Ihr Todestag steht unzweifelhaft fest: Es war der 18. September 1931, ein Freitag, als Angela Maria Raubal, genannt „Geli“, ums Leben kam. Raubal war damals 23 Jahre alt. Sie war die Tochter von Adolf Hitlers Halbschwester Angela Raubal. Damit war sie zwar nicht Hitlers Nichte, sie war aber schon seit 1923 sein Mündel: Hitler war auf Wunsch der Mutter – Gelis Vater starb schon zwei Jahre nach ihrer Geburt – zu ihrem Vormund bestellt worden. Seither war sie oft an der Seite ihres Onkels zu sehen.
Wann genau Geli Raubal starb, ist hingegen umstritten. Bisher deutete alles darauf hin, dass sich die junge Frau am 18. September nachmittags gegen 15 Uhr mit einer Waffe, die Adolf Hitler gehörte, das Leben nahm, indem sie sich in die Brust schoss. Hitler selbst soll kurz zuvor die Wohnung verlassen haben, um nach Nürnberg zu fahren. Seine Haushälterin Maria Reichert sah Raubal danach noch lebend, offenbar, wie sie sich aus Hitlers Zimmer seine Waffe holte. Die junge Frau schloss sich dann in ihrem Zimmer ein. Das laute „Rumms“ wenig später beunruhigte Maria Reichert nicht.
Hitlers Hausdiener musste Geli Raubals Tür erst aufbrechen
Reichert klopfte abends an Raubals Tür und auch am nächsten Morgen, nachdem sie nicht zum Frühstück gekommen war. Erst dann machte sie sich Sorgen und rief Hitlers Hausdiener, Georg Winter, der die Tür aufbrach. Nach dem Fund der Leiche wurde die Polizei am 19. September um 10.15 Uhr verständigt. Hitler wurde gegen 11.45 Uhr über den Tod seines Mündels informiert und ließ sich von Nürnberg zurück nach München fahren, mit überhöhter Geschwindigkeit, wie ein überliefertes „Knöllchen“ der Polizei in Ingolstadt von dem Tag belegt.
Für die Abläufe in der Wohnung gibt es eine Reihe von Zeugen, neben dem Ehepaar Reichert und dem Ehepaar Winter auch einen Arzt, der gerufen wurde und den Suizid bestätigte, sowie zwei Polizisten. Anwesend war auch der Stadtrat Franz Xaver Schwarz, ein Parteigänger Hitlers, der ihn über Raubals Tod fernmündlich informiert haben soll, andere Quellen gehen davon aus, dass es sein späterer Stellvertreter, Rudolf Heß, gewesen ist.
Doch nun sind neue Dokumente aufgetaucht, die dem bisherigen Hergang widersprechen und über die das Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“ erstmals berichtete. Der Coburger Sachbuchautor Harald Sandner, der an einem 640 Seiten dicken „Quellenwerk“ mit dem Titel „Der Tod der Angela (,Geliʻ) Raubal – Freitod oder Fremdeinwirkung?“ arbeitet, hat bisher unbekannte Todesanzeigen unter anderem des Münchner Standesamts entdeckt, die den Fund von Raubals Leiche auf einen Tag früher datieren – auf Freitag, den 18. September 1931, um 10.15 Uhr. Zu dieser Zeit war Hitler nachweislich noch in der gemeinsamen Wohnung am Prinzregentenplatz.
Der Autor spricht von einer „Justizmanipulation“
„Da die Geschichtswissenschaft bisher blind davon ausging, dass die Entdeckung erst am Samstag stattfand, verschiebt dies den tatsächlichen Todeszeitpunkt zwingend in einen Zeitraum vor dem Auffinden, in dem Adolf Hitler nachweislich noch in München war“, lässt Sandner demgemäß auch die F.A.Z. wissen. „Sein jahrzehntealtes Alibi bricht damit sachlogisch in sich zusammen.“ Er spricht von einer „Justizmanipulation“, die er in seinem Buch sachlich rekonstruiere.
