
Der Kanadier Glenn Gould, selbst ein gefeierter Pianist, bezeichnete sie einmal als eine der zwei großen Stimmen des Jahrhunderts. Die teuren Tickets für ihre raren Konzerte waren stets binnen Minuten vergriffen, und ihre vor Kurzem erschienenen Memoiren – ein mehr als tausend Seiten starker Wälzer – sind ein internationaler Bestseller. Barbra Streisand ist in vielerlei Hinsicht ein Ausnahmetalent. Als Sängerin verkaufte sie mehr als 145 Millionen Tonträger. Als Schauspielerin arbeitete sie mit berühmten Kollegen und Hollywood. Ihren Erfolg nutzte sie, um später selbst als Regisseurin und Produzentin ihren Weg zu gehen.
„Sie hatte fast zwei Jahrzehnte die Kontrolle über ihre eigenen Filme. Außer Clint Eastwood oder Robert Redford hatte das noch keiner auf diesem Niveau geschafft, und sie war weit und breit die einzige Frau“, sagt Vinzenz Hediger, Professor für Filmwissenschaft an der Frankfurter Universität.
Der 57 Jahre alte Forscher ist seit Kurzem Leiter des Filmarchivs „Cinémathèque Suisse“, arbeitet aber weiterhin in Frankfurt – unter anderem befasst er sich mit der außerordentlichen Karriere des Multitalents Streisand. „Ich bin Barbraloge“, sagt Hediger, eine Bezeichnung, die er selbst kreiert hat für eine Forschung jenseits des Fantums. Immer schon habe die facettenreiche Künstlerin ihn fasziniert. „Sie traut sich alles zu. Sie hat sogar mal ein Album auf Deutsch mit Liedern von Franz Schubert aufgenommen.“
Lange kaschierten jüdische Künstler ihre Identität
Streisand, die in Brooklyn als Kind jüdischer Eltern aufwuchs, zeigte früh den unbedingten Willen zum Erfolg, war aber auch entschlossen, sich dafür nicht verbiegen zu lassen. Ihre Wurzeln habe sie nie verleugnet – im Gegensatz zu anderen, so Hediger.
Lange Zeit hätten jüdische Schauspieler und Regisseure in Hollywood ihre Identität kaschiert. Kirk Douglas etwa, der Wurzeln in Polen hatte, oder der oscarprämierte Regisseur William Wyler („Ben Hur“), der aus einer jüdischen Familie in Mülhausen stammte. Viele jüdische Künstler ließen sich damals eigens operieren, wie Hediger erläutert. „Die Nasenanpassung war in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts in Hollywood weit verbreitet.“ Sander Gilman, amerikanischer Germanist, Historiker und Antisemitismusforscher, hat dem Thema sogar ein Buch gewidmet.
Wegen ihrer großen Nase wurde Streisand anfangs als „Frettchen“ oder „Ameisenbär“ beleidigt, doch sie machte ihr markantes Profil selbstbewusst zu ihrem Markenzeichen. „Sie war die erste Künstlerin, die es zum Superstar schaffte, ohne sich oder ihre Herkunft zu verstecken“, stellt der Filmwissenschaftler fest. Ihren Durchbruch hatte sie mit dem Film „Funny Girl“, der die Geschichte der jüdischen Komödiantin Fanny Brice erzählt. Später drehte sie „Yentl“, ein Musikdrama über eine jüdische Frau aus Osteuropa, die sich als Mann verkleidet, um den Talmud studieren zu können.
„Irgendwie durch alle Raster gefallen“
Streisand hat Musicals gesungen, die großen Balladen des American Song Book, und sie hat auch die Popmusik der Achtzigerjahre mit ihrem eigenen Stil geprägt. „Ihre Stimme ist außergewöhnlich, von großer technischer Perfektion und künstlerischer Präzision“, sagt Hediger. Und das gilt eigentlich für alles, was die heute 84 Jahre alte Diva in der Musik- und Filmbranche ablieferte. Oftmals auch mit politischem Hintergrund wie in dem Film „So wie wir waren“ mit Robert Redford, in dem sie eine kommunistische Aktivistin in der McCarthy-Ära in den USA spielt. Eigentlich, findet Hediger, wäre sie ein Objekt für die feministische Filmforschung in Frankfurt gewesen, für die Musikforschung oder jüdische Studien, doch das sei nicht geschehen. „Sie ist ein großes Phänomen, das irgendwie durch alle Raster gefallen ist.“
Vor rund zwei Jahren organisierten Hediger und der Mainzer Musikwissenschaftler Marc Siegel daher in Frankfurt eine Tagung zu Barbra Streisand – mit dann doch großer internationaler Resonanz. Seither verbindet den „Barbralogen“ ein persönlicher Briefwechsel mit der Sängerin. „Sie schrieb uns, wie sehr sie sich freut, dass die Goethe-Universität sich ihrer Person widmet“, berichtet er. Marc Siegel verfügte zudem über familiäre Beziehungen. Sein Großvater fotografierte die Streisand am Broadway und war auch bekannt mit ihrem langjährigen Manager Martin Erlichman. Hediger plant nun, die Ergebnisse der Tagung in Buchform zu veröffentlichen.
Die Person Barbra Streisand hält er auch kulturgeschichtlich für bedeutsam und angesichts der Debatte über jüdische Identität und Antisemitismus für überaus aktuell. Er bezieht sich dabei etwa auf eine Aussage von Kanzler Friedrich Merz im Berliner Wahlkampf, der Antisemitismus als „die perfideste Form von Ausländerfeindlichkeit“ bezeichnet habe. „Bedeutet das also, dass Juden Ausländer sind?“, fragt er. Dass sie fremd in unserer Mitte sind und anders? Was bedeutet Jüdischsein in einer liberalen Gesellschaft?
Antisemitische Ressentiments sind auch in den USA und Hollywood, wo Hediger viele Forschungsaufenthalte verbrachte, noch immer verbreitet. Das Image vom linken Hollywood sei ein Mythos, sagt er. „Es gibt einzelne Figuren wie Barbra Streisand, die links und feministisch sind.“ Eigentlich sei die „Traumfabrik“ aber eher konservativ, und in Krisen hätten die Studiobosse oft die Nähe zu den Republikanern gesucht.
Hediger forscht zu Hollywood und dessen globalen Pendants in Indien, Afrika oder Südkorea. Die Filmbranche fasziniert ihn seit Jugendtagen. „Hollywood ist eine Industrie mit viel Geld, den besten Talenten der Welt und dem größtmöglichen Publikum.“ Eine kulturprägende Kraft der USA und Soft Power, die weltweit Einfluss ausübe ohne Drohungen und Gewalt.
Ändert sich dieses Bild für ihn mit einem Präsidenten Trump und Megakonzernen wie Amazon, die Studios übernehmen? „Hollywood hat immer schlechte Erfahrungen gemacht mit politischen Botschaften“, ist der Wissenschaftler überzeugt. Das habe zuletzt der Dokumentarfilm über Melania Trump gezeigt, für den Amazon die Rechte erwarb. Den habe kaum einer sehen wollen.
