„Ich glaube, es kursieren viele Missverständnisse über Narzissmus“, sagt Max. Er sitzt irgendwo im Mittleren Westen der USA und blickt etwas unsicher in die Computerkamera. Zumindest unsicherer, als man es von einem klinisch diagnostizierten Narzissten erwartet. Ob er gerade im Videochat sein eigenes Bild betrachtet, so wie es laut einer Umfrage 83 Prozent der Menschen tun?
Kann es das geben, gesunden Narzissmus?
Doch vielleicht achtet Max auch besonders auf solches Verhalten, er hat immerhin eine Community gegründet für krankhafte Narzissten, die anders werden wollen. „Ich habe einen gesunden Narzissmus gefunden“, sagt Max. Der sei nichts anderes als ein stabiles Selbstbewusstsein. Kann es das geben, gesunden Narzissmus?
Frank William Abagnale Jr. betrachtete sein Ebenbild sehr viel selbstverliebter. Er war offiziell kein Narzisst, doch er schrieb 1980 in seiner Biographie, wie ein Spiegel eines Pariser Hotels sein „Lieblingsbild von sich“ zeigte: Ein „gut aussehender Pilot“ mit klarer Haut und breiten Schultern. „Bescheidenheit ist keine meiner Stärken.“ Der Hochstapler flog in Pilotenuniform angeblich um die Welt, war als Kinderarzt und Anwalt tätig, verprasste gestohlene Millionen für Partys und Frauen, alles vor seinem 21. Geburtstag.
Er nannte sich den „außergewöhnlichsten Lügner aller Zeiten“. Abagnales Geschichte wurde durch den Film „Catch me if you can“ zum Kult, Millionen Kinogänger liebten seine Tricks. Ein Nachsatz interessierte weniger: Wie viel davon stimmt, ist unklar. Journalisten fanden keine Belege dafür, dass er als Arzt oder Anwalt gearbeitet hatte oder groß herumgeflogen wäre. Es ist eine narzisstische Geschichte mit doppeltem Boden: Der Hochstapler, der die Massen begeistert, indem er so tut, als wäre er ein erfolgreicher Hochstapler.
Wir haben ein paradoxes Verhältnis zu großen Egos
Abagnales Geschichte zeigt: Wir haben ein paradoxes Verhältnis zu großen Egos. Wir lieben Erzählungen von Menschen, für die es nur einen Weg gibt – ganz nach oben. „Fake it till you make it“ lautet das Credo der Zeit. Auch von ehrlichen Einzelkämpfern kriegen wir nicht genug, die vom Tellerwäscher zum Millionär werden, ganz allein und unbeirrt. Wie Studienabbrecher Steve Jobs oder Muhammed Ali, der immer schon gewusst haben will: „Ich bin der Größte.“ Arnold Schwarzenegger sagte mal, er hatte schon als Kind das Gefühl, „auserwählt zu sein, etwas Besonderes zu tun“.
Studien zeigen, dass narzisstische Menschen als attraktiver gelten, andere wollen sie eher kennenlernen, sie werden schneller befördert. Auf der anderen Seite sind sie in der Gesellschaft verhasst wie kaum ein anderer Schlag Mensch: Man denkt an Angeber, Donald Trump und Psychopathen, die ihre Beziehungspartner austricksen und terrorisieren. Zahllose Bücher, Artikel, Coachs und Influencer warnen vor Narzissten und erklären, wie man sie erkennt, als seien sie maskierte Raubtiere.
Psychologen aber sagen: Vieles von dem, was als Allgemeinwissen zu Narzissten gilt, stimmt so nicht. Narzissmus sei nicht gut oder schlecht. Sondern eine normale Persönlichkeitseigenschaft, die jeder Mensch in unterschiedlichem Maße aufweist. Wie sieht er also aus, der gesunde oder normale Narzissmus? Wann wird er gefährlich? Und stimmt es, dass die Menschen immer narzisstischer werden?
