
Als klar ist, dass der seit Langem unter strengster Geheimhaltung geplante Einsatz gegen europaweit vernetzte Geldwäscher und Rocker wie geplant läuft, zieht der nordrhein-westfälische Innenminister Herbert Reul (CDU) am Mittwochvormittag eine erste Bilanz. Es handle sich um den größten Schlag gegen die organisierte Kriminalität seit mehreren Jahren. „Mehr als 1000 Einsatzkräfte, mehrere Länder, mehrere Millionen Euro gesichert. Das ist eine Hausnummer“, äußert Reul zufrieden.
Rund 100 Objekte wurden bei der Razzia am Mittwochmorgen durchsucht, mehr als ein Dutzend Haftbefehle wurden vollzogen – darunter auch gegen Selo A., das nach Einschätzung von Sicherheitsfachleuten wohl mächtigste Mitglied des Rockerklubs in Duisburg. Selo A. ist seit Jahren auch in den sozialen Medien sehr präsent und hatte sich am Wochenende noch in Frankfurt bei dem MMA-Kampf von Christian Eckerlin gezeigt, der ebenfalls Mitglied der Hells Angels ist.
Auch im Münsterland sowie in Rheinland-Pfalz, Baden-Württemberg und Bayern und in Belgien, den Niederlanden und Bulgarien kam es zu Durchsuchungen. Federführend bei den Ermittlungen ist die Staatsanwaltschaft Duisburg, das Landesamt zur Bekämpfung der Finanzkriminalität in NRW ist ebenfalls involviert.
„Geld ihre Achillesferse“
Ermittelt wird nach Angaben der Staatsanwaltschaft Duisburg gegen insgesamt 71 Beschuldigte, darunter sind auch „Verantwortliche eines bundes- und europaweit tätigen Geldwäschenetzwerks und hochrangige Mitglieder einer Rockergruppierung“. Den Tatverdächtigen werden die Bildung einer kriminellen Vereinigung, räuberische und gewerbsmäßige Erpressung, banden- und gewerbsmäßiger Betrug, gewerbsmäßige Geldwäsche, diverse Waffendelikte, Körperverletzung und Steuerhinterziehung vorgeworfen. Vermögenswerte in Höhe von 48,6 Millionen Euro wurden beschlagnahmt.
Nach Einschätzung der Ermittler verdeutlicht die Causa „exemplarisch die Verflechtung krimineller Gruppierungen im Bereich der organisierten Kriminalität und der internationalen Wirtschaftskriminalität“. Durch professionelle Verschleierungshandlungen würden dabei „erhebliche Geldbeträge einem künstlichen Wirtschaftskreislauf zugeführt und durch Straftaten erlangtes Vermögen unter anderem in Firmen und Grundbesitz investiert“.
Innenminister Reul fasst es in der für ihn typischen Weise in einfachere Worte. Der Fall zeige, dass organisierte Kriminalität nicht nur „die Kutte“ auf der Straße sei. „Dahinter steckt ein Geflecht aus Firmen und Immobilien, das schmutziges Geld sauber aussehen lässt. Genau dieses System nehmen wir auseinander.“ Hochrangige Mitglieder der „Hells Angels“ hätten mit einem bundes- und europaweit tätigen Geldwäschenetzwerk zusammengearbeitet. „Die einen bringen Gewalt und Einschüchterung mit, die anderen das Know-how, schmutziges Geld sauber zu waschen.“
Wer die organisierte Kriminalität treffen wolle, müsse ans Geld, sagt Reul. „Denn Geld ist ihr Antrieb und Geld ihre Achillesferse. Wenn der Staat sich die Beute zurückholt, tut das mehr weh als jede Hausdurchsuchung.“ Der Einsatzerfolg vom Mittwoch sei kein Zufall, sondern das Ergebnis von jahrelanger fleißiger Polizeiarbeit, lobt Reul – und hat dann noch eine Botschaft: „An alle, die sich angesprochen fühlen: Wir sind noch lange nicht fertig. Wir bleiben dran.“
Ihren Anfang nahmen die Ermittlungen nach einer Schießerei auf dem Hamborner Altmarkt in Duisburg, die vor viereinhalb Jahren bundesweit Schlagzeilen machten. Rund um den Platz haben sich sowohl die Hells Angels als auch türkisch-libanesische Großfamilien niedergelassen, betreiben dort Geschäfte und zeigen sich offen. Anfang Mai 2022 lieferten sich mehr als 100 Rocker und Clanmitglieder einen heftigen Revierkampf, der in eine wilde Schießerei mündete. Seither steht die Gegend im besonderen Fokus von Polizei, Stadt und Zoll. Zudem wurde dort die erste dauerhafte Waffen- und Messerverbotszone in Nordrhein-Westfalen eingerichtet.
