Wer durch ein Fernrohr schaut, ist oft noch weit weg von seinem Ziel. Bei Remco Evenepoel ist es umgekehrt. Rollt der belgische Radprofi als Erster über den Strich, legt er neuerdings eine Hand an sein Auge, als würde er durch etwas in die Ferne starren, während der Zeigefinger der anderen Hand zum Horizont deutet, als gäbe es dort etwas Neues zu entdecken.
Dabei ist die Ordnung stets dieselbe, wenn es wie am Sonntag bei der Weltmeisterschaft im Zeitfahren zum Kampf gegen die Uhr kommt: Evenepoel ist dann so weit vorn, dass die Konkurrenten ihn selbst mit einem Fernglas nicht mehr sehen könnten, wenn alle gleichzeitig und nicht nacheinander losfahren würden.
Fast eine ganze Minute landete Evenepoel in Montreal vor dem italienischen Spezialisten Filippo Ganna. Der hat seine größte Stärke im Zeitfahren, richtet seine Saison auf solche Höhepunkte aus, fuhr am Sonntag nach eigenen Angaben persönliche Bestwerte über 45 Minuten – und hatte trotzdem nicht den Hauch einer Chance. 57 Sekunden Rückstand auf einem überwiegend flachen Kurs mit mehr als 39 Kilometern: Das sind Welten, die den Ersten vom Zweiten trennten. Und wieder einmal wurde deutlich, dass Remco Evenepoel der mit Abstand beste Zeitfahrer seiner Generation, vielleicht sogar der Geschichte des Radsports ist.
WM-Rekord eingestellt
Mit seinem vierten WM-Titel stellte er einen Rekord ein, den sich bisher der Deutsche Tony Martin und der Schweizer Fabian Cancellara teilten. Doch niemand zuvor gewann viermal in Serie. Und Evenepoel ist erst 26 Jahre alt. Seine Überlegenheit speist sich aus seiner Position auf dem Rad. Keiner liegt so flach auf wie der Belgier vom deutschen Team Red-Bull-Bora-hansgrohe. Keiner ist so aerodynamisch. Deshalb kann er selbst rund 15 Kilogramm schwerere Spezialisten wie Ganna deklassieren. Evenepoel hat das Glück, mit besonderen physiologischen Voraussetzungen geboren zu sein. Und das Pech, dass er diese in der heutigen Zeit so selten ausnutzen kann.
Früher hatte das Zeitfahren noch eine viel größere Bedeutung. Anfang der 2000er gab es bei der Tour de France stets über 100 Kilometer im Kampf gegen die Uhr. In den Jahren 2002 und 2003 waren es sogar über 170. Bei den vergangenen vier Austragungen kam das größte Rennen des Jahres nur einmal auf über insgesamt 50 Kilometer während der gesamten drei Wochen.
Es ist etwas ins Ungleichgewicht geraten im Radsport. Kletterer, Ausreißer, Sprinter – sie alle haben in einer dreiwöchigen Rundfahrt mehr oder weniger fünf bis sieben Chancen, sich einen Sieg zu holen. Die Zeitfahrer kommen meist auf eine, maximal zwei oder drei. Und dann handelt es sich häufig bei einer davon noch um ein Bergzeitfahren, in dem ohnehin die Klassementfahrer vorne landen. Die Argumentation der Tour-Organisatoren: Beim Zeitfahren passiert zu wenig. Es werden die immer gleichen Bilder produziert. Dabei kann auch der Kampf gegen die Uhr seinen Reiz auf die Zuschauer haben, wenn die Übertragung richtig inszeniert wird.
Evenepoel hat viele Stärken. Er kann klettern, wie er bei der diesjährigen Tour als Gesamtzweiter bewiesen hat. Er ist explosiv genug, um bei großen Klassikern um den Sieg mitzufahren, weshalb er auch ins Straßenrennen am kommenden Sonntag als einer der Favoriten geht. Doch seine größte Stärke – vor allem im Vergleich zum derzeit verletzten Dominator Tadej Pogačar, dem er im rund 26 Kilometer langen Einzelzeitfahren mit 470 Höhenmetern bei der diesjährigen Tour fast 30 Sekunden abnahm – kann er bei den großen Rennen zu selten ausspielen. Noch jedenfalls. Denn die Möglichkeit, dass sich das wieder ändert, besteht weiterhin.
Der neue Chef des italienischen Rennveranstalters RCS kündigte jüngst an, beim Giro d’Italia wieder auf mehr Zeitfahrkilometer setzen zu wollen: „Ich habe Zeitfahren schon immer geliebt und möchte sie wieder ins Rampenlicht rücken“, sagte Luca Guercilena kürzlich. „Ich möchte ein besseres Gleichgewicht zwischen Zeitfahren und Bergetappen herstellen, um das Spektrum potentieller Sieger zu erweitern.“
Ob sich die Tour daran vielleicht sogar ein Beispiel nehmen könnte? Viel deutet im Moment nicht darauf hin, obwohl das eine mögliche, aktuell vielleicht sogar die einzige Option wäre, das Rennen spannender zu gestalten, weil Pogačar auf diesem Feld nicht so überlegen ist wie auf allen anderen. Aber vielleicht kommen die Organisatoren ja doch noch mal ins Grübeln. Auf einem starken dritten Platz landete am Sonntag der 19 Jahre alte Paul Seixas. Er ist mit 1:13 Minuten noch weit weg von Evenepoel, macht aber Fortschritte in dieser Disziplin – und bringt etwas mit, das in der Vergangenheit schon mal den Ausschlag geben konnte für Anpassungen am Streckendesign einer Tour: Er ist Franzose.
Franziska Koch sichert sich Bronze
Franziska Koch hat einen Gold-Coup im Einzelzeitfahren der Straßenrad-Weltmeisterschaften verpasst, der deutschen Mannschaft aber einen überraschend starken Auftakt beschert. Die deutsche Meisterin gewann auf dem 39,2 Kilometer langen Kurs von Montreal Bronze, zur siegreichen Titelverteidigerin Marlen Reusser fehlten ihr 45,54 Sekunden. Silber ging an die junge Britin Zoe Backstedt, die 40,11 Sekunden langsamer als die Schweizerin war.
„Der Kurs kam mir mit seinen Wellen sehr entgegen. Ich habe gleich nach dem Start gemerkt, dass heute ein guter Tag wird. Ich bin wirklich sehr glücklich mit dieser Bronzemedaille“, sagte Koch nach dem längsten Zeitfahren der WM-Geschichte. „Ich habe versucht, nicht zu übermütig zu sein. Man musste sich seine Kräfte einteilen, und erst am Ende kann man anfangen, den Tank komplett leer zu fahren.“
Die im Vorfeld ebenfalls als Medaillenkandidatin eingeschätzte Antonia Niedermaier erwischte keinen guten Tag und belegte am Ende Platz sieben mit 1:49 Minuten Rückstand. In der WM-Geschichte hatte es bisher viermal Gold für deutsche Radrennfahrerinnen gegeben, Hanka Kupfernagel (2007), Judith Arndt (2011, 2012) und Lisa Brennauer (2014) hatten triumphiert. (dpa)
