Auf meinem amerikanischen Führerschein prangt ein kleines Herz. »Donor«, steht darauf. Dieses Herzchen ist eine rechtlich bindende Erklärung: Im Falle meines Hirntods dürfen meine Organe an jemanden gespendet werden, der sie dringend braucht. Das war der einfachste Part des Formulars, mit dem ich vor Jahren die Fahrerlaubnis beim Straßenverkehrsamt des District of Columbia beantragt habe.
Ich weiß noch, wie erleichtert ich war. Weg mit dem labberigen Pappkärtchen, das jahrelang in meinem Portemonnaie gesteckt und mit den handschriftlichen Einträgen immer ein bisschen zweifelhaft ausgesehen hatte. Kein Dilemma für meine Angehörigen, die andernfalls in einer emotionalen Ausnahmesituation über meinen Willen mutmaßen müssten, keines für das medizinische Personal, sondern ein eindeutiger Verweis auf einem offiziellen Dokument. Und dafür brauchte es nicht mehr als ein Kreuzchen auf einem Formular, das ich ohnehin ausfüllen musste.
An diese Erfahrung muss ich gerade wieder öfter denken. In der vergangenen Woche hat der Bundestag über eine Änderung des Transplantationsgesetzes debattiert. Eine Gruppe Abgeordneter von Union bis Linke fordert in seltener Einigkeit die Einführung einer sogenannten Widerspruchslösung. Mit dieser würde es andersherum laufen als bisher: Will man seine Organe nicht spenden, muss man das dann aktiv vermerken. Ansonsten käme man nach einem Hirntod als potenzieller Spender infrage, wobei Angehörige immer noch Einspruch erheben könnten.
Die Reform soll die Zahl der Organspender erhöhen, die in Deutschland trotz eines leichten Anstiegs erschreckend niedrig ist; im vergangenen Jahr waren es weniger als 1.000, die Warteliste ist dagegen achtmal so lang. Jeden Tag sterben im Schnitt zwei Menschen, die vergeblich auf ein Spenderorgan hoffen. Das sind Hunderte im Jahr, die man retten könnte. Vor allem aber, so schreiben es die Befürworter der Widerspruchsregelung in ihrem Gesetzentwurf, soll es »zu einer Selbstverständlichkeit werden, sich mit dem Thema Organ- und Gewebespende auseinanderzusetzen und dazu eine Entscheidung zu treffen«.
In der Theorie ist die Mehrheit dafür
Und das ist der entscheidende Punkt. In der Theorie ist eine Mehrheit der Deutschen – laut Umfragen über 80 Prozent – klar für das Spenden von Organen. Aber zu wenige entschließen sich dazu, ihren Willen entsprechend festzuhalten. Was Organspenden angeht, gehört Deutschland zu den Schlusslichtern.
In den auf Bequemlichkeit gepolten USA, wo die Hürde für eine Registrierung mit dem Kreuz auf dem Führerscheinformular gering ist, hat sich rund die Hälfte der Bevölkerung als Organspender registrieren lassen. Der weltweite Spitzenreiter allerdings sitzt in Europa: In Spanien werden fast fünfmal so viele Organe gespendet wie in Deutschland. Aber auch in anderen europäischen Ländern ist die Zahl wesentlich höher als bei uns.
Liegt es daran, dass die Widerspruchslösung dort längst gilt? Oder daran, dass über den Tod und das Sterben in anderen Gesellschaften offener geredet wird?
Sich mit diesem Thema nicht beschäftigen zu wollen, ist ein Luxus. Als könnte es nicht uns alle jederzeit treffen – sowohl der Hirntod als auch die Lage, auf ein Spenderorgan angewiesen zu sein. Dieser Luxus geht im Zweifelsfall zulasten derer, die wir lieben – und die dann unter Schock und Trauer entscheiden sollen, was mit unserem Körper passiert, ohne dass wir jemals darüber gesprochen hätten. Es geht aber auch zulasten einer Gesellschaft, in der Menschen qualvolle und vermeidbare Tode sterben, weil andere sich mit dieser Frage nicht einmal auseinandersetzen wollen. Diese Auseinandersetzung sollte der Staat von seinen Bürgern verlangen dürfen.
Nicht mehr und nicht weniger bedeutet die Widerspruchslösung, mit der eine ausführliche Aufklärung einhergehen würde. Man kann sie als Zumutung empfinden. Aber sie ist kein »schwerwiegender Eingriff in das Selbstbestimmungsrecht« – wie eine andere fraktionsübergreifende Gruppe von Abgeordneten in einem Gegenentwurf kritisiert. Und sie ist lange überfällig, wie die niedrigen Spenderzahlen belegen. Zumal dies bereits der dritte Anlauf innerhalb weniger Jahre ist, eine Widerspruchslösung durch den Bundestag zu bringen. Dass in der entsprechenden Plenardebatte die Parteizugehörigkeiten ausnahmsweise überhaupt keine Rolle spielten, sondern Grüne gegen Grüne argumentierten, CDU und Linke einem einsamen AfD-Abgeordneten applaudierten, der sich gegen seine Fraktion stellte, das zeigt, wie tief dieses Thema rührt. Eines der ganz wenigen, bei denen Abgeordnete einfach nur Menschen sind, nicht Politiker.
Bleibt die Frage, wie sich das Vertrauen erhöhen ließe, das womöglich eine Rolle dabei spielt, warum viele sich so schwer tun mit der Organspende. Das fängt bei den Strukturen an. In den USA ist es das vom Staat ausgestellte Ausweisdokument, auf dem sich die Bereitschaft zur Organspende zweifelsfrei festhalten lässt. In Spanien ist für die Koordination von Organspenden eine staatliche Organisation zuständig. In Krankenhäusern arbeiten ganze Teams von Transplantationsbeauftragten, schon an Schulen wird für Aufklärung zum Thema gesorgt.
Auch das könnte erklären, warum dort so viele Organe gespendet werden, und zwar unter Einbindung der Angehörigen. Umso bemerkenswerter ist diese Bereitschaft zur Organspende, denn in Spanien (wie auch in anderen Ländern, beispielsweise Frankreich) ist die Entnahme von Spenderorganen nicht nur nach einem Hirntod gestattet, sondern auch nach einem Herz-Kreislauf-Stillstand.
Hierzulande ist das noch unvorstellbar. Aber auch dieses Gespräch müssen wir endlich lernen zu führen.
