„Sprich mit deiner Freundin, deren Sohn entführt wurde, deren Mutter bei lebendigem Leib verbrannt wurde, deren Schwägerin aufs grausamste vergewaltigt wurde. […] Verlange von ihr nicht, die Mütter hinter der Grenze zu sehen, sie ist dazu nicht in der Lage und sie muss das nicht tun.“
So lautet der vierte Schritt in Maya Arad Yasurs „Wie man nach einem Massaker humanistisch bleibt in 17 Schritten“, einem Stück, das die israelische Dramatikerin kurz nach dem 7. Oktober verfasste. Entscheidend ist der letzte Satz. Von der Freundin wird nicht verlangt, aus ihrem eigenen Schmerz herauszutreten und zugleich das Leiden auf der anderen Seite wahrzunehmen. Sie muss es nicht.
Und doch endet Arad Yasurs Humanismus nicht an dieser Grenze. Am Ende steht die Forderung, dass sich das Geschehene nicht wiederholen darf: für kein Mädchen und keine Mutter, auf keiner Seite irgendeiner Grenze. Das subjektive Empfinden wird dabei weder zurückgenommen noch überwunden. Aber es tritt ein Urteil hinzu, das Schmerz, Angst und selbst das Bedürfnis nach Vergeltung anerkennt, ohne sie zum Maßstab des Handelns werden zu lassen. In diesem Zwiespalt stellt sich die Frage, wie selbst in Kriegszeiten daran festgehalten werden kann, dass jedes Leben gleichermaßen zählt, ohne zugleich ein universales Empfinden vorauszusetzen.
Leidende Körper
Carolin Emcke greift dieses Problem in ihrem neuen Buch „Was zählt ein Mensch?“ auf. „Getrauert wird separat“, schrieb sie in einer Auskopplung in der „Süddeutschen Zeitung“, über die Reaktionen auf den 7. Oktober und den Krieg in Gaza. Sie beschreibt eine „gespaltene Solidarität“ und „asymmetrische Empathie“, in der das Leiden der einen wahrgenommen wird, während das der anderen verschwindet. Dass das Leben eines Menschen nicht weniger zählt, weil sein Leiden außerhalb der eigenen politischen oder historischen Erfahrungswelt liegt, gehört zum Kern eines universalistischen Anspruchs. Die Frage ist allerdings, welche Rolle die Empathie für diesen Anspruch spielen soll.

Auffällig ist die Bedeutung des leidenden Körpers in Emckes Text. In Be’eri sind es die Körper der von der Hamas Ermordeten, deren Individualität in der wiederholten Betrachtung der Aufnahmen zu verschwinden droht. Bei einem ehemaligen palästinensischen Häftling sind es die dünnen Arme und Beine, das Zittern, die beschädigten Schuhe. Die Zeit im israelischen Gefängnis, schreibt Emcke, sei seinem Körper eingeschrieben. Am Ende steht bei ihr die Frage, ob wir „die Körper gleichermaßen beschützt sehen wollen“.
Auf der Ebene körperlicher Verletzlichkeit lassen sich Erfahrungen über politische und historische Grenzen hinweg aufeinander beziehen. Zugleich beginnt hier das Problem. Dass Menschen leiden, sagt noch nicht, warum sie leiden, wer dafür verantwortlich ist oder welche politischen und rechtlichen Konsequenzen daraus folgen sollten.
Bei Emcke entstehen solche Verbindungen in „Resonanzräumen der Einfühlung“. Der beschädigte Schuh des ehemaligen palästinensischen Häftlings ruft bei ihr Primo Levis Beschreibung der Schuhe in Auschwitz auf, von dort führt die Erinnerung zu den Schmerzen ihrer Mutter und zur eigenen Kindheit.
Vorurteilsfreie Assoziationen?
Emcke benennt die Schwierigkeit historischer Analogien und betont, die Erfahrungen nicht gleichsetzen zu wollen. Sie könne und wolle aber nicht verhindern, welche Assoziationen sich bei ihr einstellen. Doch damit ist bestenfalls erklärt, warum eine Verbindung entsteht, nicht, welche Geltung ihr zukommt. Hier müsste die Analyse beginnen: Worin besteht die Ähnlichkeit? Wo endet sie? Und welche Erkenntnis folgt daraus?
Dieser Text stammt aus der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
Damit ist nicht gesagt, dass Leiden für das moralische, politische oder rechtliche Urteil bedeutungslos wäre. Im Gegenteil. Theodor W. Adorno formulierte in der „Negativen Dialektik“, Leiden beredt werden zu lassen, sei die Bedingung aller Wahrheit. Leiden beredt werden zu lassen, heißt jedoch, es als Ausgangspunkt der Analyse zu nehmen, nicht als deren Endpunkt. Die Toten von Be’eri beantworten nicht die Frage, welche militärischen Mittel der IDF in Gaza zulässig sind. Die Toten in Gaza sprechen für sich, aber sie erklären sich nicht selbst. Zu den Bedingungen des Leidens in Gaza gehört auch die Kriegsführung der Hamas. Leiden macht das Urteil notwendig. Es nimmt es uns nicht ab. Das gilt erst recht für die Beobachterin, die von außen auf einen historisch und politisch hochgradig aufgeladenen Konflikt blickt.