In Deutschland gibt es die Diagnose offiziell nicht
Seit jeher scheint es ein Problem, Narzissmus genau zu definieren. Sigmund Freud war mit seinem prägenden Aufsatz „Zur Einführung in den Narzissmus“ (1914) unzufrieden, der sei eine „schwere Geburt“ gewesen und zeige entsprechende Deformationen. Der Begriff kursierte seit Ende des 19. Jahrhunderts, inspiriert von einer Geschichte aus der griechischen Mythologie: Den schönen Jüngling Narziss lassen die Anschmachtungen seiner Verehrer kalt, er verbringt seine Zeit lieber bei der Jagd. Dafür straft ihn die Rachegöttin Nemesis: Er begehrt sich nur selbst. An einem See ist er so verzaubert von seinem Spiegelbild, dass er darin versinkt.
Freud nannte Narzissmus eine Perversion: Man sieht sich selbst als Lustobjekt. Normalen Narzissmus gebe es bei Säuglingen, die naturgemäß einzig auf ihre Bedürfnisse fokussiert sind. Freud vermerkte aber auch, dass Narzissten eine „große Anziehung“ ausüben können: Der Reiz des Kindes beruhe auf dessen Narzissmus, seiner Selbstgenügsamkeit, so sei es auch bei Katzen und großen Raubtieren, die sich nicht um uns zu kümmern scheinen. Wäre der Jüngling Narziss bei einem US-Psychiater 1980 als Narzisst durchgegangen? Damals wurde die narzisstische Persönlichkeitsstörung offiziell in das amerikanischen Diagnosemanual aufgenommen. In Deutschland gibt es die Diagnose offiziell nicht.
Im Kern steckt der unstillbare Durst nach Bewunderung, das Gefühl der Grandiosität. Betroffene erwarten Sonderbehandlungen, phantasieren über ihren Erfolg, nutzen andere aus, haben keine Empathie. Getestet wird das durch Fragebögen: Stimmen Sie Aussagen zu wie „Wenn ich die Welt regieren würde, wäre sie ein besserer Ort“ oder „Mir fällt es leicht, Menschen zu manipulieren“? Etwa ein Prozent der Menschen haben eine narzisstische Persönlichkeitsstörung, einige Forscher kommen auf sechs Prozent.
Was ist mit den Menschen, die wir im Alltag als Narzissten bezeichnen?
Es gibt Kritik an der Diagnostik: Aussagen wie „Ich bin durchsetzungsfähig“ oder „Ich mag es, meinen Körper anzuschauen“ könnten schlicht von gesundem Selbstbewusstsein zeugen. Psychologen kennen heute auch den vulnerablen Narzissmus: Diese Narzissten sind selbstbezogen, dabei aber unsicher, voller Misstrauen, fühlen sich schnell übergangen. Damit Narzissmus als krankhaft gilt, müssen die Betroffenen darunter leiden, Probleme haben: Viele scheitern früh im Beruf, kommen mit anderen nicht zurecht. Gefängnisinsassen haben besonders häufig eine narzisstische Persönlichkeitsstörung.
Doch was ist mit dem selbstverliebten Chef oder Freund, der immer nur von sich erzählt, Menschen also, die wir im Alltag als Narzissten bezeichnen? Haben alle Influencer, die permanent Fotos von sich im Bikini posten, eine solche Störung? Mit Alltagsnarzissten beschäftigt sich Mitja Back. Der Professor für Persönlichkeitspsychologie an der Universität Münster sagt: „Man muss Narzissmus als Persönlichkeitseigenschaft von der krankhaften Ausprägung, der narzisstischen Persönlichkeitsstörung, abgrenzen.“
Der Sozialpsychologe Keith Campbell vergleicht es mit dem Unterschied zwischen der Traurigkeit, die jeder kennt, und einer schweren Depression. Narzissmus ist demnach eine normale Charaktereigenschaft. So wie manche Menschen unordentlicher oder ordentlicher sind, brauchen einige mehr Aufmerksamkeit und streben stärker nach Status. Sie wollen viel erreichen, gieren nach neuen Erfahrungen, zweifeln weniger an sich und halten sich öfter für phantastisch. „Das ist das narzisstische Mindset“, sagt Back.
