Vorbei an den alten Zapfsäulen mit Vintage-Appeal, dann in einen Golfbuggy und sich die spiralförmigen Rampen zur Kunst hinaufchauffieren lassen: Dieses Vergnügen gönnten sich zuletzt zahlreiche Besucher der Astoria Artshow in Wien, die mit einer besonderen Location lockte. Rund 80 Galerien – die Hälfte davon international – stellten in der Astoria Garage aus, einem Juwel der Automobilarchitektur aus den Zwanzigerjahren. Wie sich dort die Auffahrtsrampen unter einer Glaskuppel nach oben winden, wurde prompt mit dem Guggenheim Museum verglichen. Und in der Tat boten die ambitionierten Solo-Präsentationen auf drei Parkdecks allerhand auf, das auch dem New Yorker Kunsttempel gut zu Gesicht stünde, etwa eine große Aluplastik von Franz West bei Wienerroither & Kohlbacher, Skulpturen aus Wollfäden von Sheila Hicks bei Rosemarie Schwarzwälder oder Amoako Boafos Porträtgemälde bei Art Kratochwill.
Für Kenner der Wiener Kunstszene lag die Überraschung allerdings weniger im Schauplatz oder in der Qualität des Angebots als in der Tatsache, dass diese Messe überhaupt zustande gekommen war. Hinter der Astoria Artshow steht der Verein Vienna Art United (VAU), den drei Dutzend österreichische Galeristinnen und Galeristen erst im April gegründet haben. Unterstützt von diesem Verband, stellte ein kleines Team innerhalb weniger Monate die gelungene Veranstaltung auf die Beine. Die Initiative reagierte auf Ausfälle im Wiener Kunstmessenkalender, mit denen sich die Galerien nicht abfinden wollten.
Zuerst hagelte es lauter Absagen
Zu Jahresbeginn hatten Absagen den österreichischen Kunsthandel schockiert. Als Erste gab die Viennacontemporary ihr Ende bekannt; sie musste aufgrund zu hoher Schulden ihre Aktivitäten einstellen. Kurz darauf und gänzlich unerwartet sagte schließlich auch die Spark Art Fair ihren diesjährigen Termin im März ab. Die Messe wolle eine „strategische Pause“ einlegen, hieß es vom Management. Die 90 angemeldeten Galerien hatten das Nachsehen – ein fatales Signal für den Standort Wien.
Dem Doppel-Storno gingen bereits jahrelange Querelen voran. Die Viennacontemporary hatte als international ausgerichtete Messe zeitgenössischer Kunst seit 2015 gut funktioniert. Als sie sich jedoch von ihrem langgedienten Geschäftsführer Renger van den Heuvel trennte, initiierte dieser 2021 die Spark Art Fair. Die neue Konkurrenz punktete bei den Galerien nicht nur mit günstigeren Standmieten und einer neuen Messearchitektur, sie bootete auch die Viennacontemporary an ihrem Standort in der Marx-Halle aus. Für den Platzhirsch begann eine Zeit nomadischer Gastspiele und des Kräftemessens. Gleichzeitig wurde immer wieder die Frage laut: Können sich in Wien überhaupt zwei Messen wirtschaftlich tragen?

Markus Peichl, Medienveteran und Geschäftsführer der in Wien sowie Berlin ansässigen Galerie Crone ist eine der treibenden Kräfte hinter der Astoria Artshow. Er vergleicht diese (Fehl-)Entwicklung mit Berlin nach der Jahrtausendwende: Damals habe das Art Forum Berlin eine zentrale Rolle für den Aufstieg zur europäischen Kunsthauptstadt gespielt. „Aber dann kam die Konkurrenz, und die Messen haben sich zerstritten, zerfleischt und gegenseitig kannibalisiert“, kritisiert Peichl. Etliche Kollegen hätten schließlich an gar keiner Messe mehr teilgenommen. „Jeder schaute mehr auf sich selbst als auf das Gesamtbild.“ Dadurch wurde der Messestandort Berlin immer unbedeutender, was im Endeffekt wieder dem Standort schadete.
