
Vor der Einfahrt zum Stadion hatte sich eine ungewöhnlich lange Schlange gebildet. Neugierige Fans, Fotografen und Fragensteller wollten wissen: Passiert das gleich wirklich? Übernimmt Sandro Wagner mit Hannover 96 tatsächlich einen seit acht Jahren zweitklassigen Profiverein?
In der Tat stellt sich eine der bekannteren Persönlichkeiten des deutschen Fußballs nun in der zweiten Reihe an und findet das auch schlüssig. „Ich bin eigentlich ein ganz normaler Mensch“, sagte Wagner bei seiner Vorstellung als neuer Cheftrainer von Hannover 96. „Ich habe richtig Bock auf die Aufgabe. Hier kann etwas richtig Cooles entstehen.“ Dass Dutzende Kameras und Objektive auf ihn gerichtet waren, während er Sätze wie diese sagte, perlte am routinierten Wagner ab.
Um herauszufinden, wie gut die Personalie Wagner und die Gemengelage in Hannover zusammenpassen, steht eine ideale Saisonphase an. Während der dreiwöchigen Länderspielpause kommt auf den Prüfstand, was der neue Trainer will und was die maßgeblich für seinen entlassenen Vorgänger Christian Titz zusammengestellte Mannschaft kann. Am Sonntag ist Hannover 96 der erste Heimsieg nach acht Monaten gelungen. Fast 40.000 Zuschauer ließen beim glücklichen 2:1-Erfolg gegen den VfL Bochum erkennen, wie groß die Sehnsucht nach Spektakel, mehr Erfolg und einer Rückkehr in die 1. Liga ist.
„Wir wollen keinen kompletten Stilbruch“
Der Wechsel vom introvertierten Titz zum medienwirksamen Wagner fühlt sich wie eine Flucht nach vorne an. Der neue Vordenker im sportlichen Bereich dürfte Hannover mehr Mut, Hoffnung und Aufmerksamkeit bescheren. „Hannover ist ja schon eine bundesweit bedeutende Stadt“, findet Wagner. Sätze wie diese lassen aufhorchen, sie werden in den kommenden Monaten auf die Goldwaage gelegt werden.
In Hannover erwartet den 38 Jahre alten Wagner, seit Januar Inhaber der UEFA-Pro-Lizenz, eine interessante Gemengelage. Unter seinem Vorgänger Titz hatte der Versuch, mit einer klaren Spielidee und viel Wucht in der Offensive den Aufstieg zu schaffen, in der Vorsaison fast zum Erfolg geführt. Weil die Mannschaft in der aktuellen Spielzeit bisher eher Rückschritte gemacht hat, wird jetzt eine Kurskorrektur vorgenommen – initiiert von einem gestaltungswilligen Vorgesetzten.
„Wir wollen keinen kompletten Stilbruch. Auch Sandro Wagner steht für mutigen, offensiven Fußball – und für Flexibilität“, erklärt der im Juni zum Geschäftsführer Sport berufene Jonas Boldt. Für ihn gilt wie für Wagner: Beide wollen die 2. Liga als Chance nutzen, sich selbst und die Menschen um sich herum zu entwickeln. Ihre Vision ist bei Martin Kind, dem langjährigen Mäzen und Funktionär bei Hannover 96, offenbar bestens angekommen und hat eine sinnvolle Schnittmenge ergeben.
Das große mediale Interesse an seiner Person ist Wagner bewusst und nicht egal. Er kennt das Bild, das von ihm zu seiner Zeit als erfolgreicher Torjäger und danach als Trainer gezeichnet wurde, natürlich bestens. Als Spieler unter anderem im Trikot von Bayern München, Hertha BSC Berlin und Werder Bremen, ist er als treffsicher, frech und provokant in Erinnerung geblieben. Als Ko-Trainer der U-20-Nationalmannschaft und später als Zuarbeiter des früheren Bundestrainers Julian Nagelsmann wurden ihm herausragende Fähigkeiten im Bereich Taktik und Analyse bescheinigt. Und als ehemaligem Chefcoach des Erstligisten FC Augsburg hängt ihm bis heute der Ruf an, sich selbst und seine öffentlichen Erklärungen zu wichtig genommen zu haben.
Wagner redet wie einer, der sich geerdet zeigen will
Ende 2025 war Wagner in Augsburg nach einer nur fünfmonatigen Amtszeit entlassen worden. „Ich versuche immer, mich zu reflektieren“, sagte der neue Trainer von Hannover 96 an seinem ersten Arbeitstag. Er sprach dabei auffällig leise und zurückhaltend – wie einer, der sich geerdet fühlt und bewusst auch so zeigen will.
Die Spieler von Hannover 96 stehen dank der Verpflichtung von Wagner vor der Frage: Bekommen wir es jetzt mit einem Vorgesetzten zu tun, der die Methode Florett oder Vorschlaghammer bevorzugt? Ihr neuer Cheftrainer sieht sich eher in der Rolle des freundlichen, aber auch einfordernden Mitmenschen. Ein Du ist für ihn im Arbeitsalltag okay. Das damit in der Regel verbundene Vertrauen soll ab sofort gemeinsam erarbeitet werden. „Es ist mein Anspruch, Spieler zu entwickeln und Talenten eine Plattform zu geben“, sagt Wagner über seine Idee des Trainerjobs und als Entwickler einer modernen Spielidee.
Mit ihm ist in Hannover auch die Hoffnung verbunden, dass sich junge, talentierte Spieler für einen Verein interessieren, der gegen Unruhe und Streit in der Öffentlichkeit bisher keine Abneigung hatte. Über Hannover 96 ist im vergangenen Jahrzehnt meistens gesprochen worden, wenn es um die Einhaltung der 50+1-Regel zur Eindämmung von Investoreninteressen oder um Streit mit den eigenen Fans ging. Jetzt rückt die Frage in den Vordergrund: Kann einer wie Wagner auch Liga zwei, Demut und Aufbauarbeit?
In der vergangenen Saison hatte Hannover 96 versucht, mit 16 Neuzugängen den Aufstieg zu erzwingen. Der sogenannte Titz-Fußball sollte den Gegner mit viel Ballbesitz erdrücken. Was grundsätzlich gut funktioniert hat, brachte das körperlich stark beanspruchte Team aber auch an die eigenen Grenzen. Weil Titz davon nicht abrücken mochte, verlor er den Zuspruch. Tücken wie diese sind Boldt nicht verborgen geblieben. Als der Erfolg ausblieb und keine Änderungen in Sicht kamen, sah sich der Geschäftsführer zum Handeln gezwungen. Mit der Verpflichtung von Wagner ist Boldt in Hannover jedenfalls etwas gelungen, womit im Umfeld dieses im Niemandsland der 2. Bundesliga positionierten Verein kaum einer gerechnet hatte.
