In dem Moment, in dem die Achilleas im Hafen von Linaria einläuft und beidreht, um mit dem Heck anzulegen, steht man, je nach Gemüt, peinlich berührt oder ehrfürchtig ergriffen an der Reling. Und das liegt nicht an der von Kiefern und Macchia bewachsenen Bucht, sondern an dem Besitzer einer Hafenbar und seiner Vorliebe für die sinfonische Dichtung „Also sprach Zarathustra“ von Richard Strauss.
Jeden Tag, wenn die Achilleas in Linaria anlegt, donnern den Ankömmlingen die ersten Takte des Orchesterwerks wie aus allen Kanonen entgegen. Stanley Kubrick hat sie mit seinem Film „2001 – Odyssee im Weltraum“ weltberühmt gemacht. Pauken, Posaunen, Hörner, Geigen und Orgel steigern sich zu einem mächtigen Crescendo. Es ist, als beträte man eine Insel, wie es sie nur in Mythen gibt, erhaben, von gleißendem Licht umflutet, aus dem Meer gehoben wie im ersten Augenblick der Schöpfung. Willkommen auf Skyros, der größten Insel der Nördlichen Sporaden!
Dieser Text stammt aus der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
Skyros hat wenig gemein mit ihren Schwestern Skiathos, Skopelos und Alonnisos. Sie ist rauer, karger, weniger bewaldet, die Häuser haben keine Ziegeldächer und keine bunten Fassaden. Skyros steht den Kykladen näher als ihren Schwestern. Es ist, als hätte sie sich am Ende der letzten Eiszeit davongemacht, in Richtung Kykladen, und dann, 25 Seemeilen vor Euböa, eine Ruhepause eingelegt, wo sie liegen blieb und bis heute liegt. Keine zwei Seestunden trennen sie von der zweitgrößten Insel Griechenlands, zu der sie administrativ gehört. Der Hafen von Kymi an der Ostküste Euböas ist das Tor nach Skyros. Es gibt nur diese eine Fährverbindung – ein Nadelöhr, durch das fast jeder muss, der die Insel besuchen will. Zwar verfügt Skyros über einen Flughafen, doch die meisten Reisenden erreichen die Insel mit der Fähre.

Chora ist Inselhauptstadt und Dorf zugleich und wird zur Verwirrung aller Besucher ebenfalls Skyros genannt. Der Ort schmiegt sich an einen Hügel und ist ein Puppenstübchen. Die Häuser haben die Form und Farbe eines Zuckerwürfels. Wie Schafe, die sich im Sommer unter einem Maulbeerbaum drängen, stehen sie dicht beieinander, klettern den Berg hinauf, sind von kleinen Gärten und Obstbäumen umgeben.
Dazwischen steile, labyrinthartige Gassen, die sich verengen, weiten, krümmen, strecken, hier gabeln und dort wieder zusammenlaufen. Es ist leicht, sich im Gassengewirr zu verlieren. Auf Treppenstufen stehen Blumentöpfe. An grellweißen Häuserwänden leuchtet das Rot der Bougainvilleen. Kleine Geschäfte reihen sich aneinander, Bäcker, Fleischer, Fischhändler, Ikonenmaler. Ganz oben auf dem felsigen Berg thronen Kloster und Festung mit einem umwerfenden Blick auf das Irrsinnsblau der Ägäis.
Neben den Neubauten sind zahlreiche traditionelle Häuser mitsamt ihrer ursprünglichen Einrichtung erhalten geblieben. In manchen kann man übernachten. Sie sind klein, schlicht und innen eine architektonische Meisterleistung aus den Zeiten knapper Mittel. Küche, Wohn- und Schlafzimmer sind ein Raum. Man sitzt auf kniehohen Holzstühlen an kniehohen Holztischen und kann ohne aufzustehen nach einem Suppenteller greifen. Das Geschirr steht griffbereit auf Simsen und in Wandregalen. Geschlafen wird im Hochbett, auf dem Sfa, wie es die Skyrioten nennen. Eine schmale Holztreppe führt auf eine kunstvoll geschnitzte Holzempore aus Kiefer, manchmal Zypresse, beides robuste Hölzer der Insel.
Holzschnitzerei hat Tradition. „Geschnitzt wurde fast alles, was im Haus funktional war, vom Bett über die Tür bis zur Truhe“, sagt Kostas, ein Cousin der Hausvermieterin. Das Handwerk wurde vom Vater weitergegeben, der es wiederum von seinem Vater gelernt hat. Schnitzen ist zeitaufwendig und erfordert Geduld: Zwei Tage für einen Stuhl mit gerader Rückenlehne, eine Woche für eine kleine Truhe, zwei Wochen für eine große.
