
Ein bisschen ist es so, als würde diesmal nicht der FC Bayern deutscher Meister, sondern der SV Elversberg. Da würden sich bestimmt viele Eintracht-Fans mitfreuen: für den Neuaufsteiger und kleinsten Verein, der jemals in der Fußball-Bundesliga gespielt hat. Zugegeben: Wenn stattdessen der 1. FSV Mainz 05 (im Unterschied zur Eintracht in der Tabelle derzeit knapp vor Elversberg) die Meisterschale holen würde, fänden das viele Frankfurter Fußballfans wohl weniger erbaulich. Nur das ist dann doch ein Unterschied zur Kulturszene. So freut es sicher viele Opernfans in der ganzen Rhein-Main-Region, dass nun zum ersten Mal das Staatstheater Mainz in der traditionellen Kritikerumfrage des Fachmagazins „Opernwelt“ zum „Opernhaus des Jahres“ gekürt wurde.
Denn die Auszeichnung ist allemal verdient. Das Staatstheater Mainz macht schon seit Langem sehr gute Opernspielpläne, das Team um den Intendanten Markus Müller leistet hervorragende Arbeit. Dabei verfügt das Haus am Gutenbergplatz, das einzige Staatstheater in Rheinland-Pfalz, über signifikant geringere Mittel als bisher ausgezeichnete Bühnen wie die in Brüssel oder München. Und dass die insgesamt schon acht Mal und zuletzt 2022, 2023 und 2024 in Folge ausgezeichnete Oper Frankfurt als FC Bayern des Musiktheaters einmal auf den Titel verzichten muss, ist zu verschmerzen. Zumal das Frankfurter Opern- und Museumsorchester und Generalmusikdirektor Thomas Guggeis als Dirigent in ihren Kategorien 2026 ja die ersten Plätze belegen.
Die Mainzer Opernsparte hat in der Spielzeit 2025/26 vor allem mit drei Werken jüdischer Komponisten gepunktet: „Die tote Stadt“ von Erich Wolfgang Korngold, „Der Kaiser von Atlantis“ von Viktor Ullmann und „Der Chronoplan“ von Julia Kerr. Die vergessene Oper der Ehefrau des Theaterkritikers Alfred Kerr und Mutter der Autorin Judith Kerr wurde in Mainz sogar szenisch uraufgeführt. Selbst wenn die Besprechungen der Inszenierungen auch in dieser Zeitung dann gar nicht so gut ausfielen: Die Auswahl solch selten gespielter und inhaltlich aktueller Werke hebt Mainz in die erste Liga.
Das gilt auch für die Sinfoniekonzerte des Philharmonischen Staatsorchesters Mainz. Schon unter dem langjährigen Generalmusikdirektor Hermann Bäumer war die Programmgestaltung exquisit. Sein zur vergangenen Spielzeit ins Amt gekommener Nachfolger Gabriel Venzago knüpft daran an. Die Erschließung externer Spielstätten und eines neuen Orchester-Probensaals sind weitere Mainzer Meriten. Es kommt so vieles exemplarisch zusammen, wenn an diesem Samstagabend im Landesmuseum Mainz die Kammeroper „In der Strafkolonie“ nach Franz Kafka von Philip Glass Premiere hat. Glückwunsch!
