Schulklassen strömen zu eigens programmierten Matineen, abends kommen Teenager allein oder mit Freunden – und in eigenen Jurys entscheiden Kinder und Jugendliche mit, wer am Ende die Preise gewinnt. Zum 49. Mal findet damit das Lucas-Filmfestival statt, das älteste deutsche Filmfestival für junges Publikum. Erstmals in seiner Geschichte erstreckt sich die Veranstaltung über vier Städte im Rhein-Main-Gebiet. Neben Frankfurt, Wiesbaden und Offenbach ist in diesem Jahr auch Bad Homburg Spielort. Insgesamt läuft das Programm in sechs Kinos mit neun Sälen. Nächstes Jahr, zur 50. und damit Jubiläumsausgabe, soll Lucas deutlich größer ausfallen; in diesem Jahr gehe es, wie Katharina Popp vom Deutschen Filminstitut und Filmmuseum (DFF) sagt, „zunächst etwas ruhiger zu“.
Mit dem Kinopolis Bad Homburg kommt erstmals ein Kino hinzu, das nicht schon in früheren Jahren an der Veranstaltung teilgenommen hat. Popp erklärt, das Festival wolle auf diesem Weg sein Angebot auch für Schulen im Hochtaunuskreis erschließen, die bislang weiter entfernt von den etablierten Spielstätten lagen. Nach Angaben des Festivals profitieren durch den neuen Standort auch Schulen im Wetteraukreis, im Main-Taunus-Kreis und im nördlichen Frankfurt von einem kürzeren Anfahrtsweg. Neben dem neuen Standort bespielt Lucas weiterhin das Kino des DFF, das Cinéma und das Cinestar Metropolis in Frankfurt, die Caligari Filmbühne in Wiesbaden sowie das Kino im Hafen 2 in Offenbach.
Herzstück des Festivals sind, wie in den Vorjahren, die drei Wettbewerbe „Kids“, „Teens“ und „Youngsters“, benannt nach den jeweiligen Altersgruppen des Zielpublikums. Insgesamt werden in diesem Jahr neun Preise im Gesamtwert von 21.000 Euro vergeben. In den Kategorien „Kids“ und „Teens“ wird jeweils ein Preis für den besten Lang- und den besten Kurzfilm verliehen, im „Teens“-Wettbewerb zusätzlich einer für eine herausragende schauspielerische Leistung. Im Wettbewerb „Youngsters“, der nur einen Langfilmwettbewerb umfasst, wird ein einzelner Hauptpreis vergeben.
Kinder und Jugendliche entscheiden über die Gewinner
Die Besonderheit des Festivals ist seit jeher die Zusammensetzung der Jurys. In den Wettbewerben „Kids“ und „Teens“ entscheiden jeweils paritätisch besetzte Gremien über die Preisvergabe: Drei Kinder beziehungsweise Jugendliche im Alter der jeweiligen Zielgruppe sitzen gemeinsam mit drei erwachsenen Branchenprofis in der Jury und urteilen mit gleichem Stimmgewicht. Die „Teens“ müssen auch des Englischen mächtig sein. Im Wettbewerb „Youngsters“ entscheiden sechs junge Erwachsene im Alter von etwa 16 bis 18 Jahren ganz in eigener Regie über die Vergabe eines mit 5000 Euro dotierten Preises.
Die Wettbewerbsfilme richten sich an unterschiedliche Altersstufen: Die Sektion „Kids“ spricht vor allem Kinder im Grundschulalter an, „Teens“ und „Youngsters“ ein älteres, jugendliches Publikum. Popp weist darauf hin, dass die eingereichten Filme „nicht zwingend von jungen Filmschaffenden“ stammen müssten – entscheidend sei, dass die Themen ein junges Publikum ansprächen. Lucas verstehe sich auch nicht als „Nachwuchsfestival für junge Regisseure, sondern als Festival, dessen Filme sich inhaltlich an ein junges Publikum richten“. Vorstellungen der Sektionen „Kids“ und „Teens“ laufen tagsüber vor allem als Schulvorstellungen, zu denen Lehrkräfte mit ihren Klassen kommen können; dann füllen sich die Säle mit Klassenausflügen, Rucksäcken unter den Sitzen und geflüsterten Kommentaren im Dunkeln. Die Filme mit höheren Altersempfehlungen im „Teens“-Wettbewerb sowie der gesamte „Youngsters“-Wettbewerb werden dagegen nachmittags und abends im Kino des DFF gezeigt und richten sich explizit auch an Jugendliche, die auch allein, mit Freunden oder Familien ins Kino kommen.