Der Charme der Kykladen und der Sporaden
So beengt es in den alten Häusern ist, so eng geht es auch auf der Flaniermeile, ja in ganz Chora zu. Chora ist autofrei. Die Gassen gehören ganz den Bewohnern und Besuchern, die morgens und abends auf und ab flanieren, Kaffee oder Wein trinken, ihre Komboloi schwingen und zugleich den anderen dabei zusehen, wie sie durch die Gassen schlendern.
Skyros vereint den Charme der Kykladen und der Sporaden, genauer gesagt ist sie ein Hybrid. Während die anderen Sporaden fast durchgehend bewaldet und grün sind, besteht Skyros aus zwei Hälften, die unterschiedlicher nicht sein könnten. Die eine Hälfte, der Norden, ist grün, lieblich und fruchtbar, mit Pinien und Aleppokiefern bewaldet, die bis ans Meer reichen. Die andere Hälfte, der Süden, ist kahl, steinig, unbewohnt und größtenteils militärisches Sperrgebiet. Beide Hälften werden durch einen schmalen Isthmus getrennt. Skyros wirkt wie zwei Inseln.
„Skyros ist nichts für einen Urlaub mit dem Auto, nichts für Liebhaber luxuriöser Suiten und Infinitypools, die Wert auf mondänes Flair legen“, sagt Maria, Betreiberin eines Cafés in Chora. Skyros ist eine Insel mit einer Straße und einem Dorf. Sie hat keine Partymeile. Keinen Yachthafen. Keine Bettenhochburgen. Und das in Zeiten des Overtourism. Wie ist das möglich?

Vor Jahren erarbeitete das Ministerium in Athen einen Entwicklungsplan. Er sah den Bau von Yachthäfen, eines Kreuzfahrtdocks und großer Hotelanlagen auf Skyros vor. „Athen befand uns für ausbaufähig. Die meisten Einwohner waren dagegen, also lehnte der Gemeinderat das staatliche Vorhaben ab“, erzählt Maria. Und wie die meisten anderen Bewohner meint auch sie: „Wir bleiben lieber unterentwickelt, als zu verlieren, was Skyros einzigartig macht. Weshalb sonst kommen die Touristen?“ Es sind viele, aber nicht zu viele. Der Tourismus hält sich in Grenzen. Winters ist die Insel einsam, stürmisch und ziemlich verregnet. Nur während der Sommerschulferien schwappt für kurze Zeit die jährliche Urlaubswelle nach Skyros. Den Rest des Jahres aber gehört die Insel ihren Bewohnern – den Skyrioten und ihren Ziegen.
Skyros ist doppelt so groß wie Sylt und wie geschaffen für eine Inselerkundung zu Fuß, überzogen mit einem Netz aus alten Eselspfaden. Man kann ziellos durch die Macchia laufen, einfach so, querfeldein, ohne von Zäunen oder Verbotsschildern aufgehalten zu werden. Sich zu verlieren, ist unmöglich. Dafür ist Skyros zu klein, zu flach und das Meer zu nah. Außerhalb von Chora gibt es vereinzelt Ortschaften. Doch sie sind kaum mehr als Ansammlungen verstreuter Häuser im Nirgendwo.
Mehr Ziegen als Menschen
Man braucht nicht viel für eine mehrtägige Wanderung: Rucksack, Proviant, ein Zelt vielleicht, ganz sicher festes Schuhwerk und, wichtig: knöchelhohe Socken. Die mediterrane Pflanzenwelt hat im Laufe ihrer Evolution einen wirksamen Schutz gegen den unbändigen Tierfraß entwickelt: messerscharfe Dornen.
Sobald man Chora inseleinwärts verlässt, begegnet man eher zotteligen Ziegen, als Menschen. Von alters her bildeten die Tiere die Lebensgrundlage der Skyrioten, lieferten Milch, Fleisch, Wolle, Felle, Dung. Mit jedem Schritt verflüchtigt sich die Zivilisation. Stechginster, Weißdorn, dorniger Bocksdorn, Disteln, dazwischen halbgetrockneter Ziegenkot bilden ab jetzt den ganzen Kosmos. Ein Hirte taucht auf. Irgendwann begegnet man immer einem Hirten und seiner Herde. Wohin? Woher? Die üblichen Fragen. Nikos ist ein Skyriote wie aus dem Bilderbuch: dicker Schnurrbart, Treibstock, über der Schulter eine Tasche, darin Käse, Tabak, Smartphone. Auch er trägt Trochádia oder Pirelli wie sie in Chora sagen. Es ist das skyriotische Erfolgsmodell unter den Sandalen und in jedem Souvenirladen zu haben. Die Sohle besteht aus einem Stück alten Autoreifen, der Rest ist Leder.
