
„Mou, bist du das?“ – So verwundert adressierte die spanische Tageszeitung El País vor erst wenigen Tagen eine Schlagzeile an den portugiesischen Trainer, der nach 13 Jahren wieder in den Diensten von Real Madrid steht. An seine erste Amtszeit erinnert man sich in Spanien vor allem wegen seiner Unbeherrschtheiten, fast immer, wenn es gegen den FC Barcelona ging. Etwa, als er 2011 beim Supercup Barças Ko-Trainer Tito Vilanova gezielt mit dem Finger ins Auge stach. Oder, als er ein Jahr später nach einem 2:2 gegen Barça im Parkhaus dem Schiedsrichter auflauerte. Legendär wurde vor allem sein wiederholtes „por qué“ (Warum?) nach einem 0:2, wieder gegen Barça. Er fragte, ob der FC Barcelona aufgrund der Trikotwerbung für das UN-Kinderhilfswerk UNICEF von den Schiedsrichtern bevorzugt wurde.
Doch nun sollte alles anders werden, versprach Mourinho bei Amtsantritt, und tatsächlich ließ er bei seinen ersten Pressekonferenzen einen interessanten Blick in sein Innenleben zu. „Was würde der Mourinho von damals dem Mourinho von heute raten?“, fragte ihn dabei ein spanischer Sportjournalist vor dem ersten Ligaspiel in dieser Saison. „Eine gute Frage, eine philosophische Frage“, sagte Mourinho, lächelte nachdenklich und drehte die Frage um: „Der Mourinho von heute könnte dem von 2013 etwas raten“, antwortete er dann. „Du musst immer die Ruhe bewahren. Das ist für mich heute leichter als vor fünf, zehn oder 20 Jahren.“
Nächste Niederlage für Madrid
El País stellt die Theorie auf, Mourinho sei ruhiger geworden, weil er keine großen Titel mehr gewonnen habe. Die Götter des Fußballs hätten ihn bestraft für sein grenzenloses Ego, zur völligen Bedeutungslosigkeit verdammt, heißt es da. Das ist ein wenig ungerecht, immerhin wurde er nach seinem Weggang aus Madrid mit Chelsea noch englischer Meister und gewann mit Chelsea und Manchester United den englischen Ligapokal. Aber der Stern des einstigen „Special One“ strahlt längst nicht mehr so hell.
Aber vielleicht ist auch das alles wieder nur ein kontrolliertes Spiel mit der Öffentlichkeit? Vor seiner Pressekonferenz zum ersten wirklich großen Auftritt seines Teams im Stadtderby gegen Atlético Madrid sagte er, angesprochen auf seine einstigen Fehden mit Atléticos Coach Diego Simeone: „Man sagt im Leben so viel Unsinn. Wenn du immer weiter zurückspulst, findest du bei jedem von uns irgendwas“, gab dann aber auch zu, dass nicht jeder verbale Ausfall der Aufregung geschuldet sei. „Manchmal sagt man auch etwas mit einem strategischen Ziel.“
Wieder Ärger über den Schiedsrichter
Welches Ziel seine Pressekonferenz dann nach den eher lauen 90 Minuten seiner Truppe im Estadio Metropolitano von Atlético gehabt hat, hat er dann nicht erklärt. Wieder einmal hat Real Madrid dort verloren, diesmal mit einem 1:2. Und Mourinho sprach nur wenig über seine eigene Mannschaft. Sie habe gut gespielt, mit Charakter und Persönlichkeit. Er umarme seine Spieler. Dass sie verloren hätten, sei vor allem eine Folge schwerer Fehlentscheidungen der Schiedsrichter, fand er und klang dann wieder wie der alte Mou.
„Der Schiedsrichterausschuss, der die Unparteiischen benennt, kann heute glücklich sein. Da wird jemand ausgewählt, der 41 Jahre alt ist, aber ohne internationale Erfahrung. Da wird er kaum ein guter Schiri sein. Der Ärmste ist mit dem Druck nicht fertig geworden“, polterte der Portugiese und teilte dann auch noch gegen den Mann am VAR aus: „Dieser Mann hat mit den Spielen von Real Madrid große Erfahrung“, sagte er und rollte dann die Vorwürfe Reals gegen den Schiedsrichterassistenten von der letzten Saison wieder auf. Das lenkt immerhin vom Auftritt seiner Mannschaft ab. Auch dafür war Mourinho stets bekannt: Er stellt sich lieber selbst in den Fokus, was die Spieler vor Kritik schützt.
Mbappé widerspricht seinem Trainer
Völlig unberechtigt ist der Ärger Mourinhos mit den Schiedsrichterentscheidungen beim Derby nicht. In der ersten Halbzeit stand Atléticos Romero tatsächlich mit den Stollen auf Bellinghams Knie, der allerdings zuvor in den Gegenspieler hineingegrätscht war. Der Unparteiische zeigte nur Gelb. Und wenige Minuten später übersahen er und der Schiedsrichterassistent an den Monitoren einen üblen Sprung des Koreaners Kang-In Lee mit der Sohle voraus auf Valverdes Sprunggelenk.
Es hätte ein Spiel von Elf gegen Neun sein können, haderte Mourinho mit den Unparteiischen, und sei dann in der zweiten Halbzeit ein Spiel von zehn Spielern Reals gegen elf von Atlético geworden. Denn als Huijsen im Strafraum Guiliano Simeone so lange umklammerte, bis dieser zu Boden fiel, gab es Elfmeter und Rot für Reals Innenverteidiger.
Mbappé widersprach seinem Trainer. Er spreche nie über Schiedsrichter und werde nicht jetzt damit anfangen, sagte der Stürmer von Real Madrid. Man müsse einfach besser Fußball spielen, wenn man solche Spiele gewinnen wolle. Spieler, die auf diese Weise aus der Reihe tanzen, bestrafte der Mourinho von 2013 auch gerne mal. So etwa der damalige Nationaltorwart Iker Casillas, der Mous psychologische Kriegsführung gegen den FC Barcelona nicht mehr mitmachen wollte und sich auf der Bank wiederfand. Für Mbappé stellt sich nun die Frage, mit welchem Mourinho er es jetzt zu tun hat.