Eröffnet wird das Festival am 24. September um 18 Uhr im Kino des DFF. Neben einem Einblick in das Programm wird es einige Reden geben und eine Begrüßung durch die Leiterin des Festivals, Julia Fleißig. Um 20 Uhr läuft im Anschluss mit „The Swallows of Kabul“ von Zabou Breitman und Eléa Gobbé-Mévellec der Eröffnungsfilm des Festivals. Der in aquarellhafter Optik animierte Film erzählt, nach dem Roman von Yasmina Khadra, von zwei Paaren im von den Taliban besetzten Kabul des Jahres 1998: einem älteren Ehepaar, das sich in seinem Schweigen verloren hat, und den jungen Liebenden Mohsen und Zunaira, die trotz Gewalt, Verboten und Enge des Alltags an eine gemeinsame Zukunft glauben – bis ein einziger, unbedachter Moment ihr Leben aus der Bahn wirft. Der Animationsfilm aus dem Jahr 2019 ist Teil einer von den „Young European Cinephiles“ kuratierten Reihe zum Thema Gerechtigkeit.
Die „Young European Cinephiles“ sind eine Gruppe von sechs Jugendlichen aus drei unterschiedlichen europäischen Ländern, die sich gemeinsam ein eigenes Thema erarbeiten und dieses beim Festival mit einer selbst kuratierten Filmreihe präsentieren. In diesem Jahr lautet das Thema „Gerechtigkeit“. Dazu zeigt die Gruppe insgesamt drei Filme. Popp ordnet das Format in die Angebote ein, die das Festival unter dem Titel „Mitmischen!“ zusammenfasst: Junge Menschen sollen nicht nur Publikum sein, sondern als Jurymitglieder, Kuratoren, Kritiker oder Festivalreporter das Geschehen selbst mitgestalten.

Ein übergreifendes Motto verfolgt das Festival abseits dieser kuratierten Reihe nicht. Popp sagt, im Wettbewerbsprogramm zeigten sich zwar wiederkehrende thematische Schwerpunkte – etwa Coming-of-Age-Geschichten über junge Menschen auf der Suche nach ihrem Platz in der Welt oder, in diesem Jahr, auch der ein oder andere gesellschaftskritische Film –, „ein festgelegtes Überthema gibt es jedoch nicht“.
Zu den weiteren Höhepunkten des Programms zählt der Festivalsonntag am 27. September unter dem Titel „Lucas für Familien“. Von 10 bis 17 Uhr ist der Eintritt ins DFF an diesem Tag frei, ein Workshop-Programm unter dem Motto „Und … Action!“ bietet unter anderem Einblicke in Spezialeffekte, Beleuchtung und Regieassistenz – wer mag, darf selbst eine kleine Piratenszene nachdrehen. Parallel dazu läuft im Kino des DFF ein kostenfreies Programm mit Filmen aus dem „Kids“-Wettbewerb sowie ein Kurzfilmprogramm für die jüngsten Besucher mit nicht-narrativen, interaktiven Filmen, bei denen das Publikum zwischendurch auch aufstehen, tanzen und laut sein darf, statt still zu sitzen.
Für Fachbesucher findet am Mittwoch, dem 30. September, um 15.30 Uhr im Kino des DFF eine Paneldiskussion zum Thema „Das Kindeswohl im Kino zwischen Kunst, Schutz und Vermittlung“ statt, die sich mit Fragen der Filmbildung und aktuellen Tendenzen der Kinder- und Jugendfilmproduktion befasst. Bereits am Donnerstag, dem 29. September, ist um 11.15 Uhr im Kino des DFF die Veranstaltung „Book to Screen“ angesetzt, bei der es um die Verfilmung literarischer Vorlagen geht. Am letzten Festivaltag, dem 1. Oktober, folgen um 8.45 Uhr im Rahmen der Schulkinotage unter dem Motto „Geschichte verstehen, Zukunft gestalten“ eine Vorführung des Films „Die Welle“ sowie um 11 Uhr im Cinéma der Filmklassiker „Stand by Me“, der in diesem Jahr 40 Jahre alt wird.
Rob Reiners Verfilmung einer Stephen-King-Erzählung schickt vier zwölfjährige Jungen im Oregon der späten Fünfzigerjahre auf eine Wanderung entlang der Eisenbahngleise, um die Leiche eines vermissten Jungen zu finden – und erzählt dabei, zwischen Lagerfeuerabenden und ersten Zigaretten, von Freundschaft, Mut und dem Abschied von der Kindheit. Popp erklärt, die Auswahl sei nicht zuletzt dem Jubiläum geschuldet: Der Film sei dem Festivalteam zuletzt wieder begegnet und als „toller Coming-of-Age-Film“ neu entdeckt worden.
