
Wie nah der Krieg in der Ukraine mit Japan zusammenhängt, zeigte der Militärgeheimdienst des angegriffenen Landes dem hohen Besuch aus Tokio Mitte September an einem drastischen Demonstrationsobjekt. Ein völlig zerfetztes Konstrukt aus Metall und grünen Elektronikkomponenten hat ein vermummter Soldat auf einem Holztisch ausgelegt. Deisuke Mori, der Sprecher des japanischen Unterhauses, und einige seiner Delegationsteilnehmer stehen betreten davor. Ein Foto der Situation wurde vom ukrainischen Geheimdienst veröffentlicht. Das Konstrukt auf dem Tisch soll eine zerstörte nordkoreanische Rakete sein, die Russland in seinem Angriffskrieg gegen die Ukraine eingesetzt hat. Der Diktator Kim Jong-un aus Japans Nachbarschaft Nordkorea, so die unmissverständliche Warnung an die Besucher aus Tokio in der vergangenen Woche, teste und präzisiere seine Waffen in dem Kriegseinsatz Tag für Tag.
Unverbrieft ist, ob die Ukraine im Gespräch mit Mori auch noch eine direktere Verwicklung der Japaner in die Angriffe angesprochen hat, die zuletzt aus ukrainischen Regierungskreisen geäußert wurde: Demnach sollen in 90 Prozent der Raketen und Drohnen, die Russland in seinem Krieg gegen das Land einsetzt, auch Komponenten aus Japan enthalten sein.
Dabei ist Japan an der Seite von Deutschland und den übrigen westlichen Mächten einer der stärksten Unterstützer der Ukraine. Tokio hat der Ukraine seit Beginn der russischen Invasion nach eigenen Angaben 20 Milliarden Dollar bereitgestellt oder zugesagt, vor allem in Form von Budgethilfen, humanitärer und technischer Unterstützung sowie nicht tödlicher Sicherheitsausrüstung. Die Reise von Unterhaussprecher Mori, der auch vor dem Parlament in Kiew und mit Präsident Wolodymyr Selenskyj sprach, sollte diese Unterstützung noch einmal untermauern.
Russischer Spion als Manager von Aeroflot getarnt
„Es gibt sehr viele russische Spione in Japan“, sagt Sergiy Korsunsky, der in den ersten Jahren nach Beginn des russischen Angriffskriegs ukrainischer Botschafter in Japan war und heute unter anderem als Berater für Cybersicherheit arbeitet, im Gespräch mit ausländischen Journalisten in Tokio. Als Russland im Jahr 2022 seinen Angriffskrieg auf die Ukraine startete, hätten westliche Länder Hunderte russische Spione ausgewiesen. Viele von ihnen seien daraufhin nach Japan gegangen. Das Land biete eine aus Sicht der Russen geradezu ideale Kombination aus schwachen Geheimdiensten, kaum vorhandenen Anti-Spionage-Gesetzen und einer bestens entwickelten Technologiebranche. „Die wichtigen Zukunftstechnologien werden hier in Asien entwickelt. Das ist der Grund, warum die Russen hier so aktiv sind“, sagt Korsunsky.
Wie die Masche im Detail funktioniert, haben Reporter der „New York Times“ im Sommer in einem ausführlichen Artikel aufgedeckt, der nicht nur in Tokio für Aufsehen sorgte. Demnach soll einer der wichtigsten Strippenzieher für Moskau unter einer Scheinidentität als Vertreter der staatlichen Fluglinie Aeroflot in Japan operiert haben – aus deren Büro mitten in der Tokioter Innenstadt. Von dort aus und mithilfe eines japanischen Partners soll er Chips und andere elektronische Bauteile beschafft haben, die dann über Scheinfirmen in anderen Ländern wie Vietnam nach Russland gelangt seien.
Handelsstatistiken können Aufschluss geben
„Oft geht es bei diesen Bauteilen nicht um spezifisches militärisches Equipment, das unter die Exportkontrollen des Handelsministeriums Meti fallen würde“, sagt Korsunsky. Dass die Bauteile in irgendeiner Form für die Produktion von Drohnen oder anderen Waffen benutzt würden, sei vor allem durch die Handelsstatistiken zu bemerken: „Wenn man plötzlich einen starken Anstieg von Exporten bestimmter Teile aus einem Land Richtung Russland sieht, hängt das in der Regel mit der Drohnenproduktion zusammen“, sagt der ehemalige Diplomat. Er mahnt, dass die Exportkontrollen viel straffer durchgezogen werden müssten, um solche Geschäfte zu unterbinden.
