Beide waren auf je eigene Weise dem modernen Alltag verpflichtet, beide wurden zunächst nicht als Künstler wahrgenommen. Abisag Tüllmann (1935 bis 1996) galt als Bildjournalistin, Anton Stankowski (1906 bis 1998) als Grafiker. Und doch sind sie mit ihren Arbeiten längst in den großen Museen vertreten. Trotzdem wäre man nicht im Traum darauf gekommen, sie zusammen zu zeigen. Zu verschieden ist das Werk der beiden. Hier Tüllmann, die neben Barbara Klemm und Inge Werth wichtigste von Frankfurt aus mit ihrer Kamera die Gegenwart dokumentierende Fotografin, dort Stankowski, von dem das Logo der Deutschen Bank stammt, der über seine gestalterische Tätigkeit hinaus aber auch im Kontext der konkreten Kunst als Maler bedeutsam war.
Die Friedberger Galerie Hoffmann, die für ihre Ausstellung Räume im Souterrain des Frankfurter Trianon-Hochhauses gemietet hat, die der Kunst nicht eben förderlich sind, hat 50 Jahre Erfahrung auf dem weiten Feld der konstruktiv-konkreten Kunst. Im Kern ist die dem Geist von 1968 verpflichtete Haltung, die zur Gründung der Galerie in der Görbelheimer Mühle führte, auch die, die man in Tüllmanns Aufnahmen aus Frankfurt oder ihrer 1970 in Algerien entstandenen Reportage gespiegelt findet.
Weniger bekannt ist indes, dass auch Tüllmann gelegentliche Ausflüge in die Produktfotografie unternommen hat, zum Beispiel mit ihren Aufnahmen von Pappmöbeln der Designer Peter und Ellen Raacke, während Stankowski schon früh die Fotografie als Grundlage gestalterischer Entwürfe nutzte. Gerade hier aber, wo sich beide Künstler auf Augenhöhe zu begegnen scheinen, unterscheidet sich die Herangehensweise des sachlich-kühlen, auf die Inszenierung des Produkts konzentrierten Stankowski von Tüllmanns stets den Alltag der Menschen reflektierenden Haltung gewaltig.

Nur bedingt glücklich wird man auch mit der Retrospektive „LichtBilder“, die Rudi Feuser dem Werk Lothar Wollehs im Kunstraum Bernusstraße gewidmet hat. Weniger, weil es sich vorwiegend um postum und in hohen Auflagen besorgte Pigmentprints handelt, auch wenn man trefflich darüber streiten mag, ob das dem Bestreben des Lothar Wolleh Estate, dem Werk, das ein wenig in Vergessenheit geraten ist, wieder zu mehr Aufmerksamkeit zu verhelfen, wirklich förderlich ist.
Die Werkgruppe, die den früh gestorbenen Künstler (1930 bis 1979) in den Sechzigerjahren rasch bekannt machte, lohnt den Besuch aber unbedingt. Die zum Teil legendären Aufnahmen von Joseph Beuys und Blinky Palermo, Heinz Mack, Günther Uecker und Otto Piene, Lucio Fontana, Jean Tinguely und Niki de Saint Phalle verdichten sich zu einem „Who’s who“ der jüngeren Kunstgeschichte. Wollehs eigene, dezidiert künstlerische Ambitionen, die sich von der Mitte der Siebzigerjahre an in tendenziell abstrakten Impressionen artikulierten, von ihm mal mit offener Blende, mal mit bewegter Kamera eingefangen, überzeugen nicht in gleichem Maße.

Die mittlerweile vierte Einzelausstellung Frank Mädlers in der Galerie Peter Sillem dagegen wirkt vor diesem Hintergrund wie aus einem Guss. Dabei kommt es dem Besucher auch hier auf den ersten Blick so vor, als falle im nächsten Augenblick alles auseinander.
Hier die „Wiesen“, sanft melancholisch stimmende Aufnahmen aus einem winterlich verschneiten Weiler irgendwo in Böhmen, dort eine vergleichsweise winzige Auswahl aus den rund 12.000 Polaroids, die Mädlers im engeren Sinne künstlerisches Schaffen seit Jahrzehnten begleiten, keineswegs zuletzt schließlich die Werkgruppe der rot gefassten Keramiken, in denen er den familiären Alltag, sein „Jahr in Rom“ oder, „Gottes Fehler betrachtend“, das eigene Dasein reflektiert.

Und doch kreist Mädlers Schaffen stets um dasselbe Zentrum. „Selbst“ ist die Ausstellung denn auch nicht ohne Grund betitelt. Das eigene Selbst ist es, dem sich der 1963 im vorpommerschen Torgelow geborene Künstler aus verschiedenen Perspektiven zu nähern sucht. Das gilt für die Bilder, die er seit 30 Jahren mit der Sofortbildkamera macht, ebenso wie für die mitunter anekdotisch verdichteten Plastiken und die in leichte Unschärfe getauchten Aufnahmen aus der böhmischen Provinz.
In den nicht eben großzügigen Räumen der Galerie hätte jede Werkgruppe genügt, eine Ausstellung zu tragen. Erst zusammen aber fügen sich die mit der Großformatkamera eingefangenen Landschaftsimpressionen, die Keramiken und die fotografischen Momentaufnahmen zu so etwas wie einem fragmentarisch bleibenden, aber facettenreichen Bild. Näher als in dieser Ausstellung kann man Frank Mädler vermutlich nicht kommen.
Die Ausstellung der Galerie Hoffmann im Trianon-Hochhaus ist bis 4. Oktober, die Schau der Pan Gallery im Kunstraum Bernusstraße bis 10. Oktober zu sehen. Frank Mädlers „Selbst“ bei Peter Sillem ist bis 24. Oktober geöffnet.
