Der vielversprechende Titel und das dazu perfekt passende Cover mit Montagu Norman (Governor der Bank of England) und Hjalmar Schacht (Präsident der Reichsbank) im vertrauensvollen Dialog macht Leser, die sich für Geldpolitik interessieren, neugierig. Um es vorwegzunehmen: Die Lektüre des Buches lohnt sich. Aditi Sahasrabuddhe, Dozentin für politische Ökonomie an der Brown University in Providence, Rhode Island, hat ganze Arbeit geleistet und eine beachtenswerte Schrift vorgelegt, die die Rolle der Notenbanken und insbesondere der handelnden Notenbanker beim Umgang mit den Finanzkrisen in der Zeit von 1920 bis 2020 seziert. Die Autorin hat akribisch recherchiert in den Archiven der Finanzinstitutionen. Sie hat zudem zur Ausleuchtung der großen Finanzkrise 2007/2008 eine Reihe von Interviews mit ehemaligen Notenbankern wie Ben Bernanke (Fed), Mervin King (Bank of England) sowie Jean-Claude Trichet (EZB) geführt, mit dem Ziel, herauszufinden, wie die Herren der Geldpolitik bis in die Gegenwart hinein Finanzkrisen gemanagt haben.

Sahasrabuddhe ist dabei zu einer bisher kaum artikulierten Erkenntnis gelangt, die sich durch das ganze Buch zieht: In erheblichem Maße mitentscheidend für den Erfolg der Notenbanken in Krisenzeiten sind das Vertrauen zwischen den Notenbankern und ihre durch Goodwill geprägte, jedoch keineswegs kumpelhafte Vertrautheit miteinander. Wo beides vorhanden war, ließen sich nicht zuletzt in der extrem gefährlichen Finanzkrise 2007/2008 Liquiditätsprobleme im Finanzsystem durch bilaterale Darlehen und die Gewährung von Liquiditätsswaps unbürokratisch lösen, ohne das von der westlichen Staatengemeinschaft nach dem Kollaps des Bretton-Woods-Systems etablierte große, aber schwerfällige Regelwerk der internationalen Financial Governance nachdrücklich zu bemühen. Nach Auffassung der Autorin konnte nur durch das mutige Ad-hoc-Zusammenwirken von politisch unabhängigen Notenbankern, die einander vertrauten, das drohende Überschwappen der Finanzkrise in eine tiefe Depression – wie im Jahre 1929 geschehen – vermieden werden.
Keine apolitischen Technokraten
Die Autorin weist darauf hin, dass internationalen Regelwerke wie die der Baseler Bank für Internationalen Zahlungsausgleich, des Internationalen Währungsfonds und der Weltbank sehr wichtig sind, dass sie aber per se in einer akuten Krise, in der es um schnelles Brandlöschen geht, nicht zeitnah wirken könnten. Wie der im Text zitierte Milton Friedman einmal sagte, kommt es in solchen Situationen vor allem auf die involvierten Notenbanker an. Treffend fordert Friedman daher ein Regelwerk by men statt eines Regelwerks by law.
Erfolgreiche Notenbanker seien keineswegs apolitische Technokraten, die schematisch und lehrbuchhaft entscheiden würden. Im Gegenteil: Sie bauten persönliche Vertrauensbeziehungen auf und träfen auf dieser Basis mutige, keineswegs risikofreie Entscheidungen zur Sicherung der Liquidität und Stabilität des Finanzsystems. Wo das Vertrauen fehle – wie in der Zeit der Großen Depression 1929, die die 1930er-Jahre schwer belastete –, würden notwendige Entscheidungen nicht getroffen, und die Wirtschaft kollabiere.
Das Buch ist chronologisch aufgebaut: Im ersten Kapitel geht es um die schwierige Zeit nach dem Ersten Weltkrieg, die durch Hyperinflation und Bankenkrisen geprägt war. Die immensen Herausforderungen konnten gemeistert werden, nicht zuletzt weil Montagu Norman (Bank of England) und Hjalmar Schacht (Reichsbank) harmonierten und stets auch im Einvernehmen mit Benjamin Strong (Fed-Chef in New York) handelten. Norman und Schacht waren sehr vertraut miteinander. So konnte Schacht Norman sogar als Paten für einen seiner Enkel gewinnen.
Fundgrube für Notenbanker
Im zweiten Kapitel analysiert die Autorin, wie die mangelnde Kooperation der Notenbanker, die auf Strong, Norman und Schacht folgten, in die Katastrophe der Großen Depression führte. Die Krise hatte sich abgezeichnet, es fehlte aber das mutige Gegensteuern der Notenbanker.
Im dritten Kapitel geht die Autorin auf das Krisenmanagement in der Bretton-Wood-Ära ein. Nach dem Zweiten Weltkrieg kreierte die internationale Staatengemeinschaft die Weltbank und den Internationalen Währungsfonds, die das globale Finanzsystem steuern sollten. Den Notenbankern kam nur eine nachgeordnete Rolle als Beauftragte der Regierungen zu. Dies war nach Ansicht der Autorin ein Nagel am Sarg des Bretton-Woods-Systems, das wie vom belgischen Ökonomen Robert Triffin prognostiziert im Jahr 1973 auch noch aus anderen Gründen endgültig kollabierte.
Im vierten Kapitel analysiert Sahasrabuddhe kenntnisreich die insgesamt gute Kooperation und das Krisenmanagement der Notenbanker im 21. Jahrhundert. Wieder einmal wird deutlich, wie wichtig das persönliche Vertrauensverhältnis zwischen den führenden Notenbankern war bei der Abwendung des Überschwappens der letzten Finanzkrise in eine neuerliche große Depression.
Die Analysen des Buches enden mit dem Jahr 2020. In Anbetracht der existierenden Herausforderungen der Weltwirtschaft würde man sich eine Aufarbeitung dessen, was in den letzten sechs Jahren schieflief, wünschen. Die vertrauensvolle Zusammenarbeit von verantwortungsbewussten, global ökonomisch denkenden Notenbankern, die sich nicht vor den Karren der Politik spannen lassen, ist heute in einer Zeit großer weltweiter Ungleichgewichte und geopolitischer Konflikte notwendiger denn je. Vor diesem Hintergrund erweist sich das vorliegende, an einigen Stellen etwas redundante Buch als inspirierende Fundgrube für Notenbanker und deren Berater. Es vermag ihnen Denkanstöße zu geben für ihr Ringen um den richtigen geldpolitischen Kurs, aber auch für die geschickte Orchestrierung von Ad-hoc-Maßnahmen zur Krisenbekämpfung. Der Titel des Buches ist Programm.
Aditi Sahasrabuddhe: Bankers’ Trust. How Social Relations Avert Global Financial Collapse. Cornell University Press, New York 2025, 246 Seiten, 51 Euro.