Bei Emcke tritt auf der Ebene des Körpers eine Gemeinsamkeit hervor, die politischen und historischen Unterschieden vorauszuliegen scheint. Für Recht und Politik stellt sich jedoch eine andere Frage: Wie lässt sich am Einzelnen festhalten, ohne seine Anerkennung davon abhängig zu machen, ob und wie er von anderen wahrgenommen wird?
Eine Antwort darauf gab nach 1945 die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte. Sie erklärt alle Menschen für frei und gleich an Würde und Rechten und erkennt jedem das Recht auf Anerkennung als Rechtsperson zu. Der leidende Körper macht eine Verletzung sichtbar; als Rechtsperson kommen dem Einzelnen dagegen unabhängig davon, wer ihn wahrnimmt oder sich mit ihm identifiziert, Ansprüche und Schutz zu.
Empathie korrigieren?
Das Recht verlangt nicht, dass eine israelische Mutter, deren Kind am 7. Oktober ermordet oder entführt wurde, im selben Moment das Leiden einer palästinensischen Mutter empfindet, und ebenso wenig das Umgekehrte. Die Gleichheit beider hängt nicht davon ab. Die von Emcke beklagte asymmetrische Empathie muss nicht durch symmetrische Empathie korrigiert werden. Gefühle sind partikular. Ein universaler Rechtsanspruch muss unabhängig von dieser Partikularität Bestand haben.
Genau hier liegt auch die Schwierigkeit in Emckes Schlussbild. Die ungleichen Schuhe des palästinensischen Häftlings werden zum Sinnbild dafür, wessen Leiden gesehen, wessen Körper geschützt und wessen Würde anerkannt wird. Aus der sichtbaren Asymmetrie dieses Paars wird eine Asymmetrie der Empathie, die Emcke schließlich mit der Frage verbindet, ob wir „die Würde allen zukommen lassen wollen“. Die Frage nach der Verteilung unserer Empathie ist aber nicht dieselbe wie die Frage nach der gleichen Würde. Diese kann nicht daran gebunden sein, dass auch unsere Empathie gleich verteilt ist.
Von hier aus lässt sich auch das Pathos von Emckes Text verstehen. Die Resonanz entsteht dabei nicht in gleicher Weise. Angesichts der Aufnahmen der verkohlten und blutüberströmten Leichen von Be’eri beschreibt Emcke Betäubung, Starre und Schweigen: „Die Worte waren aus unserem Mund verschwunden.“ Der Körper des palästinensischen Häftlings setzt dagegen eine Bewegung von Erinnerungen in Gang, die von Primo Levi und Auschwitz über die Schmerzen ihrer Mutter bis in die eigene Kindheit führt.
Damit kehrt die von Emcke kritisierte Asymmetrie auf einer anderen Ebene in ihrem eigenen Text wieder. Während die Betrachtung der Aufnahmen der israelischen Opfer bei Emcke in Sprachlosigkeit mündet, eröffnet der Körper des palästinensischen Häftlings einen weitreichenden Wahrnehmungs- und Erinnerungsraum. Je weiter diese Assoziationskette reicht, desto stärker verschiebt sich der Mittelpunkt vom Leiden des anderen zu dem, was dieses Leiden in Emcke selbst auslöst. Diese Art der Einfühlung überwindet die Selektivität der Empathie damit nicht. Sie bleibt davon abhängig, ob das Leiden des anderen Resonanz erzeugt. Was aber geschieht mit dem Menschen, dessen Leiden in mir keinen solchen Resonanzraum öffnet?
Keine Absage an Humanismus
Deshalb scheint mir Arad Yasurs Ausgangspunkt realistischer: Bei ihr hängt der universale Anspruch nicht von der Fähigkeit ab, auch das Leiden auf der anderen Seite wahrzunehmen. Die Freundin muss die Mütter hinter der Grenze nicht sehen. Von ihr wird nicht verlangt, ihren Schmerz durch eine weitere Anstrengung der Einfühlung zu überwinden. Darin liegt keine Absage an den Humanismus. Im Gegenteil: Der universale Anspruch muss sich gerade dort bewähren, wo die Fähigkeit zum Mitgefühl endet.
Menschen sind keine universalistischen Empathiemaschinen. Menschenrechte beginnen nicht dort, wo Gefühle verstummen. Sie beginnen dort, wo Gefühle nicht in Recht übersetzt werden dürfen. Sie verlangen nicht, dass ich mit dem anderen fühle. Sie verlangen, dass seine Rechte auch dann gelten, wenn ich sie nicht anerkenne.
Carolin Emcke: „Was zählt ein Mensch?“. Verlag S. Fischer, 432 Seiten, 24 Euro.
Anne Rethmann ist Postdoktorandin an der Martin Buber Society of Fellows der Hebräischen Universität Jerusalem und derzeit Visiting Fellow am Leibniz-Institut für jüdische Geschichte und Kultur.
