Ein bisschen Luftanhalten ist dabei. Die MS Aranui gleitet im Zeitlupentempo in den Fjord, die Korallenbänke auf beiden Seiten gefühlt eine Armlänge von der Schiffswand entfernt. Das Wasser ist durchsichtig. Man kann ihre vielfältigen Formen und Farben knapp unter der Meeresoberfläche erkennen. Der Kapitän manövriert das Schiff zur besseren Sicht vom Ruderpult außerhalb der Brücke.
Auf Rapa gibt es keine Kokosnüsse
Offiziere, über die Reling gebeugt, beobachten konzentriert die Bewegung durch die schmale Passage. Ein Deck darunter, immerhin noch etwa 25 Meter über dem Meer, haben sich Gäste versammelt und verfolgen die Durchfahrt gebannt. Es scheint, als ob allen ein Stein vom Herzen fällt, als es ein paar Minuten später wieder freie Fahrt gibt. Die Pier von Rapa Iti liegt etwa auf der Hälfte der langgezogenen Bucht im Dorf Aruha’i. Der Prolog zu dieser isolierten Insel in der Südsee könnte nicht aufregender sein.

Rapa Iti liegt am äußersten südlichen Rand der Inselwelt von Französisch-Polynesien im Archipel der Austral-Inseln. Doch tatsächlich bildet diese mit den unbewohnten Bass-Inseln einen eigenständigen Kosmos. Denn geologisch, linguistisch und kulturell weist Rapa Iti eine andere Historie auf. Zum einen ist der 39 Quadratkilometer große Flecken die Caldera eines versunkenen Vulkans, zum anderen sprechen die 451 Einwohner, abgesehen von Französisch, einen autochthonen polynesischen Dialekt.
Dieser Text stammt aus der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
Die Insel ist eine Augenweide: Schroffe, gefaltete Bergspitzen, darunter mit Kiefern und Busch bewachsene Hänge, und in Mulden, wo sich fruchtbare Ackerkrume festgesetzt hat, wird großblättriges Taro angebaut. Die Knolle ist ein traditionelles Grundnahrungsmittel. Sie wird gekocht und zum zähen Teig „Poi Poi“ geknetet. Auch Steinobst wächst hier ,wie Pfirsiche und Aprikosen, und allerlei rote Beeren.
Das Klima ist gemäßigt subtropisch. Im Winter können die Temperaturen bis fast auf den Gefrierpunkt sinken. Deswegen gibt es auf Rapa keine Kokosnusspalmen. Und aus Mangel an Flachland keine Landebahn für Flugzeuge. Einmal im Monat macht ein Cargo-Schiff fest und genau sechsmal in den kommenden zwei Jahren die MS Aranoa, das neue Schwesterschiff der Aranui 5, wie diese Fracht- und Passagierschiff in einem.

