Sie trauen sich, die Münchner Olympia-Bewerber. Wer beklagt, Zögerer und Zauderer bestimmten den Diskurs hierzulande, muss den Deutschen Olympischen Sportbund (DOSB) nun ausnehmen. Für Diskuswerfer und Dressurreiter sollen Olympische Spiele her, und zwar so schnell wie möglich: 2036. Für alle weiteren Athletinnen und Athleten, denen das Internationale Olympische Komitee eine Bühne bietet, selbstverständlich auch.
Und damit, um im Duktus zu bleiben, mitten rein in die Ungewissheiten des olympischen Abenteuers, auf das sich der deutsche Sport, die Politik vom Bürgermeister bis zum Bundeskanzler und die Münchner Bürger nun eingeschworen haben.
Noch ist diffus, welche Sportarten und Disziplinen im Jahr 2036 überhaupt olympisch sein werden. Was ist in Zukunft olympischer Sport? Allzu sicher sollten sich auch Diskuswerfer und Dressurreiter nicht sein. Kirsty Coventry, die Präsidentin des Internationalen Olympischen Komitees (IOC), hat ihre Organisation auf einen Modernisierungskurs eingeschworen, der auch nach mehr als einem Jahr wolkig anmutet.
Wladimir Putin ist 2036 erst 83 Jahre alt
Ganz konkret wurde unter Kirsty Coventry, die als Sportministerin des zimbabwischen Gewaltherrschers Emmerson Mnangagwa zur IOC-Präsidentin gewählt wurde, die Neutralität in politischen Fragen in der Olympischen Charta verankert und die Suspendierung des russischen olympischen Komitees aufgehoben. Wer Olympische Spiele 2036 austragen will, sollte nicht nur im Hinterkopf haben, dass Wladimir Putin dann erst 83 Jahre alt wäre.
Aber sportpolitische Erwägungen sind für den Moment nachrangig bei der Suche auf eine Antwort nach der Frage, worauf sich München bewirbt und wie aussichtsreich diese Bewerbung ist. Das liegt auch daran, dass die Bewerber des DOSB München als Kandidaten für die Spiele 2036, 2040 und sogar 2044 sehen. Jedenfalls in der Theorie.
In der Praxis sieht es so aus: Die erste Weiche stellt das IOC im kommenden Frühjahr, wenn in Lausanne entschieden wird, welche Bewerber in den „strategischen Dialog“ für die Ausgabe 2036 aufgenommen werden. Ist München dabei und schließlich bei der Wahl des Austragungsort auf der IOC-Vollversammlung 2029 unterlegen, war es das mit dieser deutschen Bewerbung, dann gibt es keine Verlängerung 2040 oder 2044.
Die erste Vergabe unter Kirsty Coventry
Die Spiele in zehn Jahren sind die ersten, die unter Coventrys Führung vergeben werden. Mit ihnen ist eine Richtungsentscheidung verbunden: Gerade Narendra Modis Indien mit Ahmedabad und Qatar würden dem IOC ein neues Narrativ bescheren. Ein europäischer Gastgeber wäre eine konservative Wahl in ökonomischer wie sicherheitspolitischer Hinsicht.
Weil aber im kommenden Frühjahr kaum mit Sicherheit zu sagen sein wird, wie sich die Sicherheitslage im Nahen und Mittleren Osten bis 2036 entwickelt, dürfte das IOC zweigleisig fahren, um beide Optionen offenzuhalten bis zum Wahltag. Es ist nahezu ausgeschlossen, dass München nicht auf der Shortlist der Bewerber für 2036 landet.
Andererseits: Donald Trump ist zwar 2028 in Los Angeles Olympia-Gastgeber, aber 2029 aller Voraussicht nach nicht mehr im Amt. Und sollte Qatars Doha sich mit der Aussicht auf Frieden um die Spiele 2036 bewerben, wird es als Favorit gelten: Der Emir ist reich, der Emir ist mächtig, und der Emir ist IOC-Mitglied.
Wann wird der Hauptbahnhof in München fertig?
Die Münchner Bewerbung hingegen wird erhebliche Hilfe brauchen, um für 2036 olympiatauglich zu sein. Dazu reicht ein Blick auf den Zeithorizont der Erneuerung des Hauptbahnhofs der Landeshauptstadt: Nach heutigem Stand ist die Erneuerung erst 2038 abgeschlossen. Ohne Olympiainvestitionsbeschleunigungsgesetz wird es nicht gehen. Die Debatten über den finanziellen Anschub bei gleichzeitigen Einsparungen in vielen anderen Bereichen werden die Bewerber nicht nur aushalten, sondern führen müssen, voraussichtlich nicht nur einmal.
Für den Moment wird die Münchner Bewerbung getragen von einer schwarz-grünen Koalition in Bund, Land und Stadt. Allen voran Münchens Bürgermeister Dominik Krause kann sich auf die Bürgerbefragung aus dem Herbst 2025 berufen: Zwei Drittel der damals abstimmenden Münchner, die Wahlbeteiligung lag bei 42 Prozent, wollten zum zweiten Mal Olympische Spiele in ihrer Stadt sehen. Der DOSB wirbt mit dem Ergebnis und wird das weiterhin tun, auch gegenüber dem IOC. Es ist kein schlechtes Argument, im Gegenteil.
Aber das Argument hat nur eine begrenzte Halbwertzeit. Sollte Münchens Bewerbung tatsächlich erst für die Olympischen Spiele 2040 aktiviert werden, ist womöglich der Hauptbahnhof auch ohne Investitionsschub fertig gebaut – aber eine Bürgerbefragung aus dem Jahr 2025 auch kaum noch ein Argument.
Die Münchner Bewerbung profitiert vor allem jetzt von der großen, für hiesige Verhältnisse außergewöhnlich großen Einigkeit, mit der sie nun auf die Schienen gesetzt wurde. Das hebt sie von vielen gescheiterten deutschen Anläufen in den vergangenen Jahrzehnten ab. Das sagt aber über ihre internationalen Chancen noch nicht viel aus.