Grundsätzlich nutzen Narzissten zwei Strategien, um andere zu beeindrucken
Narzissmus ist nicht konstant: Wir erwarten, dass sich an unserem Geburtstag oder wenn wir krank sind alles um uns dreht, und fühlen uns gut, wenn wir eine schicke Uhr oder ein neues Auto präsentieren können. Menschen sind etwas narzisstischer, wenn man ihnen vor dem Test sagt, wie schlau sie sind. Ist man narzisstischer gestimmt, ist man zufriedener und besser gelaunt, zeigte eine Studie, aber reagiert auch feindseliger auf andere.
Um die eigene narzisstische Neigung zu messen, hat Back einen Test entwickelt, den man online oder in seinem Buch „Ich! Die Kraft des Narzissmus“ findet: Wie stark hat man das Gefühl, etwas Besonderes zu sein? Ist man überzeugt, man wird es im Leben weit bringen? Die Skala geht von 0 bis 100, der durchschnittliche Wert ist 37. Die meisten Menschen liegen zwischen 16 und 58, doch jeder Sechste liegt deutlich darüber: Somit sind 16 Prozent aller Leute, die uns im Leben, im Büro, Tennisverein oder beim Familienfest begegnen, normale Narzissten.
Deren Verhalten haben Back und sein Team in Experimenten untersucht: Grundsätzlich nutzen Narzissten zwei Strategien, um andere zu beeindrucken, ob bei einer Dinnerparty oder im Bewerbungsgespräch: Beim narzisstischen Strahlen buhlen sie um Bewunderung und wollen mit ihrem Charme begeistern. Funktioniert das nicht, zeigen sie ihre düstere Seite: Sie machen andere herunter, zeigen wenig Empathie. Was vorwiegt, ist individuell: Eine Studie zeigte, dass intelligente Narzissten häufiger nur das Strahlen einsetzen. Mit abnehmender Intelligenz packten die Narzissten zusätzlich die Ellenbogen aus.
Narzissten organisieren aufregende Dates und lieben den feurigen Anfang einer Beziehung
Schauen wir uns erst die angenehmere Seite an: Narzissten werden beim ersten Treffen als sympathischer eingeschätzt. Das zeigt ein Experiment: Studenten sollten sich vor einer großen Gruppe kurz vorstellen. Öffentliches Reden ist eine der häufigsten Ängste. Nicht für Narzissten. Sie sind häufig charmanter und schlagfertig und kamen in der Studie besser an. Narzissmus kann für andere angenehm sein, sofern sie Angebereien tolerieren: zum Beispiel, wenn der Narzisst oder die Narzisstin ohne Hemmungen beim Kennenlernen das Eis bricht oder ein steifes Abendessen auflockert.
Partys sind die „Königsdisziplin“ der Narzissten, schreibt Back. Feiern mit ihnen sind laut, verschwenderisch, legendär, voller Abenteuer. Der Psychologe Craig Malkin beschreibt, wie seine narzisstische Mutter stets mit allen Ladenbesitzern und Nachbarn im Viertel plauderte. „Das war die Kraft meiner Mutter: Sie fühlte, dass sie etwas Besonderes war, und konnte anderen das Gefühl geben, etwas Besonderes zu sein.“

Das zahlt sich aus: Narzissten werden als attraktiver eingeschätzt, sind beim Speeddating erfolgreicher und haben mehr Sexualpartner, weil sie stärker auf ihr Äußeres achten und selbstbewusst flirten. Wer die Bewunderung anderer braucht, legt sich ins Zeug. Narzissten organisieren aufregende Dates und lieben den feurigen Anfang einer Beziehung. Die Probleme beginnen später. Psychologe Campbell vergleicht Narzissten in der Liebe mit Schokoladenkuchen: Erst kriegt man nicht genug von ihnen, dann Bauchschmerzen.
