennten Welten mag sie nicht sprechen: „Beides hat seinen Platz, beides erreicht Familien auf unterschiedliche Weise, und beides ist kulturell wie kommerziell relevant.“ Poschau arbeitet seit mehr als 20 Jahren für Universal Music im Family Entertainment, mittlerweile leitet sie die Sparte für Deutschland.
„Früher wurde Kindermusik oft als eigenes Genre betrachtet“, blickt sie zurück. „Heute denken wir sie viel breiter: Kindermusik kann eigentlich jedes Genre sein. Es gibt Toddler-Techno genauso wie Rock, Metal, Pop, Hip-Hop oder Reggae für Kinder.“ Diese Vielfalt sei eine der spannendsten Entwicklungen der vergangenen Jahre, „denn Kinder haben genauso unterschiedliche musikalische Vorlieben wie Erwachsene“.

Längst wird Kindermusik auch viel breiter vermarktet: „In den 1990er-Jahren wäre ein Kindermusik-Video auf MTV oder Viva undenkbar gewesen. Heute ist Kindermusik überall dort, wo grundsätzlich Musik stattfindet“, sagt Poschau: „Auf den großen Streaming- und Videoplattformen, auf Social Media und längst auch in großen Venues und Arenen.“ Heavysaurus waren zum Beispiel schon im „Morgenmagazin“ von ARD und ZDF zu Gast. Dazu kommt das eigene Kindermusik-Ökosystem mit Tonie-Boxen und Co.
Erfunden hat Heavysaurus ein Metal-Schlagzeuger für seinen Sohn
Musik in Genre-Grenzen zu pressen, ist bekanntlich schwierig. Doch alles, was die Chartanalysten von GfK Entertainment unter „Family“ kategorisieren, stand im vergangenen Jahr für gut elf Prozent der rund 2,4 Milliarden Euro Umsatz auf dem deutschen Markt für Musikaufnahmen: mehr als Schlager, Deutsch-Pop und Klassik zusammen und in Schlagdistanz zu Dance-Musik. Chart-Erfolge tragen ihren Teil dazu bei: Das aktuelle Heavysaurus-Album „Metal“ erreichte Anfang des Jahres die Top 10.
Als Arndt Seelig das erste Mal mit dem Thema in Kontakt kam, waren solche Erfolge noch fern: „Ich erinnere mich gut an das erste Meeting mit dem finnischen Team, das muss 2013 oder 2014 gewesen sein.“ Es habe dann einige Zeit gebraucht, das Konzept zu adaptieren, Songs zu schreiben „und vor allem auch Musikerinnen und Musiker ausfindig zu machen, die sich dieses spezielle Konzept vorstellen konnten“, sagt der Leiter von Sony Musics Family-Entertainment-Label Europa. Einen guten Draht zum besonderen Publikum zu haben, ist für die Künstler nur ein Aspekt von vielen. Auch in den Kostümen Musik zu machen, ist kein Kinderspiel.

Das erste Album der deutschen Dinos erschien im Jahr 2017, das finnische Original gibt es schon seit 2009. Erfunden hat die Metal-Dinos kein findiger Label-Mitarbeiter, sondern Mirka Rantanen. Der damalige Schlagzeuger der Metal-Band Thunderstone wollte kindgerechten Metal für seinen Sohn machen. Gemeinsam mit Sony Music entstand „Hevisaurus“, wie die Band in Finnland heißt. Auch das Family-Entertainment-Label Europa hat unterschiedliche Kindermusikprojekte unter Vertrag, aber Heavysaurus sticht heraus, sagt Arndt Seelig.
„Am Ende ist es gut produzierte, klassische Rock- und Metal-Musik“
Allein schon das Pensum an Konzerten ist besonders: „Es gibt ein Ensemble an Musikerinnen und Musikern, die in den Kostümen stecken. Sonst könnten wir gar nicht so viele Konzerte spielen“, sagt er. Einige Musiker seien von Anfang an dabei, „aber was alle eint, ist, dass sie aus der Metal-Szene kommen und diese Musik auch gerne Kindern nahebringen wollen. Am Ende ist es gut produzierte, klassische Rock- und Metal-Musik. Auch deshalb kommt das Projekt in der Szene so gut an.“
Ein guter Beleg sind die Auftritte auf den großen Festivals. In Wetzlar lässt es sich im Kleinen beobachten: Viele Eltern tragen schwarze Band-Shirts, ein, zwei Kutten mit Patches sind auch dabei. Eine ziert ein Heavysaurus-Logo.

