In der historischen Hafenanlage am Bosporus vermischen sich bei der glamourösen Eröffnungsgala der Kunstmesse Contemporary Istanbul (CI) in scheinbar bestem Einvernehmen Orient und Okzident. Während im Empfangsbereich des Luxushotels Rixos Tersane eine DJane für die berauschte Gesellschaft westliche Töne aufgelegte, riefen von der gegenüberliegenden Seite des Golden Horns Dutzende Muezzins die Gläubigen zum Nachtgebet auf.
Zwei Seiten einer Stadt
Wie schon seit der beinahe 600 Jahre zurückliegenden Eroberung des damaligen Konstantinopels durch die Ottomanen führt die Stadt ein Doppelleben. Auf der Westseite der Meerenge liegen die Hagia Sophia und der Sultanspalast Topkapi. Während im Stadtteil Fatih ein konservativer Geist vorherrscht, dominieren im gegenüberliegenden Beyoglu der Kommerz, das kritische Denken und nicht zuletzt auch das Vergnügen.
Meist lebten die zwei Seiten der Stadt ganz einträglich zusammen, wobei über die Jahrhunderte je nach politischer Konjunktur die eine oder andere Seite das Zepter führte. Gerade dieser Tage ringen die zwei Seelen wieder verstärkt miteinander, wobei infolge der Jahrzehnte währenden Herrschaft der zunehmend autoritär auftretenden Partei AKP die konservative Seite den Ton angibt. Das zeigt sich auch auf der CI, obwohl es auf den ersten Blick kaum erkennbar ist. Die bereits 21. Auflage der Messe wird mit 70 Galerien aus 24 Ländern im üblichen Umfang abgehalten. Der Fokus ist auf das wirtschaftlich, politisch und damit auch kulturell erstarkte Asien gerichtet. Die Messe ist gut besucht, wenngleich angesichts der wirtschaftlichen schwierigen Lage des Landes manche Kunstliebhaber über die für die Türkei hohen Eintrittspreise klagen.

Allerdings gibt es in der Türkei auch wichtige Privatsammlungen und damit verbundene Museen wie das von der Familie Eczabasi gegründete Istanbul Modern. Es lohnt sich, auch an Khalil Bey zu erinnern, der vor 160 Jahren ganz vorn beim Durchbruch der Moderne mit dabei war. Der osmanische Botschafter am Hof Napoleons III. gab Gutave Courbets Skandalbild „Der Ursprung der Welt“ in Auftrag, das dieser Tage im Folkwang Museum in Essen gezeigt wird.
Bei näherem Hinsehen fällt auf der Messe allerdings auf, dass bei den in den Hallen einer alten Schiffswerft ausgestellten Werken das dekorative Element überwiegt. Promi-Kunst von dem Hollywood-Schauspieler Johnny Depp, der hier erstmals eine großformatige Skulptur vorstellt, gibt es obendrein.
Nicht nur Flucht ins Private
Anders als das angesichts der weltweiten Verwerfungen zu erwarten wäre, setzen sich kaum Arbeiten mit politischen oder sozialen Themen auseinander. Das hat in Istanbul nicht nur mit der Flucht ins Private zu tun. Die politische Lage der Türkei hat sich seit dem zehn Jahre zurückliegenden gescheiterten Militärputsch und den drei Jahre zuvor ausgebrochenen Massenprotesten gegen ein gigantisches Bauprojekt auf dem Gelände des Gezi-Parks massiv verschlechtert. Auch der Freiraum für Kunstschaffende ist enger geworden; viele haben sich aus dem öffentlichen Kunstbetrieb zurückgezogen.

Ein Meilenstein war 2025 der vorzeitige Abbruch der Istanbul Biennale und der Rücktritt ihrer politisch unbequemen Kuratorin Christine Tohmé. Eine wahre Schockwelle ging 2022 von der Verurteilung des Unternehmers und Mäzens Osan Kavala zu lebenslanger Haft aus, dem Verwicklung in den Militärputsch vorgeworfen wurde. „Die Inhaftierung Kavalas hat eine ganze Generation von Kunstschaffenden traumatisiert“, sagt der Istanbuler Schriftsteller Kaya Genç.

All das tut dem Ort, an dem die CI abgehalten wird, keinen Abbruch, im Gegenteil. Das Messegelände schlägt mit dem vor 2700 Jahren von griechischen Kolonisten gebauten Hafenanlagen und dem Blick auf die Hagia Sophia weltweit die Veranstaltungsorte aller Konkurrenten, sei es die Art Basel Paris in ihrem atemberaubenden Glaspalast oder die Art Basel Hongkong mit ihrem Blick auf die spektakuläre Skyline. Wenn Istanbul auch mit seiner Hardware punkten kann, so mangelt es aber im Großen und Ganzen an der Qualität der zur Schau gestellten Kunst.

Das heißt nicht, dass es nicht auch gute Werke zu sehen gäbe, etwa die von Chisato Matsumato für den Eingangsbereich der Messe geschaffene Installation. Das Werk der von der Hongkonger Galerie Pearl Lam vertretenen Japanerin stellt, ganz auf den Ort bezogen, ein großes handgewebtes Segel dar, dessen grobe Oberfläche, angetrieben von einem Motor, sich auf geheimnisvolle Art bewegt. Bemerkenswert sind auch die Arbeiten der jungen türkischen Türkin Sila Candansayar. Ihre aus Glas und Holz geschaffenen flexiblen Plastiken gleichen Comicfiguren, deren Teile spielerisch neu zusammengesetzt werden können. „Playing is a way of being free“, lautet das Motto gemäß der von Michel Rhein & Villa Magdalena (Paris, Brüssel, San Sebastián) repräsentierten Künstlerin, was durchaus auch als politische Botschaft verstanden werden kann.
Nächstes Mal mit Schwerpunkt auf Deutschland
Memed Edeners Werke, die von der in Istanbul und Berlin beheimateten Zilberman Galerie gezeigt werden, sind auf der Messe eine Ausnahme. Sie sprechen eine klare Sprache, so das Bild eines am Boden liegenden Menschen, der von uniformierten Männern malträtiert wird.
Die kommende Contemporary Istanbul wird im September 2027 am selben Ort wie dieses Jahr abgehalten, wobei der Länderschwerpunkt auf Deutschland liegt. Es wird sich weisen, welche Rolle die zahlreichen in der deutschen Diaspora lebenden türkische Künstler dann spielen. Ali Güreli, Gründer und Leiter der Messe, verhehlte auf der einleitenden Pressekonferenz nicht, dass das kommende Jahr besonders herausfordernd sein werde. Die an der Schnittstelle von Europa und Asien liegende Messe muss sich außerdem in einem verschärften regionalen Wettbewerb behaupten, sind zuletzt doch vor allem in den Golfstaaten neue Art Fairs aus dem Boden geschossen wie die Art Basel Qatar. Gürili will sich nicht in eine Materialschlacht stürzen und sagt: „Das bisherige Format mit rund 70 Galerien und einem klaren lokalen Fokus soll beibehalten werden.“