Was es bedeutet, sich an einen Narzissten zu binden
Die sympathisch wirkenden Narzissten werden deutlich weniger gemocht, wenn die Menschen sie näher kennenlernen, zeigen Studien. Liebespartner sind genervt: „Die Arroganz, die am Anfang anziehend war, wird zu Gockelei, die Durchsetzungskraft zur Aggression“, sagt Back. Narzissten haben enorme Ansprüche an ihre Partner, dabei wenig Interesse an deren Alltag, gehen häufiger fremd und entschuldigen sich nicht gern. Die Idee, Menschen mit narzisstischen Neigungen würden sich gezielt Partner mit niedrigem Selbstwert suchen, ist umstritten: Eine Studie fand, dass sich Alltagsnarzissten eher zu narzisstischen Menschen hingezogen fühlen. Trophy Wives oder Männer, die einen schmücken.
„Wer sich dauerhaft an einen Narzissten binden möchte, sollte in der Lage sein, das Gegenüber in seiner Art zu akzeptieren und gleichzeitig Grenzen zu setzen, wo es nötig ist“, sagt Back. Statt zu versuchen, den Partner zu verändern, geht es darum, selbst zu reflektieren, was man braucht, will und kann in der Liebe. Die eigenen Gefühle sollte man klar kommunizieren.
Ein Missverständnis: „Es wird häufig gesagt, Narzissten könnten keine Liebe empfinden“, sagt Back. „Das ist Humbug.“ Narzissten geben in Studien an, leidenschaftliche Liebe zu empfinden, und es gibt objektiv kaum Unterschiede in der Fähigkeit, Emotionen nachzuvollziehen. Dass viele Narzissten intime Beziehungen meiden, sei „eher eine Frage der Prioritäten“. Für sie geht es darum, voranzukommen, sie langweilen sich schnell. Das trifft auf immer neue Liebschaften zu, wie auch auf ein anderes Spielfeld: die Karriere.
Langfristig wird starker Narzissmus zum Risiko für Unternehmen
Der Psychologe Ramzi Fatfouta, Autor des Buchs „Ego First! Führen in Zeiten von Narzissmus, Machtspielen und Manipulation“, hat Narzissmus erforscht und beobachtet ihn als Coach und Berater im Topmanagement. „Viele der gehobenen Führungskräfte bringen narzisstische Akzentuierungen mit“, sagt er. Narzissten fühlen sich wohl in Berufen, wo Status und Sichtbarkeit möglich sind. In einer Studie hatte jeder dritte Chirurg narzisstische Tendenzen. Auch Politiker, Priester, Prominente und Start-up-Gründer sind laut Umfragen narzisstischer als andere.
Narzissmus kann sich auszahlen im Job, etwa wenn man seine Kompetenzen positiv darstellt oder bereitwillig Führung übernimmt, sagt Fatfouta. Menschen mit ausgeprägtem Narzissmus scheuen Risiken weniger, treffen schnell Entscheidungen, lassen sich nicht so schnell aus der Ruhe bringen und sind resilienter.
Aber langfristig werde starker Narzissmus zum Risiko für Unternehmen: Narzissten reichen Informationen nicht weiter, setzen Mitarbeiter unter Druck oder beharren auf ihrem Kurs. Die meisten Menschen, die Rat bei Fatfouta suchen, wollen wissen, wie sie mit narzisstischen Chefs oder Kollegen umgehen sollen. Er erklärt dann etwa, wie schnell sich Narzissten gekränkt fühlen. Kritik sollte darum idealerweise mit Lob kombiniert werden. Man könne zwar die Dynamik beeinflussen, aber den anderen nicht ändern.
