
Aus der „Galerie Judith Andreae“ in Bonn ist „Andreae“ geworden. Haben Sie damit den Generationenwechsel markiert?
Katja Kamilla Andreae: Es ist erst mal eine Transformation, keine komplette Übergabe. Wir haben uns bewusst für eine Doppelspitze entschieden – keine Neugründung, aber einen Relaunch und den Namen auf ‚Andreae‘ verkürzt.
Judith Andreae: Dass wir den Namen geändert haben, war für mich kein Zugeständnis, sondern eine gute Möglichkeit, nach außen zu zeigen: Es gibt etwas Neues – und etwas Vertrautes bleibt bestehen.
Wie hat eigentlich alles angefangen mit der Galerie?
Judith Andreae: Ich bin ausgebildete Landschaftsarchitektin, hatte also immer einen starken Bezug zur Ästhetik. Nach vielen Etappen und Umzügen mit vier Kindern landeten wir 2004 in Bonn, wo ich verschiedene Ausstellungsformate ausprobierte. 2010 stießen mein Mann und ich auf eine marode, denkmalgeschützte Schule aus dem beginnenden 20. Jahrhundert in Bad Godesberg. Als ich das Gebäude sah, war für mich klar: Hier kann ich der Kunst endlich ihren Raum geben.
Katja Kamilla Andreae: Die Anfänge habe ich eher aus der Distanz miterlebt. 2012, als die Galerie offiziell gegründet wurde, machte ich Abitur und ging nach Berlin. Dort habe ich für Galerien, Institutionen und eine Messe gearbeitet. Ich habe mir also mein eigenes Skillset und meine eigene Haltung zur Kunst außerhalb der Galerie meiner Mutter angeeignet. Und doch kam irgendwann der Punkt, an dem wir aufeinander zugingen und uns fragten, wie ein Dialog dieser beiden Ansätze aussehen könnte. So habe ich angefangen, kuratorische Formate zu etablieren und mich mit eigenen Ausstellungen einzubringen. Fest eingestiegen als Direktorin bin ich Ende 2024.
Wie führt man in der Beethoven-Stadt Bonn eine erfolgreiche Galerie?
Katja Kamilla Andreae: Wir sind nah an den Museen, eng mit den Kuratoren vernetzt und haben eine interessierte, engagierte und sehr erreichbare Käuferschaft, die neue Impulse mit aufnimmt.
Judith Andreae: Bonn ist zudem sehr international: zwei Dax-Unternehmen, der UN-Standort, gute Schulen und eine Exzellenz-Uni, dazu die romantische Rheinlandschaft. Das zieht viele Menschen an. Am Anfang kam noch viel altes Hauptstadt-Publikum mit hohem Anspruchsdenken: Wo ist der Champagner, wo sind die Häppchen? Aber diese Generation verschwindet allmählich. Stattdessen sehe ich gerade einen Zuzug junger Familien, die durch Katjas Programm neu in die Galerie finden.
Hat sich das Zusammenspiel mit den vertretenen Künstlern verändert?
Katja Kamilla Andreae: Viele Künstler begleite ich bereits während oder unmittelbar nach der Akademie; viele von ihnen sind wenige Jahre später bereits sehr gut institutionell und im internationalen Markt verankert. Nach wie vor gilt: die künstlerische Qualität muss herausragend sein, aber menschlich muss es auch passen, sonst funktioniert die Zusammenarbeit auf Dauer nicht. Von einem Teil des bestehenden Programms haben wir uns getrennt, weil ich dort keine Schnittmengen mit meiner Vision gesehen habe. Gleichzeitig möchte ich nicht ausschließlich als „Emerging-Galerie“ wahrgenommen werden. Positionen mit Renommee stärken zugleich die jüngeren Positionen im Programm.
Sie erschließen neue Märkte auch durch Teilnahmen an Messen, aktuell etwa der Contemporary Istanbul. Wie entscheiden Sie, wo sie präsent sein wollen?
Katja Kamilla Andreae: Istanbul war tatsächlich eine sehr spontane Entscheidung. Ausgangspunkt war die Frage, in welchem Markt ich unsere Künstlerin Regine Schumann sinnvoll platzieren kann. Sie ist international längst etabliert, bewegt sich preislich aber in einem Segment, das im hiesigen Markt nicht immer ganz einfach ist. Während der Art Basel traf ich dann die Direktorin der Contemporary Istanbul. Das war für mich der Impuls, den türkischen Markt für Regines Arbeiten noch einmal konkreter zu betrachten.
Welche Strategie haben Sie für Ihre Galerie in Bonn?
Judith Andreae: Wie viele andere Galerien merken wir, dass die Leute nicht mehr in dem Maße von selbst in die Galerie kommen. Das Geschäft läuft stärker über Messen. Deshalb setzen wir zunehmend auf kooperierende Formate wie zum Beispiel im November ein Projekt mit dem Jazzmusiker Peter Materna, der das internationale Jazzfestival in Bonn weltweit bekannt gemacht hat.
Katja Kamilla Andreae: Ich möchte den klassischen Galeriebegriff weiterdenken und die Verbindung zu anderen Feldern forcieren. Niemand kennt die Menschen und Netzwerke in Bonn besser als Judith, während ich mich um die internationale Platzierung kümmere. Wichtig ist mir auch, in diesen wirtschaftlich angespannten Zeiten dynamisch zu bleiben, anstatt zu resignieren.
Wie stellen Sie sich Ihre Zusammenarbeit in den kommenden Jahren vor?
Judith Andreae: Ich habe früher immer gesagt: Als Galeristin fällt man mit 90 tot am Messestand um. So lange will ich es nicht machen, aber ein festes Enddatum kann ich auch nicht nennen. Ich fühle mich fit, habe noch Lust, Dinge zu bewegen. Solange Katja Lust hat, machen wir gemeinsam weiter, aber das Ziel ist klar: dass sie übernimmt. Irgendwann muss man der Tochter das Gefühl geben: Das ist jetzt deins.