Entsprechend gehört es zum Programm, dass Bandleader Mr. Heavysaurus die diversen Unterarten des Metal aufzählt und die Band zwar mit reduzierter Lautstärke spielt, aber samt Gitarrensoli alles auffährt – musikalische Früherziehung der etwas anderen Art. Später, beim Rausgehen, wird eine Besucherin sagen, sie unterstütze nur zu gerne alles in diese Richtung. Ihr Mann sei nämlich Schlager-Fan.
Fast 200 Millionen Abrufe für ein Zahnputzlied samt Video
Mit dem Ende der Pandemie und dem Wiederanlaufen des Konzertgeschäfts habe der Ansturm auf Heavysaurus-Shows enorm zugenommen, sagt Seelig. Die Songs aus mittlerweile vier Alben kommen auf mehr als 40 Millionen Streams. Hier habe die Pandemie dem gesamten Genre noch einmal einen Schub gegeben, sagt Universal-Managerin Doerte Poschau: „Wir waren schon sehr früh auf Streamingplattformen präsent – zu einer Zeit, als viele Familien dort noch gar nicht angekommen waren. Bis zur Pandemie spielte die CD im Familiensegment eine wichtige Rolle, dann hat sich die Mediennutzung deutlich verändert.“

Gepaart mit Lernvideos ist Kindermusik im digitalen Raum schon deutlich länger präsent. Der Youtube-Kanal „Hurra Kinderlieder“ ist rund zwölf Jahre alt. Der deutschsprachige komme auf mehr als vier Millionen Abonnentinnen und Abonnenten, sagt Poschau: „Einzelne Videos wurden weit über 100 Millionen Mal aufgerufen.“
Das „Zahnputzlied“ mit dem Süßes liebenden Monster Haki Baki in der Hauptrolle steht sogar kurz vor der 200-Millionen-Marke – und der deutsche Kanal war nur der Anfang: „Mit Angeboten in insgesamt 15 Sprachen erreichen wir Kinder und Familien auf der ganzen Welt“, sagt Poschau. Kindermusik habe für den weltgrößten Musikkonzern global eine große Bedeutung. Ein eigenes „Kids Committee“, in dem Poschau mit ihren internationalen Pendants zusammenkommt, soll den Ideenaustausch und das Aufspüren neuer Trends fördern.
Die Metal-Dinos gibt es auch als spanischsprachige Version
Das grenzüberschreitende Potential für Metal-Dinos haben Seelig und das Europa-Team längst unterstrichen. Die Marke sei für Sony global interessant, sagt er. „Einen spanischsprachigen Ableger gibt es schon, der auch in Argentinien Shows gespielt hat, aber die große Herausforderung besteht eben darin, ein authentisches Konzept zu schaffen.“ Die Musik werde in Finnland produziert, die Songs würden für Deutschland adaptiert. Teils geben sie eigene Lieder in Auftrag wie zum Beispiel „Pommesgabel“. Mindestens in diesem Fall hat sich der Aufwand gelohnt: Der Song ist der Hit der Band, das zeigt sich auch in Wetzlar.

Dass der Tourauftakt in einer kleinen Location in Mittelhessen stattfindet, ist ein Beleg dafür, wie sich Herangehensweisen auch im Genre Kindermusik unterscheiden. Das Booking und „diese Liebe zum Kleinteiligen“ sei ein Grund des Erfolgs, sagt Arndt Seelig: „Wir spielen rund 200 Konzerte im Jahr, aber eben nicht nur in Metropolen, sondern auch in ganz vielen kleineren Städten und Gemeinden.“
Die Zielgruppe lebe ja überall, und so müssten Familien nicht so weit fahren. „Und kleine Venues wie Gemeindehallen ermöglichen, dass die Kinder wirklich nah an die Dinos rankommen.“ Gut 150.000 Tickets verkaufen sie im Jahr mit dieser Strategie, seit Jahren wachse diese Zahl. Erwachsene zahlen in der Regel rund 40 Euro, Kinder von drei Jahren an knapp 35 Euro, jüngere Kinder kommen für 11 Euro aufs Konzert. Das Meet & Greet mit früherem Einlass, Fotomöglichkeit und Co. kostet extra.
Dikka oder Deine Freunde spielen in den großen Hallen
Karten für Deine Freunde oder Dikka sind in der Regel etwas teurer. Das Trio aus Hamburg und das rappende Nashorn, hinter dem der bekannte Songwriter Sera Finale steckt, bespielen aber auch größere Venues mit ihren Live-Shows – und füllen sie. Im Falle von Dikka sogar die Uber Arena in Berlin mit ihrer Kapazität von mehr als 10.000 Fans. Auch Simone Sommerlands „Kinder-Mitmach“-Konzerte mit Fokus auf die jüngere Zielgruppe im Kindergarten-Alter findet mitunter in Hallen statt, die mehr als 1000 Zuschauer fassen.