„Ich hatte immer das Bedürfnis, besonders zu sein, egal worum es ging.“
Das müssten Narzissten selbst tun. Häufig heißt es, dass sie das nicht können oder wollen. Wie sehen das Betroffene? „Wir sind vermutlich nicht die Mehrheit“, meint Max. Seine Online-Community besteht aus etwa 100 Leuten aus aller Welt mit narzisstischer Persönlichkeitsstörung, die sich zu digitalen Selbsthilfegruppen treffen. Er moderiert auch ein Reddit-Forum für pathologische Narzissten. Mitgliederzahl: 60.931. Manche Posts klingen angeberisch („Ich bin dafür bestimmt, ein Star zu sein“), andere verzweifelt: Die Menschen haben wenig Freunde, ihre Beziehungen kaputtgemacht, schämen sich, fühlen sich leer.
Max nennt das den narzisstischen „Kollaps“, wenn emotional alles zusammenbricht. Merkt man dann, dass man ein pathologischer Narzisst ist? Max hat es schon als Teenager vermutet. „Ich hatte immer das Bedürfnis, besonders zu sein, egal worum es ging.“ Er sei dominant und oberflächlich gewesen. Zugleich glaubte er, er könne kein Narzisst sein: „Ich habe eigentlich immer Empathie gehabt.“ Außerdem plagten ihn Selbstzweifel und Depressionen. Sein „Kollaps“ kam, als seine Ehe wegen seines Verhaltens kaputtging.
Er glaubt jedoch, dass es nicht stimmt, dass Narzissten nicht lieben könnten. „Aber was Liebe für mich bedeutet, hat sich geändert.“ Überlegte er früher, was er an seiner Partnerin schätzte, fielen ihm zuerst Sachen ein wie, dass sie sich um ihn kümmerte und für ihn sorgte. Seither hat er eine spezielle Psychotherapie durchlaufen. Seine Persönlichkeitsstruktur bleibe natürlich, sagt er. So sorge er sich etwa sehr um die Zornesfalte auf seiner Stirn, spreche offen über seine beruflichen Erfolge, wolle viel erreichen und müsse manchmal der Beste sein. Aber er könne das auf gesündere Weise tun, sagt er. Und seine letzte Partnerin habe er für den Menschen geliebt, der sie war.
Wer immer wieder an Narzissten gerät, kann bei sich selbst anfangen
Viele Menschen fragen sich: Ist mein Partner ein pathologischer Narzisst? Wie eine Beziehung mit einem krankhaften Narzissten im schlimmsten Fall abläuft, wissen diejenigen, die sich alle zwei Wochen in Darmstadt treffen. Wer einen der rund 40 Plätze in der Gruppe zu toxischen Beziehungen und Narzissmus ergattern will, muss schnell sein, der Andrang ist groß. „Wir haben jetzt einen zweiten Raum von der Stadt zugesagt bekommen“, sagt Simone Reitz.
Sie hat vor einigen Jahren den Verein Mutige Wege gegründet, bei dem auch Anwälte und Psychologen mitarbeiten. In der Gruppe kommen Frauen wie Männer zusammen, manche sind kaum 30, andere schon Rentner. Fast alle stammen aus schwierigen Elternhäusern. „Wenn du nie diese sichere Gebundenheit hattest, weißt du nicht, was Liebe ist“, sagt Reitz. Dann denkst du, das Lovebombing der Narzissten ist Liebe. „Am Anfang geben die alles.“ Sie schenken Aufmerksamkeit, hören zu, kaufen Geschenke. Bei manchen dauert die Phase ein paar Monate, bei anderen bis zur Hochzeit.
Irgendwann gehe es los mit Kleinigkeiten: „Man wird abgewertet, so nach dem Motto: Du bist zu dick für das Kleid.“ Irgendwann gehe man auf Zehenspitzen durch das Haus. Oft ist Gewalt im Spiel. Wie löst man sich aus so einer Beziehung? Das sei schwer, vor allem, wenn man Kinder habe, berichtet Reitz. „Für mich war absoluter Kontaktabbruch die einzige Möglichkeit.“ Und man müsse sich fragen: Was ist los mit mir? Sonst lande man immer wieder bei solchen Partnern. Irgendwann habe sie gemerkt, dass dies von ihrer eigenen Familie herrührte. Ihre Mutter sei narzisstisch, wusste Reitz nach viel Therapie.
