Als Jürgen Klopp am vergangenen Donnerstag in Frankfurt die 44 Spieler vorgestellt hat, die er für seine ersten vier Spiele als Trainer der deutschen Fußball-Nationalmannschaft ausgewählt hat, dürften viele von diesen weder zugeschaut noch zugehört haben. Sie waren in Europa verteilt, wo sie sich mit ihren Klubmannschaften auf die letzten Spiele vor der Länderspielpause vorbereitet haben. Und auch wenn Klopp weiß, dass alles, was er sagt, früher oder später auf den Smartphones seiner Spieler ankommt, wusste er ganz genau, wer ihm an dem Donnerstag zuschaute und zuhörte.
Bei so einer Pressekonferenz, wie sie in Frankfurt stattgefunden hat, wird über viele gesprochen, aber es gibt eigentlich nur einen, der spricht. Das führt dazu, dass in der Presse danach viel über diesen einen gesprochen (und geschrieben) wird. So funktioniert das Spiel vor dem Spiel.
Dieses sollte nicht über-, aber auch nicht unterschätzt werden. Manche Trainer, sowohl mit Bayern- als auch mit Bundesmandat, haben sich so schon selbst aus dem Spiel genommen. Jürgen Klopp aber hat bei seiner zweiten Pressekonferenz als Bundestrainer bewiesen, dass er dieses Spiel nach wie vor nicht nur versteht, sondern beherrscht.
Die „Bild“ sieht Klopp schon als Bundespräsidenten
Er erreichte aber auch den langjährigen stellvertretenden Chefredakteur der „Zeit“, der an demselben Tag einen Text mit dem Titel „Der Trainer holt der Republik ihre Fahne zurück“ geschrieben hat. Darin steht, dass Klopp schon mit dem Trainer der „Einer von 83 Millionen“-Kappe „Maga für die Mitte“ gemacht habe. Und dass er danach mit seiner Rede in die Repräsentationslücke geschlendert sei, die gerade vom Bundespräsidenten und vom Bundeskanzler gleichermaßen gelassen werde.
Es sei „ein Fest ermutigender Adjektive“ gewesen, „geradezu provozierend positiv“. Und, zurück zum Sport: „Dabei schien es Klopp allem Anschein nach gar nicht so sehr darauf anzukommen, dass die 44 Nominierten […] tatsächlich so herausragend sind, wie er sagt. Sondern darauf, dass sie es werden, weil er es sagt.“

Das kann klappen. Und es wird Klopp helfen, dass er mit einer Pressekonferenz von „Bild“ bis „Zeit“ so viele Multiplikatoren überzeugt hat. Doch damit es klappt, wird er nun diejenigen überzeugen müssen, deren Hilfe nicht nice to have, sondern unverzichtbar ist: seine vorerst 44 Spieler.
Am Dienstagvormittag sind drei von ihnen bei einem Pressetermin in Herzogenaurach, wo sich die Nationalmannschaft auf die Vorrunde der Nations League vorbereitet, die für die Deutschen am Donnerstag mit einem Auswärtsspiel in Amsterdam gegen die Niederländer (20.45 Uhr im F.A.Z.-Liveticker zur Nations League und bei RTL) startet. Und die drei sollen nun nacheinander über den Mann sprechen, der bisher eher über sie gesprochen hat.
Treu über Klopp: „Ey, der ist ja ein Mega-Typ“
„Er ist eine Person, die eine gewisse Ausstrahlung hat durch das, was er die letzten Jahre erreicht hat, von daher hat man großen Respekt“, sagt Max Rosenfelder, Innenverteidiger aus Freiburg.
„Durch seine lockere und positive Art, wie er einen dann auch anlacht, ist es einfach so, dass du selber sagst: Ey, der ist ja ein Mega-Typ“, sagt Philipp Treu, Rechtsverteidiger aus Freiburg.
Es war Treu, den der Bundestrainer in der Pressekonferenz am vergangenen Donnerstag hervorgehoben hat, denn jedes Mal, so Klopp, wenn in Deutschland darüber geredet werde, dass es keine guten Rechtsverteidiger gebe, müsse sich Philipp Treu denken: Hä, worüber reden die?
Wie überzeugt man einen Spieler des FC Bayern?
„Eine coole Aussage“, sagt Treu, als er am Dienstag darauf angesprochen wird, „eine Aussage, die mir einfach extrem Motivation gibt für die kommende Woche, wo ich zeigen kann, was ich draufhabe und wer der Rechtsverteidiger aus Freiburg ist.“ Und wie gut diese Aussage wirklich bei angekommen zu sein scheint, merkt man kurz danach, als er sagt, dass Klopp „gefühlt“ einer sei, „für den würde ich durchs Feuer gehen“.
Nun lässt sich einwenden, dass auch das Presseteam des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) dem neuen Trainer geholfen hat, indem es am Dienstag drei Neulinge der Nationalmannschaft hat sprechen lassen. Drei Spieler, die der Bundestrainer also dadurch überzeugen konnte, dass sie dabei sein dürfen. Doch was ist mit denen, denen das nicht reicht, die nicht nur dabei sein, sondern endlich gewinnen oder wenigstens etwas später verlieren wollen?
Der Kapitän der letzten deutschen Gewinnermannschaft, Philipp Lahm, hat in seiner „Zeit“-Kolumne einmal am Beispiel Pep Guardiolas beschrieben, wie man einen Spieler wie ihn, einen Spieler des FC Bayern, überzeugt.
„Ein großer Trainer“, so Lahm, „weiß bald, wer wozu fähig ist, wer für ihn zentral sein wird. Er vermittelt jedem im Team die eigenen Stärken und Schwächen sowie die der anderen. Täglich feilt er an der Aufgabe jedes Einzelnen. Guardiola tut das mit einer Passion, die ich bei keinem anderen erlebt habe. Bis alle, auch die, die nicht zum Zuge kommen, wissen, dass der Trainer Recht hat. Das gibt ihm absolute Autorität.“
So wird Jürgen Klopp seine Arbeit als Nationaltrainer nicht angehen können. Er wird wegen der fehlenden Zeit mit seinen Spielern einen anderen Weg finden müssen, um die absolute Autorität zu erlangen. Auch das kann klappen. Es war ein schlauer erster Schritt, dass er 44 Spieler ausgewählt hat, weil er sich damit nicht nur etwas mehr Zeit gekauft, sondern mindestens für die nächsten vier Spiele die Beweislast umgekehrt hat. Er wird seine Spieler noch überzeugen müssen, aber erst einmal sollen sie das schaffen.
