
Trotz der Krise der deutschen Autoindustrie will die IG Metall in ihrer großen Tarifrunde nicht auf spürbare Lohnerhöhungen verzichten. Sie stimmt sich darauf ein, in der Metall- und Elektroindustrie mit insgesamt 3,7 Millionen Beschäftigten eine Lohnerhöhung von fünf Prozent durchsetzen. Zugleich strebt sie eine Gewinnbeteiligung für Beschäftigte prosperierender Betriebe an. Diese Ziele haben sich die regionalen Tarifkommissionen der Gewerkschaft am Dienstag vorgenommen. Der Vorstand der IG Metall will die Forderung am Mittwoch offiziell beschließen. Die Tarifverhandlungen mit den Arbeitgebern beginnen Anfang Oktober.
„Wenn an der Tankstelle die Preise explodieren und der Einkauf immer teurer wird, dann brauchen die Menschen keine Debatten über Lohnzurückhaltung, sondern mehr Geld auf dem Konto“, begründete der Chef des IG-Metall-Bezirks Küste, Daniel Friedrich, die Forderung nach den Beratungen im Norden. Dort sind Branchen mit guter Auftragslage wie etwa der Schiffbau stärker vertreten als in anderen Regionen.
„Brauchen mehr Geld und sichere Arbeitsplätze“
Demgegenüber dominiert in Baden-Württemberg die Autoindustrie, die in der Krise steckt. Der Hersteller Mercedes-Benz erwägt, Fertigung ins Ausland zu verlagern und inländische Werke zu schließen. Aber auch dort beschlossen die IG-Metaller am Dienstag eine Lohnforderung von fünf Prozent. „Die Beschäftigten brauchen beides: eine spürbare Erhöhung ihrer Einkommen und verlässliche Perspektiven für ihre Arbeitsplätze und Standorte“, erklärte Bezirksleiterin Barbara Resch. „Fünf Prozent mehr Geld und mehr Sicherheit gehören für uns zusammen.“
Mercedes hatte am Montag seine Position auf einer Betriebsversammlung im Werk Sindelfingen konkretisiert. Es sei das Ziel, „alle deutschen Standorte zu erhalten“, sagte Produktionschef Michael Schiebe dort laut einer Mitteilung des Unternehmens. Dafür müssten aber Kosten sinken. Gelinge dies nicht, werde Mercedes zwei Werke schließen müssen. Vor diesem Hintergrund strebt das Unternehmen unter anderem an, durch längere Arbeitszeiten ohne entsprechende Lohnerhöhung Personalkosten zu senken.
Ringen um Mercedes-Produktion überschattet auch die Tarifrunde
Auch für die Verhandlungen von IG Metall und Arbeitgeberverbänden über den Flächentarifvertrag bahnt sich damit eine schwierige Konfliktlage an. Der Arbeitgeberverband Südwestmetall, dessen Mitglied Mercedes ist, hat zu einer Tarifrunde im Zeichen der Kostensenkung aufgerufen. „Wir brauchen Kostensenkung, um den Produktionsstandort zu stabilisieren“, sagte der Südwestmetall-Vorsitzende Peter Sebastian Krause im F.A.Z.-Interview. „Längere Arbeitszeiten dürfen da keine Tabuzone sein.“
IG-Metall-Bezirksleiterin Resch begründete die Lohnforderung ebenfalls damit, dass die Einkommen der Beschäftigten durch hohe Benzinpreise und andere Kostensteigerungen geschmälert würden. Die Arbeitgeber halten entgegen, dass hohe Energiekosten auch die Unternehmen träfen. Sie seien die falsche Adresse, um Beschäftigten eine Entlastung dafür zu finanzieren. Womöglich lasse sich „schon ein Inflationsausgleich nicht ohne Weiteres mit einer Stabilisierung von Arbeitsplätzen und Produktionsstrukturen in Einklang bringen“, warnte Krause.
Die IG Metall deutete eine Grundbereitschaft an, in der Tarifrunde auf wirtschaftliche Schwierigkeiten von Unternehmen einzugehen. „Wir müssen jetzt darüber sprechen, wie Wertschöpfung und Beschäftigung in Baden-Württemberg gesichert werden können“, sagte Resch. „Die Beschäftigten brauchen dabei eine verlässliche Perspektive für die Zukunft ihrer Betriebe.“ Es gebe aber auch Betriebe mit guter wirtschaftlicher Entwicklung. Dort sei es „gerechtfertigt“, die Beschäftigten „am erwirtschafteten Erfolg zu beteiligen“.
Arbeitgeber in NRW: Tarifforderung „zu hoch und völlig unrealistisch“
Der Präsident der Metall-Arbeitgeber in Nordrhein-Westfalen, Arndt G. Kirchhoff, wies die Forderungen als „eindeutig zu hoch und völlig unrealistisch“ zurück. Die Industrie stecke in ihrer „schwersten Strukturkrise“, betonte er. Die Tarifparteien müssten nun „zur Senkung des erheblichen Kostendrucks in unseren Unternehmen beitragen“. Für den Verband Nordmetall warnte Verhandlungsführerin Lena Ströbele, dass auch volle Auftragsbücher „kein Garant für zukunftsfeste Arbeitsplätze“ seien. Es bleibe eine Kostenfrage, an welche in- oder ausländischen Standorte Aufträge unternehmensintern vergeben würden.
Die Metall-Tarifverträge überspannen etliche Industriezweige. Die beiden größten sind die Autoindustrie mit noch etwa 700.000 Beschäftigten und der Maschinenbau mit einer Million. Es gehören aber auch Eisengießereien dazu, ebenso Rüstung und Medizintechnik. Seit 2019 ist die Gesamtzahl der Beschäftigten in der Metall- und Elektroindustrie von 4,1 auf 3,7 Millionen geschrumpft.
