
Als Jürgen Klopp einen Tag vor dem Nations-League-Spiel mit der deutschen Fußball-Nationalmannschaft gefragt wurde, welche Beziehung er zum Spielort Augsburg habe, musste der neue Bundestrainer angestrengt überlegen. Ein Spiel mit dem FC Liverpool fiel ihm dann ein, der abendliche Ausflug der Spielerfrauen vor einer Partie in München auch. Seine Cousine, die in der Fuggerstadt eine Apotheke hat. Und Ragnar Klavan, ein estnischer Abwehrspieler, den er beim FC Augsburg entdeckte und nach England lotste.
Seit Sonntagabend hat Klopp eine neue Verbindung zu Augsburg. Eine, an die er sich in einigen Jahren womöglich nur ungern erinnern wird. Denn besonders positiv verlief der Abend nicht. Ganz im Gegenteil. In seinem ersten Heimspiel als Bundestrainer verlor Klopps Auswahl mit 0:1 gegen Griechenland. Dimitrios Kourbelis traf in der 74. Minute. Am Ende gab es gar vereinzelte Pfiffe für einfallslose Deutsche. Die Partie zeigte, dass der Weg in bessere Zeiten ein weiter ist, auch mit einem Bundestrainer namens Klopp.
Nübel steht für ter Stegen im deutschen Tor
Vierundvierzig Spieler hatte Klopp für vier Nations-League-Spiele in elf Tagen nominiert. Schon beim zweiten zeigte er, dass er das Reservoir durchaus nutzen möchte, um seine Eindrücke zu erhalten. Die Ablösung von Marc-André ter Stegen im Tor durch Alexander Nübel hatte er am Vortag bekannt gegeben. Im Vergleich zur Ouvertüre von Amsterdam nahm er Nico Schlotterbeck aus der Innenverteidigung und auch gleich aus dem Kader zur Schonung nach Verletzungspause; Yann Aurel Bisseck übernahm den Platz.
Auch der starke Debütant Philipp Treu stand nicht in der Startelf; für ihn begann Josha Vagnoman als Rechtsverteidiger. Im Mittelfeld kam Bambasé Conté zu seinem ersten Länderspieleinsatz. In der Spitze startete Younes Ebnoutalib, der den verletzten Kai Havertz beim 1:1 in den Niederlanden nach einer halben Stunde abgelöst hatte.
Unabhängig von Namen sollte Klopps Mannschaft bei seiner Heimpremiere in Augsburg die Puppen tanzen lassen. Doch daraus, das wurde schnell klar, sollte erst einmal nichts werden. Die Griechen, die zum Start 2:1 in Serbien gewonnen hatten und als Erster der Tabelle antraten, setzten auf eine Taktik, gegen die das neu formierte deutsche Team viel Mühe hatte: Im Abwehrbollwerk fanden die zu langsamen Deutschen nur selten Lücken. Dazu drohten gegen die selbstbewussten, flinken Offensivspieler immer wieder Konter.
Klopps Elf versuchte es mangels Kombinationen in den Strafraum von außerhalb. Doch weder Debütant Conté noch Kapitän Joshua Kimmich und auch nicht Karim Adeyemi zielten zunächst so, dass es für das griechische Tor gefährlich wurde. Das galt auch für Ebnoutalibs Versuch mit dem langen Bein. Die besten Chancen entsprangen einem Konter und einem Fernschuss nach einer Ecke. Einmal zielte Adeyemi, der auffälligste deutsche Angreifer, knapp über das Tor, dann parierte Torwart Konstantinos Tzolakis.
Diese erste Halbzeit riss die 28.945 Zuschauer in Augsburg kaum von den Sitzen, sofern sie nicht zu den 10.000 gehörten, die sowieso standen. Erstmals nach mehr als zwanzig Jahren gab es bei einem Heimspiel der Nationalmannschaft wieder Stehplätze. In die zweite Hälfte starteten die Deutschen mit ein wenig mehr Schwung, auch wenn Conté, Kimmich mit einem Freistoß und Nmecha nicht gut genug für einen Treffer zielten. Immerhin: Torwart Tzolakis musste nun öfter eingreifen.
Ein zweites Immerhin: Die Konterabsicherung passte bisher. Sobald die Griechen den Ball eroberten, jagten die Deutschen ihn und brachten ihn zumeist schnell wieder unter Kontrolle. Für Klopps Gegenpressing reichten die wenigen Trainingseinheiten schon. Für die Offensive versuchte es der Bundestrainer mit neuen Spielern. Jonathan Burkardt und Florian Wirtz kamen eine knappe halbe Stunde vor Ende für Kevin Schade und Conté.
Wenig später hatten dennoch die Griechen die bis dahin größte Möglichkeit. Kimmichs Ballverlust im Mittelfeld sorgte für eine griechische Überzahl. Doch der eingewechselte Fotis Ioannidis schob den Ball frei vor Nübel ganz knapp links am Tor vorbei. Es dauerte allerdings nicht lange, da machte es Joker Kourbelis besser. Erst ging Felix Nmecha nur halbherzig in den Zweikampf, dann fälschte Kimmich den Schuss unhaltbar ab – 0:1.
Und plötzlich hatten die Deutschen eine noch größere Aufgabe zu lösen. Klopp brachte für Adeyemi Serge Gnabry. Der traf mit seinem Schuss ebenso wenig wie Bisseck mit seinem Kopfball. Da auch Wirtz seinen späten Schuss weit über das Tor ins Fangnetz jagte, jubelte mit Schlusspfiff nur der blau-weiße Block in einer Ecke des Augsburger Stadions. Für Klopp und seinen Kader, dessen Besetzung sich an diesem Montag zum größeren Teil austauscht, ist der Start in eine neue Ära zunächst einmal misslungen.