Das Erbgut spielt eine größere Rolle als die Erziehung
Nach ihrem Geschmack wird gerade in den sozialen Medien geradezu leichtfertig mit dem Begriff Narzisst oder Narzisstin um sich geworfen. Man müsse trennen: Gerne in den Spiegel zu sehen oder im Rampenlicht stehen zu wollen, sei ja auch narzisstisch, ohne dass es ein Problem sein muss. „Mein jetziger Mann hat zum Beispiel viele narzisstische Merkmale. Aber er hat keine Persönlichkeitsstörung.“ Sie begegneten sich auf Augenhöhe, redeten über Probleme. Ganz normal.
Wie wird man zum Narzissten? Genau wissen es Psychologen nicht. Eine Theorie ist: Narzissten wurden von ihren Eltern nicht geliebt. „Das ist eine uralte Idee aus der Psychoanalyse, für die es aber keine empirische Evidenz gibt“, sagt Back. Studien zeigen zwar: Menschen mit pathologisch vulnerablem Narzissmus, die unsicher und schüchtern sind, haben als Kind häufiger Vernachlässigung oder Gewalt erfahren.
Bei grandiosem Narzissmus fand man solche Zusammenhänge nicht. Im Gegenteil: In einer der wenigen Studien waren Kinder narzisstischer, wenn ihre Eltern ihnen oft sagten, wie großartig und besonders sie seien. Erziehung spielt insgesamt aber wohl keine große Rolle, wie Studien mit Zwillingen zeigen. „Der wichtigste Beitrag der Eltern ist ihr Erbgut“, sagt Back. Etwa zu 50 Prozent bestimmen die Gene, wie narzisstisch man ist. Wichtiger als das Elternhaus ist wohl, wie wir uns mit den Mitschülern verstehen, was wir für Erfahrungen im Leben, der Liebe und im Beruf machen.
In welcher Art Gesellschaft leben wir eigentlich, die es Narzissten so gemütlich macht?
Wenn dazu sehr viele Selfies gehören und zwei Präsidentschaften von Donald Trump, ist es da nicht logisch, dass alle immer narzisstischer werden? Psychologen hatten schon 2009 die „Epidemie des Narzissmus“ unter der Jugend ausgerufen, das „Time“-Magazin berichtete 2013 über die „Generation Me Me Me“, lange bevor der erste Tiktok-Tanz viral ging. Allerdings ist das mittlerweile widerlegt. Alle Studien zeigen: Junge Leute sind heute nicht narzisstischer als früher.
Womöglich fallen Narzissten jetzt nur stärker auf. Sie sind aktiver in sozialen Medien und wollten häufiger Influencer werden. Es ist kein Zufall, dass man sich schon vor 3000 Jahren über die egozentrische Jugend beklagt hat: Menschen sind in jungen Jahren narzisstischer, zeigen Studien. Je älter man wird, desto mehr lassen die Tendenzen nach. Back glaubt, dass darin ein evolutionärer Zweck liegen kann. Während es in jungen Jahren von Vorteil sein kann, offen für neue Erfahrungen zu sein und sich gegenüber anderen zu behaupten, ist es im Alter wohl eher überlebensförderlich, mit anderen gut auszukommen.
Allerdings ist auch wahr: In individualistischen Gesellschaften sind die Menschen narzisstischer, unabhängig vom Alter oder ob sie in sozialen Medien unterwegs sind. Wenn uns Narzissten derart auf die Nerven gehen, sollten wir uns also auch fragen: In welcher Art Gesellschaft leben wir eigentlich, die es ihnen so gemütlich macht?

