Was den Fortgang und die Aussichten der Münchner Olympiabewerbung im internationalen Wettbewerb und mögliche Konkurrenz angeht, ist das Lagebild einigermaßen diffus. So diffus, dass man die Suche nach einer Antwort an allerlei Orten beginnen lassen könnte. Beim Emir von Qatar beispielsweise oder im indischen Ahmedabad, wo das größte Sportstadion der Welt steht und im Jahr 2030 die Commonwealth-Spiele stattfinden.
Man kann aber auch über die Nordsee schauen, auf die Universität im nordostenglischen Newcastle. Sie hat jüngst einen Neuzugang unter ihren Professoren vermeldet: Der Lehrstuhl für Nachhaltigkeit ist besetzt mit Anant Ambani. Anant Ambani ist Sohn des einflussreichsten indischen „power couples“: Mukesh Ambani, Patron des Reliance-Konglomerats, und Nita Ambani, Mitglied des Internationalen Olympischen Komitees (IOC).
Hunderte Flugzeuge zur Vorvermählung
Die Nachrichtenagentur Reuters hat vor zwei Jahren mit einer sehenswerten Datenanalyse dargestellt, welche logistischen Herausforderungen betrieben werden mussten, damit im Frühjahr 2024 mehrere Hundert Flugzeuge auf einem indischen Provinzflughafen landen konnten. Damit anlässlich der bevorstehenden Hochzeit des künftigen Professors für Nachhaltigkeit zum Beispiel Bill Gates, zum Beispiel Mark Zuckerberg, zum Beispiel Rihanna und der König von Bhutan und all die anderen Gäste anreisen konnten: zur Vorfeier der Vermählung, die dann im Sommer folgte.
Zur Vermählung folgen später noch ein paar Sätze, zunächst bleibt festzuhalten: Wer in diesen Kategorien feiert, muss sich mit dem performativen Widerspruch, den eine Professur für Nachhaltigkeit dann mit sich bringt, nicht lange beschäftigen. Aber die Bewerbung mit München im Namen des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB) sieht sich womöglich Konkurrenz aus dieser Kategorie gegenüber. Dass Indien Olympische Spiele ausrichten will, hat Premierminister Narendra Modi spätestens bei der IOC-Session 2023 in Mumbai deutlich gemacht, die von den Ambanis gestiftet wurde.
„Der Emir ist ein lieber Freund von Mukesh Ambani“
Tritt man Scheich Tamim Bin Hamad Al Thani, dem Emir von Qatar, zu nahe, wenn man das qatarische Interesse an Olympischen Spielen nahe dem der Inder einsortiert? Immerhin bündelt sich in Doha, Stichwort absolute Monarchie, alles in der Person des Emirs, auch die IOC-Mitgliedschaft (seit 2002).
Der Emir ist so reich, dass er dafür sorgen durfte, dass die Zwillingsenkel, die Isha Ambani, Mitglied im Verwaltungsrat des Internationalen Volleyball-Verbands, Schwester des heutigen Professors für Nachhaltigkeit in Newcastle, den Großeltern Mukesh und Nita Ambani 2022 in Kalifornien gebar, in einem vom Emir gestellten Flugzeug zurück nach Mumbai geflogen wurden. „Denn der Emir ist ein lieber Freund von Mukesh Ambani“, schrieb die indische „Economic Times“ damals. Absolut möglich, dass das in Doha genau andersherum gesehen wird. Und lieben Freunden kann man durchaus empfehlen, olympisches Interesse im Fall der Fälle noch einmal zu zügeln.

Im kommenden Frühjahr will das IOC entscheiden, mit welchen Interessenten es mit Blick auf die Spiele 2036 in einen „strategischen Dialog“ treten will. Was der „strategische Dialog“ konkret bedeutet, wie viele Interessenten in diese Gunst gelangen, wie viele von ihnen schließlich 2029 den IOC-Mitgliedern zur Wahl gestellt werden? Diffus.
Es heißt in diesen Tagen von Baden-Baden bis Lausanne, es werde eine „grundsätzliche Weichenstellung“ geben, welches Spiele-, sprich Geschäftsmodell für 2036 präferiert wird: die Option „Neue Ufer“ oder die Option „Sichere Bank“. Wer an neuen Ufern Indien, auf der sicheren Bank Europa entdeckt, liegt sicher nicht ganz falsch, verengt aber den Blick zu stark.

