Mit Vorgeschichten zu Serien, sogenannten Prequels, ist das so eine Sache. Einerseits lieben es Fans, mehr über die Vergangenheit und über die Motive ihrer Serienhelden zu erfahren. Andererseits können solche Blicke zurück oft nicht mit der Hauptserie mithalten. Eine Mutter aller Qualitätsserien, „The Sopranos“ – die Geschichte des therapiebedürftigen Paten Tony Soprano aus der Vorstadt von New Jersey –, erhielt ihr Prequel 2021 in Form des Spielfilms „The Many Saints of Newark“. Die Vorgeschichte der Mafiaerzählung „Gomorrah“, die von den Drogenkriegen des Savastano-Clans in Neapel handelt, erzählte jüngst „Gomorrha – Wie alles begann“.
Beide Serien, „The Sopranos“ und „Gomorrah“, mussten als Vergleich für eine deutsche Serie herhalten: „4 Blocks“ von 2017. Das hochgelobte Gangsterdrama handelt von Ali „Toni“ Hamady (Kida Khodr Ramadan), dem Kopf einer kriminellen arabischen Großfamilie aus Neukölln. Eigentlich will er ein bürgerliches Leben führen, gerät aber immer tiefer in den Sog der Clankriminalität.
Wie aus dem Flüchtlingsjungen der Unterweltpate wurde
Wer dem Hype um die Gangsterserie kritisch gegenüberstand, musste zu dem Schluss kommen, dass die Vergleiche mit den Sopranos und den Savastanos nicht standhielten. Nach einer für deutsche Serienverhältnisse mutigen ersten Runde und zwei durchwachsenen Folgestaffeln war 2019 Schluss mit „4 Blocks“. So stellt sich die Frage, ob es unbedingt ein Prequel brauchte. Der amerikanische Streaminganbieter HBO Max, der seit Anfang des Jahres auch um die Gunst deutscher Zuschauer kämpft, hat die Frage für sich mit einem „Ja“ beantwortet. „4 Blocks Zero“ soll erklären, wie aus dem Flüchtlingsjungen Ali Hamady der Unterweltpate „Toni“ Hamady wurde.
Die Geschichte beginnt nicht im Süden Berlins, sondern 1994 im Beiruter Gefängnis Roumieh. Dort sitzt der ehemalige Bürgerkriegsmilizionär Ibrahim Mansour (Tariq Al-Saies) eine Haftstrafe ab und bringt sich mithilfe eines Walkmans fleißig Deutsch bei. Als die Wärter bei ihm Drogen finden, gerät Ibrahim ins Visier eines ehemaligen Kampfgefährten, der inzwischen großen Einfluss besitzt. Dieser besorgt ihm Ausreisepapiere nach Berlin, unter der Bedingung, dass Ibrahim dort einen brutalen Auftrag für ihn ausführt.
Ibrahims Schwager und Witwer Malik Hamady (Rami Fadel Khalaf) versucht sich derweil in Neukölln als ungelernter Koch schwarz etwas dazuzuverdienen. Da seine Familie als staatenlose Mhallami in Deutschland nur als Geflüchtete geduldet wird, darf er keiner regulären Arbeit nachgehen. Auch seine vier Kinder leiden unter den bürokratischen Restriktionen und rassistischen Gängelungen durch Behörden, Lehrer und deutsche Mitbürger.
So bekommt der Gymnasiast Ali (Tareq Nassery), die spätere Unterweltgröße „Toni“, für seine Mathematikarbeit eine schlechtere Note als seine deutschen Klassenkameraden, weil bei ihm unberechtigterweise die Rechtschreibung bewertet wird. Tochter Amara (Siana Zayed) und Großmutter Hanin (Fatima Khanfour) machen an der Supermarktkasse schmerzliche Erfahrungen mit deutscher Genauigkeit, als die Kassiererin sie bittet, eine Packung Cornflakes und eine Wassermelone zurückzulegen, weil der Lebensmittelgutschein nicht ausreicht. Dem sich immer wieder in Schwierigkeiten bringenden, aber gutherzigen Abbas (Soufiane El Mesaudi) wird eine Ausbildung zum Kfz-Mechaniker zunächst verwehrt.
Als Ali seine Duldungspapiere verliert und ihm die Mitarbeiterin der Ausländerbehörde sagt: „Deutschland ist kein Einwanderungsland“, ist klar: Die Bundesrepublik gibt den Hamadys keine echte Chance, sich zu integrieren.
Der kriminelle Onkel aus Libanon zieht die Familie in den Drogenkrieg
Das ist eine konzentrierte, aber durchaus berechtigte Perspektive auf die Geschichte der Mhallami in Deutschland. Es war auch eine verfehlte Integrationspolitik, die das Abrutschen einiger dieser Familien in die Kriminalität begünstigte. Beim Schauen bleibt aber das befremdliche Gefühl, dass andere Seiten der Clan-Geschichte kaum Beachtung finden: Die Verachtung jeglicher Autoritäten außerhalb des Clans, die eigene Abschottung, organisierter Sozialbetrug oder die Unterdrückung der Frauen sind kein Thema. Bis der kriminelle Onkel aus Libanon anreist und die Familie in einen Drogenkrieg zieht, erscheinen die Hamadys als liberal eingestellte Migrantenfamilie von nebenan, die in dieser Entlastungsgeschichte ins Verbrechertum gedrängt wird. Das ist eine fiktionale Erzählentscheidung, hat aber wenig mit der Welt straffälliger Mhallami zu tun, die Ermittler, Journalisten und Islamwissenschaftler beschreiben.
Zugleich werden ethnisch codierte Kriminalitätsklischees so oberflächlich abgearbeitet, dass der Handlungsstrang um Ibrahims kriminelle Aktivitäten jegliche Authentizität verliert. Türkische Kokainhändler, russische Mafiosi, ein Albaner, der ebenfalls dealen will, vietnamesische Zigarettenhändler und schmierige deutsche Unterweltgrößen mischen im Spiel der Clans mit. Ach ja, eine Neonazitruppe darf natürlich ebenfalls nicht fehlen.
So leidet „4 Blocks Zero“ (Buch Bernd Lange, Bahar Bektas, Natalie Zoghbi, Hassan Akkouchunter; Regie Özgür Yildirim, Hüseyin Tabak) unter einem grundsätzlichen Inszenierungsproblem. Gedreht wurde teils in Plattenbauten, teils aber im Studio Babelsberg in einer Kulisse, die eher an eine Ghettoversion der „Lindenstraße“ als an die Sonnenallee erinnert. Auch fragt man sich, warum die Macher nicht wie bei der Hauptserie auch auf Laiendarsteller von der Straße zurückgegriffen haben. Trotz oder vielleicht wegen vieler Kraftausdrücke wirkt das Spiel des talentierten Profiensembles oft gestelzt, die Wendungen sind vorhersehbar und Handlungsstränge unausgegoren. Hinzu kommt eine übersättigte Farbgestaltung, die viele Bilder künstlich erscheinen lässt. So wird man den Gedanken nicht los, dass HBO Max möglichst schnell eine gefällige Gangsterserie mit Coming-of-Age-Elementen auf den Markt bringen wollte, die „4 Blocks“-Fans zum Abschluss eines Abos bewegen soll. Das Qualitätsversprechen, das der große Name verheißt, konnte sein deutscher Ableger bislang jedenfalls nicht einlösen.
4 Blocks Zero läuft bei HBO Max.