Sandner, der kein Historiker ist, aber schon mehrere Bücher auch über Hitler veröffentlicht hat, nennt den offiziellen fünfseitigen Bericht der Münchner Polizeidirektion vom 28. September 1931 ein „historisches Täuschungswerk“. In seinem Buch, das im November im Verlag Shaker Media (Düren) erscheinen soll, weise er „detailliert exakt 62 Fehler, Lügen und bewusste Manipulationen der Justiz und der NSDAP-Führung nach, um den Fall formal zu Gunsten Hitlers abzuschließen“. Nach der Auswertung einer Kette von mehr als 220 Indizien und zwölf konkreten Tatmotiven „fallen klassische Fremdszenarien wie ein Suizid oder ein Unfall sachlogisch in sich zusammen“, so Sandner. „Am Ende bleibt definitionsgemäß nur ein Tötungsdelikt und damit Adolf Hitler als Hauptverdächtiger übrig.“

Die Historikerin Heike B. Görtemaker, die sich ausführlich mit den Frauen in Hitlers Leben beschäftigt hat, etwa in ihrer Biographie „Eva Braun. Leben mit Hitler“, in der auch Geli Raubal vorkommt, ist skeptisch. Sie geht von einer Verwechslung des Datums in der jetzt gefundenen Todesanzeige aus. Dafür spräche, dass zweimal die Uhrzeit 10.15 Uhr angegeben werde. Das könne kein Zufall sein. Zudem habe es zu viele Zeugen gegeben, die auch nach dem Krieg an ihren jeweiligen Versionen festhielten.
„Hitler stand zu der Zeit auch als ehemaliger Häftling unter Beobachtung. Zudem waren ihm weder der Münchner Polizeipräsident Julius Koch noch der zuständige bayerische Innenminister Karl Stützel gewogen. Im Gegenteil: Hitler ließ sie 1933 absetzen.“ Stützel wurde im März 1933 sogar verschleppt und im Münchner „Braunen Haus“ misshandelt. Die beiden hätten die Vertuschung eines Mordes an Geli Raubal sicher nicht mitgetragen. Warum auch sollte Hitler sein Mündel töten?
Damals schon wurde spekuliert, dass Hitler und Raubal eine Liebesbeziehung gehabt haben könnten, die Rede war sogar von „Inzest“. Handfeste Belege dafür gibt es nicht. Es gab allerdings einen Streit der beiden, kurz bevor Hitler die Wohnung verließ. Worum es genau ging, bleibt Spekulation. Die junge Frau fühlte sich allerdings von ihrem damals schon 42 Jahre alten „Onkel“ bevormundet, der sich in ihr Leben einmischte, ihr aber auch ihre Gesangsstunden bezahlte.
Unter anderem verbot er ihr, jung zu heiraten. Mit 16 Jahren hatte Geli Raubal Hitlers Haftgenossen Emil Maurice bei einem Besuch in der Haftanstalt Landsberg kennengelernt, in der Hitler wegen des versuchten Putsches in München im Jahr 1923 für neun Monate einsaß. Maurice und Raubal wurden später ein Paar, sie verlobten sich 1927, brauchten für die Hochzeit aber Hitlers Zustimmung, die er seinem noch nicht volljährigen Mündel nicht gab. Seinen Chauffeur Maurice kündigte er daraufhin im Januar 1928 fristlos.
Ein gutes Jahr später, 1929, bezogen Raubal und Hitler die Neun-Zimmer-Wohnung am Münchner Prinzregentenplatz 16, in der sich Raubal 1931 dann erschoss. Bemerkenswert ist laut Görtemaker, dass sich Hitler nach dem Tod Raubals, der ihn sehr traf, wie etwa Joseph Goebbels in seinem Tagebuch schrieb, veränderte. Goebbels und er hätten den Freitod der jungen Frau genutzt, um im Hinblick auf die bevorstehenden Landtagswahlen im April 1932 den Menschen Hitler mehr und mehr hinter der stilisierten Kunstfigur des uneigennützigen „Führers“ verschwinden zu lassen, so die Historikerin.
Gegenüber Parteifreunden sagte Hitler, er habe jetzt keine „Bindungen zur Welt“ mehr und gehöre „nur noch dem deutschen Volke“. Laut Görtemaker begann Hitler spätestens 1932, vielleicht auch schon 1931, eine Liebesbeziehung mit Eva Braun, die allerdings, anders als noch Geli Raubal, nie mit Hitler zusammen in der Öffentlichkeit auftrat.
