Was war das für ein Spaß! Einer der ersten großen Wettstreite unserer Kindheit. Am See, manchmal reichte auch eine große Pfütze, suchten wir einen flachen, glatten Stein und warfen ihn nicht in hohem Bogen ins Wasser, sondern mit Schwung und möglichst flach, sodass er über die Oberfläche sprang. Wer nur drei Sprünge schaffte, galt als Anfänger, wer fünf schaffte, war schon gut, und mit neun hatte man den Durchgang meistens gewonnen. Weitergehende Regeln gab es nicht.
Es kam nicht nur auf die Wurftechnik an, sondern auch auf den Stein. Wie groß, wie flach? Einen richtigen Namen hatten wir für unseren Wassersport nicht. Steinewerfen passte nicht. Steinehüpfen klang auch blöd. Also hieß es „Steine übers Wasser springen lassen“. Oder so ähnlich. War auf jeden Fall ein Heidenspaß.
Dieser Text stammt aus der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
Gerade versuchen wir an einem spanischen Strand, diesen Sport dem Nachwuchs nahezubringen. Die Steine, kurz zuvor im Sand gefunden, springen schon ganz ordentlich. Dreimal sind kein Problem, fünfmal klappte auch schon mal. Mehr war nicht drin, spätestens dann verschluckte das Weißwasser das Spielgerät. Aber immerhin.
Am selben Abend berichtete ein Freund von einer erhellenden Lektüre. Er hatte über die gerade ausgetragenen „World Stone Skimming Championships“ auf der schottischen Insel Easdale gelesen. Unser Kindersport sei also möglicherweise mit „Steinflitschen“ zu übersetzen. Interessant. Geradezu erschreckend hingegen eine andere Neuigkeit, die er mitbrachte: Wir hatten das Spiel unser ganzes Leben lang falsch verstanden. Die Zahl der Sprünge nämlich interessiert keinen Steinflitschprofi. Es zählt allein die Weite. Ob der Stein jetzt dreimal springt oder dreißig Mal: völlig egal.

In Easdale schaffte der Sieger, ein Amerikaner, 63 Meter. Als Einziger erreichte er die gegenüberliegende Wand des gefluteten Schiefersteinbruchs, in dem die WM stattfand. Easdale hat rund 60 Einwohner, lernten wir noch. Zur Weltmeisterschaft kamen 340 Teilnehmer aus 34 Ländern. Steinflitschen scheint also im Aufwind zu sein. Olympia lässt grüßen.
Und da ist Materialdoping natürlich nicht weit. In Easdale sind nur Schiefer von der Insel erlaubt, ein Stein darf höchstens 7,6 Zentimeter breit sein. Im vergangenen Jahr stellte sich heraus, dass mehrere Teilnehmer ihre Steine geschliffen hatten, um sie schneller zu machen. Ein übler Verstoß gegen die Prinzipien britischer Fairness. Die Betrüger wurden disqualifiziert.
Wie geht es angesichts der neuen Erkenntnisse nun weiter bei uns in Spanien? Wir stellen das Training um. Von morgen an gehen wir auf Weite. Die schottische Vorgabe von 63 Metern bis zur Wand können wir zumindest theoretisch bei Weitem übertreffen. Gegen die Weite, die uns das spanische Meer bietet, ist das ein Klacks. No limits.
Und was das Material betrifft: Da bleibt alles beim Alten. Die Steinsuche ist nach wie vor Teil der Leistung. Wer einen besonders flachen Stein findet, hat nicht vor, ihn aus Gründen der Chancengleichheit wieder wegzuwerfen. Wir haben weiterhin auch keine Materialkommission und kein Dopingproblem. Wir haben einfach nur Spaß. Ist ja auch keine WM.