Denn Doha ist für die entscheidenden Personen eigentlich beides: neues Ufer und sichere Bank. Doha liefert, was es verspricht. Doha braucht kein Olympiainvestitionsbeschleunigungsgesetz wie München. Was Doha allerdings auch nicht brauchte, hat den Qatarern jemand gebracht, dem sie nicht nur einen postnatalen Flug, sondern gleich ein ganzes Flugzeug vermacht haben: Donald Trump. Der Mann, der die nächsten Olympischen Spiele eröffnen will, hat dafür gesorgt, dass Krieg herrscht in Qatars Nachbarschaft, an den Ufern des Persischen Golfs und weit darüber hinaus. Für Qatar ist das ein Worst-Case-Szenario, eben auch für olympische Ambitionen.
Bis zur Vergabe der Spiele in mehr als zwei Jahren allerdings ist Präsident Trump voraussichtlich Geschichte. Und könnte es sich dann nicht ein weiteres Mal ausgezahlt haben, dass der Emir mit den Nachbarn aus der Islamischen Republik Iran nicht nur das größte Gasfeld der Erde erschließt, auf dass Reichtum und Macht sich mehren, sondern ein mindestens ordentliches diplomatisches Einvernehmen besteht? Olympische Spiele als Dividende eines Friedensschlusses? Das wäre gleich eine ganz andere Geschichte.
104 IOC-Mitglieder, zwei aus Deutschland
Seit Kirsty Coventry im Frühjahr 2025 auf der Peloponnes zur ersten IOC-Präsidentin gewählt wurde, begleitet den Blick auf die Sommerspiele der näheren Zukunft, jene zwischen 2036 und 2044 also, die Aussage, es sei wesentlicher Wille der IOC-Mitglieder bei den Vergaben wieder mehr entscheiden zu dürfen. Es ist also möglich und nicht mal unwahrscheinlich, dass die Auswahl der Gesprächspartner für den strategischen Dialog bezüglich der Ausgabe 2036 mehrere Optionen offenhält.
Wenn München dann im Rennen ist, folgen zwei Jahre Wahlkampf bei den IOC-Mitgliedern. 104 sind es zurzeit, unter ihnen zwei Deutsche, neben Michael Mronz die frühere Turnerin Kim Bui. Mronz wurde 2023 auf der Ambani-Session in Mumbai aufgenommen, Kim Bui im Jahr darauf in Paris in die Athletenkommission gewählt.
Wie sie wurden 68 weitere Mitglieder aufgenommen, als das IOC von Thomas Bach geführt wurde. Eine entscheidende Frage im heraufziehenden Wahlkampf wird also sein, wie viel Einfluss der heutige IOC-Ehrenpräsident aus Tauberbischofsheim unter denjenigen hat, die in seiner Präsidentschaft IOC-Mitglieder wurden. Vor allem aber werden die Olympischen Spiele 2036 die ersten sein, die unter der IOC-Präsidentin Coventry vergeben werden.
Die Antwort auf die Frage, wer Olympische Spiele ausrichten darf, hängt seit jeher auch immer mit Antwort auf die Frage zusammen, wer in diesem Zirkel wem noch einen Gefallen schuldig war. Und damit landet man eben doch wieder bei der Hochzeit von Anant Ambani und Radhika Merchant im Juli 2024, unmittelbar vor den Olympischen Spielen von Paris.
Unter den Gästen der Vermählung, die unter anderem in dem Messekomplex in Mumbai begangen wurde, in dem die Ambanis ein dreiviertel Jahr zuvor das IOC zu Gast hatten und Michael Mronz zum IOC-Mitglied wurde, waren auch Kirsty Coventry und das IOC-Mitglied Gianni Infantino.
Das muss nicht viel heißen. Aber wenn sportpolitische Grundsatzfragen in einer Welt beantwortet werden, in der geopolitische Gewissheiten zunehmend schwer zu bestimmen sind, zum Beispiel weil der Gastgeber der kommenden Olympischen Sommerspiele als Gastgeber der Fußball-Weltmeisterschaft ein Teilnehmerland ein paar Monate vor deren Beginn mit Krieg überzieht, steigt etwas rapide im Wert: die Bedeutung zwischenmenschlicher Beziehungen.