Japan steht schon seit Jahrzehnten im Ruf, ein Paradies für Spione zu sein. „Es gibt hier zwar Geheimdienste, aber die sind sehr fragmentiert und sind durch strenge Gesetze eingeschränkt“, sagt James D.J. Brown, Politologe und Fachmann für die Beziehungen zwischen Russland und Japan an der Tokioter Temple Universität. Die Mitarbeiter seien nicht gut ausgebildet und würden zu oft ihre Zuständigkeiten ändern, um zu wirklichen Experten in ihren Gebieten zu avancieren. Ein Kernproblem ist, dass die Geheimdienste bislang auf mehrere Stellen und Behörden wie die Polizei, das Wirtschaftsministerium und das Verteidigungsministerium aufgeteilt sind. „Japan muss etwas dagegen tun, damit nicht noch mehr Komponenten im Krieg gegen die Ukraine eingesetzt werden können“, sagt Brown.
Brasilianer, die für Russland spionieren
Im Frühjahr hat die Regierung um Ministerpräsidentin Sanae Takaichi erstmals den Versuch gestartet, die vielen Dienste an einer Stelle zusammenzuführen und auf diese Weise eine schlagkräftigere Behörde nach dem Vorbild der amerikanischen CIA aufzubauen. Bislang ist die japanische Regierung – ähnlich wie die deutsche – in hohem Maße auf Informationen befreundeter Dienste angewiesen. Auch im Ausland soll der neue japanische Geheimdienst nun tätig werden, um drohende Gefahren etwa aus den Nachbarländern China, Nordkorea oder eben Russland rechtzeitig zu erkennen. Doch Brown gibt zu bedenken, der Aufbau einer solchen Behörde sei schwierig und langwierig, schon weil gutes Personal schwer zu finden sei.
Länder wie Russland hätten dagegen eine lange Tradition darin, Agenten auszubilden oder anzuwerben und diese auch jenseits der eigenen Botschaften unter zivilen Deckmänteln für ihre Zwecke einzusetzen. Als Beispiel nennt er Brasilianer, die noch in ihrem Heimatland angeworben und ausgebildet würden und dann als Migranten nach Japan kämen, wo sie kaum in den Verdacht kämen, für Russland zu arbeiten.
Eine Schlüsselfähigkeit für die neuen japanischen Agenten sollten nach Ansicht von Korsunsky gute Russischkenntnisse sein, und zwar bis hin zu verschiedenen russischen Dialekten. Als Beispiel dafür, wie wenig die japanischen Behörden in der Vergangenheit von möglichen Bedrohungen mitbekommen hätten, nennt der Ukrainer relativ offen kommunizierte Anschlagspläne gegen den früheren Ministerpräsidenten Fumio Kishida. Schon kurz nachdem Russland seinen Angriffskrieg auf die Ukraine begonnen hatte und die Japaner sich an die Seite des Westens gestellt hatten, wurden seinen Angaben zufolge entsprechende Pläne über den Social-Media-Kanal Telegram besprochen, offenbar ohne dass Japan das mitbekommen hätte.
Geheime Daten über das Mobilfunknetz weitergegeben
Zudem fehlten in Japan bislang Gesetze, die Spionage für andere Staaten unter Strafe stellten. Politologe Brown verweist auf den Fall Yutaka Araki. Im Jahr 2020 war der Mitarbeiter des japanischen Mobilfunkkonzerns und Technologie-Investors Softbank festgenommen worden, weil er wichtige Unternehmensgeheimnisse von Dienstrechnern heruntergeladen und an einen Kontaktmann des russischen Geheimdienstes verkauft haben sollte. Nach Angaben des Unternehmens soll es sich um technische Informationen gehandelt haben, die möglicherweise mit dem Aufbau des 5G-Netzwerks zusammenhingen. Mangels entsprechender Anti-Spionage-Gesetze wurde Araki damals nur nach einem Gesetz zur Verhinderung unlauteren Wettbewerbs verurteilt, sagt Brown, und erhielt zwei Jahre Haft auf Bewährung. Der russische Kontaktmann konnte gar nicht belangt werden.
Doch nicht nur Japan selbst sei für die Agenten interessant. In dem Land sind etwa 55.000 Angehörige der amerikanischen Streitkräfte stationiert, deren Präsenz unter anderem China in Schach halten soll. „Ich kann hier also nicht nur Japan ausspionieren, sondern auch das amerikanische Militär“, sagt Brown. Nach Angaben von Korsunsky würden westliche Geheimdienste Tokio schon seit Jahren dazu drängen, seine Dienste endlich professioneller aufzustellen. Selbst die nun veröffentlichte Geschichte der „New York Times“ war nach Angaben einer ihrer Autoren durch westliche Dienste angestoßen worden, um den öffentlichen Druck zu erhöhen.