Manchmal darf es auch nur Unterhaltung sein, aber pädagogisch wertvolle Texte gehören fest ins Programm. Deutlich mehr Interaktion, als viele Künstler mit einem erwachsenen Publikum auf ihren Konzerten zustande bringen, ist in jedem Fall Pflicht. In Wetzlar gibt es unter anderem ein kleines Versteckspiel auf der Bühne und eine ausführliche Ansage gegen Mobbing und für Toleranz.
„Die besondere Herausforderung im Kinderbereich besteht darin, Künstlerinnen, Künstler und Marken langfristig aufzubauen“, sagt Universal-Managerin Poschau. „Themen und Werte entwickeln sich mit der Zeit weiter, und gleichzeitig wächst immer wieder eine neue Generation von Kindern nach.“ Im besten Fall entstehe eine Verbindung, die über die Kindheit hinaus Bestand hat: „Wer mit bestimmten Artists und ihrer Musik aufgewachsen ist, entdeckt sie später mit den eigenen Kindern wieder.“
Gastauftritt von Kontra K oder ein Biene-Maja-Song von Eko Fresh
Ein beliebter Weg, um die Verbindung zu vereinfachen, sind Gastauftritte von bekannten Künstlern. Von Dikka gibt es Songs mit Wincent Weiss, Rap-Star Kontra K, Lea oder SDP. Zusätzliche Reichweite bescheren solche Kooperationen beiden Seiten. „Sehr viele unserer Künstlerinnen und Künstler sind sehr offen dafür, an Kindermusik-Projekten mitzuwirken“, sagt Poschau. Häufig verändere sich mit der eigenen Lebenssituation auch der persönliche Bezug zu diesen Themen, „etwa wenn Familie und Kinder eine größere Rolle spielen“. Dadurch entstehe oft ein neuer, authentischer Zugang zur Kindermusik.

Ein anderer Fall ist Musik, die an die eigene Kindheit erinnert. Taylor Swift schrieb zuletzt einen Song für den neuen „Toy Story“-Film. Es sei auch nicht schwierig gewesen, jemanden zu finden, der zum 50. Jubiläum von Biene Maja einen Song verfasst, bemerkt Poschau grinsend. Die Wahl fiel am Ende auf Eko Fresh.
„Featuring-Artists spielen in anderen Kindermusikprojekten für den Erfolg eine große Rolle“, unterstreicht Europa-Chef Arndt Seelig. „Bei Heavysaurus setzen wir weniger drauf. Und wenn, dann sind es Gäste aus dem Metal-Bereich wie Doro Pesch oder Saltatio Mortis.“ Der Community-Gedanke ist im Metal ein zentraler Faktor. „Band-Shirts sind quasi Pflicht, und entsprechend ist Merchandising auch bei Heavysaurus ein großes Thema für Kinder wie Eltern“, sagt Seelig.
Die Heavysaurus-Markenwelt endet nicht bei Band-T-Shirts
Die Auswahl am Merchandising-Stand in Wetzlar ist üppig. Neben den obligatorischen Bandshirts – wahlweise mit „Kleiner Dino Metal Head“ oder „Dino Metal Head“ bedruckt – gibt es Klebe-Tattoos, Plüschtiere, LED-Armbänder und mehr.
„Die Basis sind gute Musik, gute Texte für die Zielgruppe und das kindgerechte Auftreten der Dinos“, sagt Seelig. Aber die Markenwelt rund um Heavysaurus biete viel Potential: „Wir haben jetzt eine Hörspielserie gestartet. In Partnerschaft mit dem Carlsen-Verlag gibt es Comics, und perspektivisch ergibt sich sicher noch einiges anderes.“

Die Möglichkeiten sind vielfältig. In Finnland lief vor Jahren schon ein Kinofilm. Überhaupt ist der Weg ins Kino nicht weit. „Wenn man den Begriff etwas weiter fasst, gehören auch viele Soundtracks zur Kindermusik“, sagt Doerte Poschau und verweist auf den Song „Let It Go“. Ein Superhit, geschrieben für den Kinderfilm „Die Eiskönigin“, der weit über die eigentliche Zielgruppe hinaus die Runde gemacht hat. Ein anderes Beispiel ist „Golden“ aus dem Film „K-Pop Demon Hunters“.
Der nächste Hit aus dem Kindermusik-Kosmos kommt bestimmt
Der Song stand im vergangenen Jahr wochenlang auf Platz eins der deutschen Charts. „Der Inhalt richtet sich zunächst an ein jüngeres Publikum, erreicht durch die Verbindung mit K-Pop aber ganz selbstverständlich auch ältere Zielgruppen“, so Poschau. „Das zeigt sehr schön, wie fließend die Grenzen zwischen Kinder- und Mainstream-Musik heute sein können.“
Der nächste Hit aus dem Kindermusik-Kosmos dürfte nicht lange auf sich warten lassen. Und im Mai kommenden Jahres will ja auch noch Rolf Zuckowskis 80. Geburtstag gefeiert werden. Die fünf Dinos werden da schon einige Wochen auf ihrer neuen Tour unterwegs sein. „Mission Dino Power“ heißt sie, benannt nach dem neuen Album, das im Februar erscheint.
Zum Start spielen sie in der Berliner Uber Eats Music Hall. Kapazität: mehr als 4000 Personen. Der erste Schritt hin zu größeren Bühnen? Wohl eher nicht. Die Show soll „etwas Besonderes sein“ und vorerst auch bleiben, heißt es von Europa. Eins ist aber sicher: Die Dinos haben noch viel vor – und praktischerweise altern sie ja auch nicht.
