Am Sonntag hatte Robert Habeck noch bei Caren Miosga die Welt vom Nordpol aus erklärt und Werbung für sein neues Buch gemacht. Am Montag saß er mit seiner Frau Andrea Paluch in gänzlich anderer Mission im Münchener Lyrik-Kabinett. Es ging nicht um die Lage des Planeten, sondern um den Dichter Ted Hughes, dessen „Birthday Letters“ Paluch und Habeck 1998 für die Frankfurter Verlagsanstalt übersetzt haben. Das war seinerzeit ein großer Vertrauensvorschuss, denn das junge Übersetzerpaar war zuvor nur mit dem Band „Tigerträume“ von Roger McGough hervorgetreten, einem der „Liverpool Poets“, der in England eine große Nummer, in Deutschland jedoch kaum bekannt war.
Die Frage, warum der Abend stattfand – gänzlich ohne Jubiläumsanlass, 28 Jahre nach Erscheinen der Übersetzung –, beantwortete sich wie von selbst: Weil. Habeck zieht einfach. Bei seiner Begrüßung sagte der Hausherr Holger Pils in Anspielung auf Habecks letzte politische Position als Vizekanzler, aus einem Literaturwissenschaftler könne eben alles werden. Der bedankte sich artig mit dem Hinweis, zum ersten Mal seit langer Zeit sitze man gemeinsam auf einer Bühne, das sei „ein bedeutsamer, schöner Abend“. Nicht auszudenken, was aus den beiden hätte werden können, wenn nicht die Politik dazwischengekommen wäre – ein literarisches Duett allemal.

Dann ging es, unterstützt durch den hervorragend disponierten Tai Steyn als Vortragenden der Originalfassungen, in die „Birthday Letters“. Einen Zyklus, den Hughes kurz vor seinem Tod veröffentlichte, was er nach eigener Aussage nie vorhatte, dann aber bereute, es nicht 25 Jahre früher getan zu haben. Der Band verkaufte sich eine halbe Million Mal, vermutlich auch wegen erhoffter Schlüsselloch-Effekte. Hughes setzt sich darin mit seiner Beziehung zu der Amerikanerin Sylvia Plath auseinander, die er 1956 als Fulbright-Stipendiatin in Cambridge kennengelernt und wenige Monate später geheiratet hatte. Plath nahm sich nach sechs Ehejahren und der Geburt zweier Kinder das Leben.
Auch Assia Wevill, mit der Hughes während seiner Ehe ein Verhältnis begann, und die, gleichwohl selbst verheiratet, ein Kind von ihm zur Welt brachte, suizidierte sich auf die gleiche Weise wie Plath, indem sie sich mit Gas vergiftete. Der Ruf von Hughes war ruiniert, er erhielt sogar Morddrohungen. Ein, wie man heute sagen würde, toxisches weißes Monster, das gleich zwei Frauen auf dem Gewissen hat?
Übersetzungshilfe per Fax
Da sich Hughes nach dem Tod von Sylvia Plath um deren Nachlass kümmerte, die Gedichte herausgab und so ihren Weltruhm begründete, änderte sich im Laufe der Jahre auch die Bewertung seiner Person – am Rang seiner Lyrik hatte es nie Zweifel gegeben, schon 1984 wurde er zum Hofdichter ernannt, später in den exklusiven Order of Merit aufgenommen.
Paluch und Habeck erzählten von der gemeinsamen Arbeit nachts am Küchentisch, bei der sie um jedes Wort gerungen hätten. Da viele Formulierungen opak wirkten, bombardierten sie den damals noch lebenden Hughes per Fax mit Fragen, die dieser, anders als gedacht, äußerst entgegenkommend mit seitenlangen Erklärungen beantwortete. Muss man ja erst einmal darauf kommen, dass es sich bei „Stubbing Wharfe“ um einen Pub in Hebden Bridge handelt – der by the way noch heute existiert. Originalfaxe in Klarsichthüllen wurden großzügig zur Ansicht herumgereicht, darunter ein Fax vom 14. Juli 1998, das auf den Äußeren Hebriden abgeschickt wurde. Hughes habe sie eingeladen, ihn in Devon zu besuchen, dazu sei es aber wegen seines überraschenden Todes nicht mehr gekommen.
In den Gedichten blickt er in die Zukunft, erträumt sich ein eigenes Haus. Doch Plath, die in den USA unter anderem mit Elektroschocks behandelt worden war, wird weiter von schwarzen Schatten gejagt. Paluch und Habeck blieben vorsichtig, den klinischen Befund „Depression“ wollten sie nicht ausstellen.
Die Regie des Abends übernahm Andrea Paluch, die ihren Mann bei gelegentlichen Flapsigkeiten zur Ordnung rief, etwa als er über Plath sagte: „Die konnte auch was“, oder wenn er eine vertrackte Stelle aus dem Gedicht „Der tönerne Kopf“ („In den schlanken Stakebooten, die zu ihrem Honig / Und der angehaltenen Uhr huschen“) als „Ist halt Lyrik“ einordnete. Dafür revanchierte sich der Gemahl mit zärtlichen Seitenblicken, die den Eindruck machten, als überwältige ihn die Erinnerung an lange vergangene Tage.
