Die RIAS-Meldestellen dokumentierten 2025 bundesweit 8725 antisemitische Vorfälle, das sind 24 Vorfälle pro Tag. Und das sind ja nur die gemeldeten. Die Zahlen bewegen sich weiter auf dem hohen Niveau von 2024, Antisemitismus ist ein großes Problem. Das bestätigt der RIAS-Bericht, das hört man von jüdischen Organisationen und Einzelpersonen, und das sieht man auch, wenn man Zeitung liest und mit offenen Augen durch die Welt geht, etwa in der eigenen Stadt, wo vor jeder Synagoge Polizei, Poller, Absperrgitter stehen und wo ein jüdisches Restaurant nach dem anderen schließt.
Antisemitismus wird gerade ungebremst verbreitet und normalisiert
Wir haben ein Problem, und zwar ein gesamtgesellschaftliches. Denn der Antisemitismus kommt aus allen Ecken, von links, rechts, oben, unten, hinten, vorne, aus der Mitte. Es gibt den verschwörungsideologischen, den antiisraelischen, den muslimischen, christlichen. Der Antisemitismus ist kein Problem der Juden, sondern der Antisemiten – und auch all jener, die zwar selbst keine Antisemiten sind, aber schon wieder nicht den Mund aufbekommen oder wegsehen, aus Feigheit, Opportunismus oder einer Mischung aus beidem.
Ich denke nicht, dass der Antisemitismus in zehn Jahren verschwunden sein wird, vor allem, weil er gerade insbesondere über die sozialen Medien, Kunst, Musik und Popkultur sehr ungebremst verbreitet und normalisiert wird. „Yalla Intifada“ ist auf T-Shirts zu lesen, auf Hauswänden, Insta-Slides (Intifada bedeutet „Aufstand, Rebellion“, bezieht sich aber auch auf zwei mehrjährige Phasen von brutalen Terroranschlägen auf die israelische Zivilbevölkerung).
Ich hoffe aber, dass wir in zehn Jahren zumindest so weit sind, dass strafrechtlich Relevantes konsequent verfolgt wird, dass Betroffene geschützt und umfassend unterstützt werden, dass Organisationen, die sich der Dokumentation und der Bekämpfung des Antisemitismus widmen, ausreichend Mittel haben. Aber das alles wird nicht reichen.
Eine strahlende Zukunftsperspektive zu zeichnen, wäre naiv
Wenn Juden wegen Antisemitismus die Kunstuni verlassen, den Job kündigen, aus der WG ausziehen, sich am Arbeitsplatz nicht trauen, sich als Jüdin zu erkennen zu geben (alles wahre Geschichten aus den vergangenen drei Jahren), liegt das Problem nicht allein an fehlenden staatlichen Maßnahmen.
Die Bekämpfung des Antisemitismus lässt sich nicht auslagern an eine Behörde, einen Beauftragten, einen Verein, diese Erkenntnis zumindest, hoffe ich, wird sich in den nächsten zehn Jahren durchsetzen. Es müssen nicht alle Aktivisten werden, aber sich zumindest zuständig fühlen und, wenn es drauf ankommt, den Mund aufmachen.
„Hoffe ich“ zu schreiben, kommt mir ein wenig hilflos vor, und das zu sagen, was tausend Mal schon gesagt wurde, ebenso. Eine strahlende Zukunftsperspektive zu zeichnen, wäre naiv, das gibt die aktuelle Lage gerade nicht her. In Wahlumfragen liegt die AfD regelmäßig vor allen anderen Parteien – trotz „Schuldkult“ und „Denkmal der Schande“ oder genau deswegen.
Antisemitische Vorfälle sind keine Naturereignisse
In Berlin ist gerade die Linke sehr erfolgreich, deren Bezirksverband Neukölln richtete letztes Jahr ein propalästinensisches Fest aus, mit einer Gruppe, die der PFLP und der Hamas nahesteht. Dieser Verband könnte bald den Bezirksbürgermeister in Neukölln stellen – und die Spitzenkandidatin der Berliner Linken, die sich zumindest von diesem irren Fest distanziert hat, sogar Regierende Bürgermeisterin werden.
Dass die Zahl der antisemitischen Vorfälle im nächsten RIAS-Bericht signifikant gesunken sein wird, darauf deutet nichts hin. Doch antisemitische Vorfälle sind keine Naturereignisse. Nichts ist verdammt, so zu bleiben, wie es ist. Nur müsste dafür aus einem „betrifft mich nicht“ endlich ein „betrifft uns alle“ werden.
Ronya Othmann ist eine vielfach ausgezeichnete Schriftstellerin und F.A.S.-Kolumnistin. Zuletzt erschien von der Tochter einer deutschen Mutter und eines kurdisch- êzîdischen Vaters „Rückkehr nach Syrien“ (Rowohlt).
Morgen: Teil 10 der Reihe mit Alena Buyx.