Aranoa-Gäste gehören zu den wenigen Ausländern, denen erlaubt ist, an Land zu gehen und die Insel mit dem 650 Meter hohen Mont Perahu einen Tag lang zu erkunden. Zu Fuß, denn über touristische Infrastruktur verfügt Rapa nicht. Keine Straßen bis auf die 500 Meter von der Pier zum Dorf, keine Minibusse, keine Ausflugsboote, keine Unterkunft. „Pas de touristes“ – keine Touristen, hat der Rat der Weisen entschieden.
Er besteht aus sieben Mitgliedern und bestimmt über alle Inselangelegenheiten. Bislang stemmt er sich gegen touristische Entwicklung. Man will keine fremden Investoren und keine Traveller, die möglicherweise bleiben. Grundbesitz bleibt alteingesessenen Rapa-Familien vorbehalten. Einheiraten ist nach gründlicher Prüfung des Rats möglich, Vererbung und Verkauf an Nichtinsulaner dagegen tabu. Wer verwandtschaftliche Bande hat oder mit einem Local befreundet ist und in seinem Haus unterschlüpfen kann, darf je nach Schiffspassagen maximal drei Wochen bleiben.
Überschwängliche Gastfreundschaft
Diese Verfügungen im Kopf, wundert man sich ein wenig, wie außerordentlich gastfreundlich die Insulaner sind. Der Empfang ist so überschwänglich, als ob lang vermisste Verwandte zurückkehrten. Was nicht ungewöhnlich wäre, denn etwa 1500 Rapa leben auf dem 1240 Kilometer entfernten Tahiti, ein paar Dutzend arbeiten auf Bora Bora in Resorts, 1000 Kilometer weit weg, und einige junge Männer absolvieren ihren Militärdienst in Frankreich. So weit reicht immerhin die Hand der Grand Nation.
Manch ältere Semester haben den isolierten Flecken im südpazifischen Ozean noch nie verlassen. Und doch hat eine Rapa-Story Widerhall in weiter Ferne gefunden. Sogar ein Film wurde über die unglaublichen Lebenserfahrungen eines Franzosen gedreht, und Éric Viennot veröffentlichte ein Buch über ihn – „L’homme qui rêvait dans une langue inconnue“, 2023 auf Französisch erschienen.
Der Mann, der in unbekannter Sprache träumte, war Marc Liblin. Bereits als Kind in den Vogesen, so steht im Buch, wurde er von den Träumen gejagt. Die unbekannten Worte hielten ihn Jahrzehnte lang gefesselt. Tatsache ist, er verlässt deswegen 1981 Familienbetrieb, Frau und zwei Kinder und geht in die Bretagne. Seine Hoffnung gilt Hafenkneipen, wo er möglicherweise einen weit gereisten Seemann trifft, der die Sprache erkennt.
Ein Barkeeper bringt ihn in Kontakt mit Meretuini Make. Sie stammt von Rapa und erkennt die Lingua als alte Ausdrucksform ihrer Vorfahren. Liblin begleitet sie auf die für ihn mystische Insel. Sie heiraten. Von Schwiegervater Teraimaeva Make lernt er die Sprache vollständig, fügt sich in die traditionelle Kultur von Rapa ein und gibt sie als Lehrer an Kinder weiter. 1996 stirbt er und wird auf der Insel begraben.
Das Vermögen, ohne Vorkenntnisse eine fremde Sprache zu sprechen, heißt Xenoglossie. Eine substanzielle Erklärung gibt es dafür nicht. Skeptiker schließen es kategorisch aus. Oder war es Pareidolie bei der Begegnung von Liblin und Make? Darunter versteht man eine wissenschaftlich akzeptierte Sinneswahrnehmung, die unbewusst Muster fehldeutet, wo keine sind. So oder so, spannend ist die Geschichte allemal.
Noch so eine irre Geschichte?
Der Familiennamen Make indes ist, wie im Inselmuseum dokumentiert, geläufig. Und manchmal mit einer Überraschung verbunden. Nach großzügiger Bewirtung mit Inselspezialitäten locken Kunsthandwerke – fein gearbeitete Hüte und Matten aus Stroh, filigrane Muschelketten. In einer Ecke der kleinen Halle sind Ölgemälde ausgestellt. Davor sitzt eine weißhaarige Dame mit Blumenkranz auf dem Kopf. Schopf und Gesichtszüge deuten auf mitteleuropäische Herkunft. Sie stellt sich als Künstlerin Roti Make vor. Und spricht Deutsch! Noch so eine irre Geschichte?

Non. Roti Make wurde 1953 auf der Insel geboren, Mutter Rapa, Vater Franzose. Mit zwölf folgte sie der Mutter und dem Schweizer Stiefvater nach Basel und ging dort zur Schule. „Der Unterricht war auf Deutsch“, erzählt sie. „Ein Jahr lang habe ich überhaupt nichts verstanden.“ Jetzt hat sie die Sprache neben Französisch und Rapa immer noch drauf. Dank ihrer Wurzeln und internationalem Netzwerk wurde sie zur Präsidentin des Rats der Weisen gewählt. Nicht zuletzt, weil sie den Insulanern beistand, ihren Grundbesitz ins Katasteramt einzutragen. Das war erst vor ein paar Jahren. Roti Make erinnert sich an Ratschläge ihrer Großmutter. „Sie lehrte mich, dass Träume eine spirituelle Verbindung ermöglichen und auf einen bestimmten Weg führen können.“ Vielleicht lagen die Skeptiker, die Xenoglossie bei Mark Liblin ausschlossen, doch falsch?
Literatur „L’homme qui rêvait dans une langue inconnue“, das Buch von Éric Viennot, gibt es derzeit nur auf Französisch (2023 bei Michel Lafon erschienen).