Die Sandalen entstanden aus Materialknappheit und pragmatischem Erfindungsgeist. Skyros war eine arme Insel. Die Menschen lebten von Viehzucht, Fischerei, Landwirtschaft und vom Marmor. Schon die Römer bauten ihn ab. Wohlstand gebracht hat er der Insel nicht.
Achilles wurde hier entdeckt
Einen halben Tagesmarsch hinter Chora verschluckt der Pinienwald endgültig den Wanderer. Es säuselt in den Kronen. Kiefergeruch steigt in die Nase. Bienen summen. Weit und breit kein Haus, kein Auto. Nichts. Kein Wunder, dass die Meernymphe Thetis ihren Sohn Achilles nach Skyros brachte, um ihn vor seinem prophezeiten Tod zu schützen. Vergeblich. Odysseus enttarnte den als Mädchen verkleideten Achilles und nahm ihn mit nach Troja, wo er fiel.
Nach drei Gehstunden durch ein schimmerndes Nadelmeer vorbei an einsamen Stränden, steht man in der Bucht von Kyra Panagia. Eine Bar und eine Taverne befinden sich an dem Strand. Es grenzt an ein Wunder, dass es noch nicht zum üblichen Wildwuchs aus Hotels und Cafés gekommen ist.
In Atsitsa füllt man besser die Wasserflasche auf, bevor man den Waldweg über die Bucht von Fokas zur Kapelle Agios Panteleimonas nimmt. Sommers ist Atsitsa der Tummelplatz britischer Alternativtouristen. Malen, Yoga, Meditation, Wellness stehen auf dem Programm. Jetzt liegt der Weiler verlassen da. Er ist das Wahrzeichen der Bergbaugeschichte von Skyros. Eisen- und Chromerze wurden hier zu Beginn des 20. Jahrhunderts verladen. Wie Stümpfe wachsen die muschelbewachsenen Säulen der Verladestation aus dem türkisblauen Meer.

Weiter zur Bucht von Fokas, hinein in einen Wald aus Pinien, Zedern, Aleppokiefern und Kermeseichen. Eine Schildkröte kriecht durchs Unterholz. Eidechsen sonnen sich. Ein Mann auf einem Esel taucht auf. Wohin? Woher? Die üblichen Fragen. Dann deutet er in den Himmel. „Das Wetter schlägt um. Beeil dich!“ Keine Wolke ist zu sehen. Wie sollte da das Wetter umschlagen? Eine Stunde später kommt Wind auf. Wolken ziehen über die Insel. Woher kommen sie bloß? Denn endlich die Kapelle Agios Panteleimonas.
Ikonen, Weihrauch und Kapellen
Kein Flecken Erde auf Skyros ohne Kapellen. Wie Zeichen der Frömmigkeit liegen sie verstreut über der Insel. Im Wald, im Olivenhain, auf Hügeln, Feldern. Über 200 Kapellen soll es geben. Alles támata, eingelöste Gelübde, mit eigenen Händen erbaute Gotteshäuser der Dankbarkeit. Ohne Ikonen und Weihrauch können Skyrioten unmöglich existieren. Die meisten Kapellen sind nicht abgeschlossen. Man tritt ein, legt eine Münze in den Korb und zündet eine Kerze an. So auch in Agios Panteleimonas.

Die Kapelle steht auf einer Anhöhe, mit Blick auf den Hafen von Linaria und dem Süden der Insel, wo es keine Ortschaft mehr gibt, keine Felder, keine Bäume, nichts als Steine, Felsen, windgekrümmte Kermeseichen und den 800 Meter hohen Kóchylas, den Mount Everest von Skyros.
Der Wind frischt auf. Regen ist im Anmarsch. Kein Problem auf Skyros. Kapellen sind nicht nur Gotteshäuser, Kapellen bieten auch Schutz vor Regen. Man rollt die Isomatte aus, legt sich auf den Boden und lauscht dem Prasseln des sanften Regens auf dem Dach. Plötzlich setzen in der Ferne Paukenschläge ein, dazu Posaunen, Hörner, Geigen, Orgelklänge, die zu einem mächtigen Crescendo anschwellen als kündige sich eine Sonnenfinsternis an. Es ist die Achilleas. Die Fähre ist angekommen.
Weg nach Skyros
Anreise Athen, Metro Linie 1, Haltestelle Kato Patissia aussteigen. Dann acht Minuten zu Fuß zum „KTEL Liosion Bus Station“. Von dort fahren Busse zum Fährhafen Kymi (Dauer etwa drei Stunden). Busfahrplan unter ktelevias.gr Die Autofähre zwischen Kymi/Euböa und Linaria/Skyros pendelt je nach Saison ein- bis zweimal am Tag.
Unterkunft Es gibt viele Pensionen in Chora, die meisten sind klein, einfach und gemütlich.
Restaurant „Barba Giannis & Maritsa“ in Chora, typisch griechisch, einfach und gut.
