Schon im Erscheinungsjahr 1949 brachte der Berliner RIAS (Rundfunk im amerikanischen Sektor) ein Hörspiel von George Orwells Dystopie „1984“ heraus, zahlreiche weitere folgten. Der Musiker Stefan Weinzierl hat jetzt mit der „Konzertlesung“ eine neue Variante der Literaturpräsentation geschaffen, die bereits eine Reihe bildet. Vorangegangen sind etwa Grass’ „Blechtrommel“, H. G. Wells’ „Zeitmaschine“, Carrolls „Alice im Wunderland“ oder Schnitzlers „Traumnovelle“.
Die aus Schlagzeug und Synthesizer gemischten Klänge scheinen wie einige dieser Titel aus anderen Welten zu kommen. Sie sind rhythmisch stark, tonal vielfarbig, akustisch effektvoll, sphärisch, in unbestimmte Ferne entführend. Darüber erklingt die feste, tiefe Stimme des Schauspielers Sylvester Groth. Auch wenn er die gekürzte Fassung des Textes höchst professionell und distanziert liest, mag man gerade in Passagen über Konspiration und Verstellung, Verhöre und Gehirnwäsche in Orwells totalem Überwachungsstaat auch persönliche Betroffenheit heraushören. Denn Groth verließ 1985 die DDR, spielte zur Wendezeit an der Schaubühne am Lehniner Platz und war in Weltkriegsfilmen wie „Stalingrad“ oder „Mein Führer“ in markigen Rollen zu sehen.
Scheinkriege nach außen, Parteidiktatur nach innen
Wie viele Dystopien schöpft Orwell für seinen Roman zum einen aus verstörenden Erfahrungen zur Entstehungszeit (1948 gedreht in „1984“) und projiziert diese zum anderen in die Zukunft der nächsten Generation. Nicht ahnen konnte er, dass wiederum vier Jahrzehnte später die Vision von „Big Brother is watching you“ nochmals realer und aktueller würde. Zwischen den drei Supermächten Ozeanien, mit der Hauptstadt London, sowie Eurasien und Ostasien herrschen Scheinkriege nach außen und totale ideologische Parteidiktatur nach innen.
Die Mehrheit des Volks (proles) wird in Unmündigkeit gehalten, der Rest lückenlos überwacht, die „Gedankenpolizei“ und Videoaugen sind überall. Das Wahrheitsministerium schreibt die Geschichte ständig um und verbreitet nichts als Propaganda, die Hauptparolen in dieser verkehrten Welt lauten: „Krieg ist Frieden“, „Freiheit ist Sklaverei“, „Unwissenheit ist Stärke“. Das Ministerium für Frieden hält Kriege am Laufen, das Ministerium für Liebe unterdrückt Sexualität, das Ministerium für Überfluss sorgt für Mangel in Dreijahresplänen und das Ministerium für Wahrheit sorgt für „doublethink“, Vorläufer von Fake News.

Kein Wunder, dass der Roman „1984“ mit den Enthüllungen über den US-Geheimdienst NSA durch Edward Snowden und mit Donald Trumps Rede von „alternativen Fakten“ auch in den USA wieder zu den meistverkauften Büchern zählt. Selbst in der gekürzten Hörfassung ist der Wiedererkennungseffekt mit der Gegenwart frappierend: Die Hauptfigur Winston Smith, der zugleich die personale Erzählstimme führt, dient scheinbar loyal im Wahrheitsministerium. Er ist aber von existenziellen Zweifeln an den allgegenwärtigen Lügen und Zwangsstrukturen sowie der diktatorisch beschönigenden Amtssprache „Newspeak“ erfüllt. In der eigenen Wohnung ist er peinlich bemüht, in einem toten Winkel des Televisors Tagebuch zu führen. Vorsicht ist überall geboten, der scheinbar gleichgesinnte O’Brien erweist sich etwa als Spitzel der Inneren Partei, der ihm später in der Zelle mit Schlagstock und Injektionsspritze gegenübertritt. Und Emmanuel Goldstein, abtrünniges Mitglied der Parteiführung, wird zum „Staatsfeind Nummer eins“ erklärt.
Die Konzertlesung konzentriert sich auf die geschickt angebahnte Beziehung zwischen Winston und Julia, die sich rebellisch gegen die Unterbindung von Intimität und Liebe zur Wehr setzt. Die Angst, beobachtet und entdeckt zu werden, ist atmosphärisch perfekt vermittelt. Doch es passiert, Winston wird verhaftet, endlos verhört, gefoltert. Er gesteht alles, was man verlangt, obgleich es grundfalsch ist – Mord, Verrat, Sabotage, Spionage. Berühmt sind die psychische Manipulation und Wahrheitsbeugung, der zufolge 2+2 eben auch 5 statt 4 ergeben kann, wenn die Partei es so will. O’Brien gibt all das als Heilung aus, als Hervorbringung besserer Menschen. Tatsächlich wirken seine Maßnahmen, Winston begeht Verrat an Julia und lässt sich brechen. Die letzten Worte des Romans lauten: „Er hatte den Sieg über sich selbst errungen. Er liebte den Großen Bruder.“
In seinem Essay „Why I write“ (1946) erklärt Orwell, er habe seit 1936 stets „against totalitarianism and for democratic socialism“ geschrieben. Jetzt, 80 Jahre später, trifft der Text Systeme, die sich äußerlich demokratisch nennen, ihre Bürger aber immer geschickter observieren, populistisch manipulieren, freie Presse unterdrücken und Kritiker pauschal zu Terroristen und Staatsfeinden erklären. In der DDR war der Text wegen vermeintlich antisowjetischer Propaganda verboten. Wenn man in Westberlin hingegen den RIAS einschaltete, um etwa dem Hörspiel „Die totalitäre Welt 1984, eine Warnung“ zu lauschen, erklang nach der Erkennungsmelodie der Slogan: „Eine freie Stimme der freien Welt“. Hoffentlich wird sie heute auch in Amerika, dem Zentrum von „Doublethink“ und „Newspeak“ gehört, pünktlich zum 250. Geburtstag der ältesten Demokratie.
George Orwell: „1984“. Roman. Gelesen von Sylvester Groth. Buchfunk Verlag, Leipzig 2026. 93 Min., Download, 4,99 €.
