
Als Nathaniel Brown das von der Eintracht umjubelte 1:0 in Berlin schoss, lächelte der neue Trainer Albert Riera nach ein paar Freudensprüngen am Spielfeldrand. Er sah in diesem Moment wie ein stiller Genießer aus. Seht alle her, ich bringe Frankfurt wie von mir angekündigt den Erfolg zurück – so konnte der Betrachter Rieras Reaktion aus der Distanz interpretieren.
Ein paar Minuten später aber war es vorbei mit dem vom Spanier gerne zur Schau gestellten Sieger-Gen. Union bekam an der Alten Försterei einen Elfmeter, den der Hauptstadtklub zum späten Ausgleich verwandelte. Wieder verspielte Frankfurt eine Führung.
Riera präsentierte sich am Main wie der Fußball-Messias
Seit nunmehr neun Pflichtspielen ist das Team sieglos. Selten fieberte Frankfurts Fußballgemeinde einer Premiere auf der Trainerbank mit so viel Interesse und Spannung entgegen. Alles wird gut und viel besser! Nichts weniger als eine einzige Erfolgsgeschichte versprach der neue Coach bei seiner Mission dem in der Krise steckenden Klub mit kernigen Sprüchen und markigen Worten.
Sogar vom Zauberstab war bei ihm in eigener Hinsicht die Rede. Das klang schön nach Hokuspokus. Der extrovertierte und impulsive Riera präsentierte sich am Main wie der neue Fußball-Messias. Mit seiner Allgegenwärtigkeit war dem 43-Jährigen Aufmerksamkeit weit über Frankfurts Grenzen hinweg gewiss.
Weil der Trainer die Messlatte mit seinen vollmundigen Ankündigungen sehr hoch legte, hätten die Erwartungen an den Entwicklungsschub bei der neuen Eintracht kaum größer sein können. Nur: Das konnte in diesem Ausmaß nicht gut gehen. Als Fußballlehrer scheint auch Riera, der in hohem Maße von seinen Fähigkeiten überzeugt ist, kein Wunderheiler zu sein.
Von der ersten Sekunde an hatte Albert Riera mutigen und dominanten Offensivfußball seiner Mannschaft in Aussicht gestellt. In Zukunft soll es eine Augenweide sein, ihr zuzuschauen. Noch ging von ihr in Berlin aber keine Fußballmagie aus. Spektakulär sieht anders aus.
Fortschritte macht die Eintracht bei der eigenen Ordnung
Denn die Spieler kamen kaum zu Torchancen, ihnen fehlte die Durchschlagskraft im finalen Drittel. Kreative Momente hatte das Team wenig zu bieten. Dafür umso mehr Ballbesitz: Nach den mehr als 90 Minuten waren es 73 Prozent. Albert Riera sagte, dass es seine Spieler genossen hätten, endlich wieder „der Boss auf dem Platz zu sein“. Zur Wahrheit gehört jedoch auch, dass die Berliner der Eintracht oft den Ball überließen.
Allerdings waren die Frankfurter vom Gegner auch schlechter zu greifen; sie agierten, angefangen bei den Außenverteidigern, viel variabler als zuletzt. Nach den teilweise vogelwilden Auftritten in der Vergangenheit trat die Mannschaft unter Rieras Anleitung geordnet und kompakt auf.
Drei Gegentreffer waren diesmal nicht der Standard. Die individuellen Aussetzer von Spielern bekam aber auch der neue Trainer nicht in den Griff. Kapitän Robin Koch und zum wiederholten Mal Torhüter Kauã Santos unterliefen Patzer, die beinahe zu Gegentoren geführt hätten. Und Oscar Höjlund verursachte auf unkluge Art den Elfmeter.
Noch ist der ein oder andere Wackelkandidat kein Mentalitätsmonster, wie es sich sein vor Selbstvertrauen strotzender Coach wünscht. Das Spiel in der Hauptstadt war ein Anfang für die Eintracht. Sie hat aber noch einen weiten Weg vor sich, will sie wieder hohen Ansprüchen genügen. So weit müsste nun auch Rieras Realismus reichen. Noch hat die Eintracht sportlich das Ruder nicht herumgerissen.