Was Berlin in den vergangenen Jahren an Strahlkraft verloren hat, konnte Wien gewinnen. Die Galerienlandschaft wuchs kontinuierlich und wurde immer internationaler. Nicht nur die Museen und Kunsthallen haben viel zu bieten, auch die freie Szene selbstorganisierter, von Künstlern betriebener Kunstorte boomt dank öffentlicher Förderungen. Diese Dynamik werde endlich auch im Ausland stärker wahrgenommen, sagt Peichl und betont die Rolle der Neuzugänge. Der solidarische Geist und Zusammenhalt, der die in so kurzer Zeit organisierte Astoria Artshow ermöglichte, sei maßgeblich der nachrückenden Generation zu verdanken.
Neugründungen und Generationenwechsel unter den Galerien
Bei den Galerien der über Dreißigjährigen handelt es sich einerseits um Neugründungen, andererseits um Übernahmen. Zum Beispiel Maximilian Thoman, der seit einigen Jahren die von seinen Eltern in Innsbruck und Wien aufgebauten Galerien führt. Der Tiroler hat die Astoria Garage als Veranstaltungsort gefunden und konnte den Besitzer überzeugen, sein fast leer stehendes Parkhaus dem Galeristenverein VAU gegen eine geringe Aufwandsentschädigung zu überlassen.
Der Astoria Artshow ist es laut Peichl als erster Messe überhaupt gelungen, Förderungen vom Bund und von der Stadt Wien zu bekommen – Zahlen werden allerdings nicht genannt. Die finanziellen Vorteile gaben die Veranstalter an ihre Aussteller weiter: In der minimalistisch und offen gestalteten Ausstellungsarchitektur stand jeder Galerie dieselbe Fläche zur Verfügung, aber die Platzmieten waren je nach Umsatzstärke der Teilnehmer gestaffelt (maximal 2500 Euro). Auch das Publikum profitierte durch günstige Tickets zum Preis von um 15 Euro, die für alle vier Tage der Messe gültig waren. Rund 16.000 Besucher hat die Veranstaltung, die auf dem Dach außerdem einen Barbetrieb bot, gezählt.

Eine Kunstmesse im Herbst war den Ausrichtern auch deswegen ein solches Anliegen, weil jeden September das Festival „Curated by“ internationales Publikum nach Wien lockt. Dieser vierwöchige Reigen, der seit 2009 jährlich stattfindet, umfasst inzwischen 24 Ausstellungen. Mit einem öffentlichen Zuschuss von je 9000 Euro können die teilnehmenden Galerien einen Kurator ihrer Wahl dazu einladen, ihre Räume zu bespielen. Das diesjährige Motto „Love“ mag banal klingen, aber es entstammt einem eigens für das Festival verfassten Essay der Autorin Ariana Reines, in dem sie Liebe weniger als romantisches Gefühl denn als Kraft für gesellschaftlichen Wandel beschreibt. Insofern passt der Titel auch zu den positiven Strömungen, die auch die Astoria-Macher beflügelten.
Die Spark Art Fair kehrt im nächsten Jahr zurück
In der Zwischenzeit hat zudem die Spark Art Fair ein Lebenszeichen gesendet und ihre Rückkehr im Frühjahr 2027 bestätigt. Im Interview schildert Geschäftsführer Niclas Schmiedmaier die Ideen, die in der Besinnungspause bisher entstanden sind. Zum Beispiel soll die Spark zu einer „Plattform“ werden, auf der Künstler ohne Galerien ausstellen können. „Konkurrenz ist nie schlecht“, meint der Manager der Messe, die durch ihren Rückzug so viele verstimmt hat, über die Astoria Artshow. Aber warum hat die Spark trotz guter Nachfrage und des Wegfalls der Konkurrentin Viennacontemporary 2026 wirklich abgesagt? Schmiedmaier nennt schließlich doch finanzielle Gründe. Die Betreibergesellschaft habe die Differenz, die durch die einheitlichen Standkosten von 7500 Euro und die anfallenden Realkosten von 12.000 Euro entstanden sei, nicht mehr sponsern wollen. Offen bleibt, wie sich dieses ungewollte Defizit mit der Ankündigung verträgt, dass die Preise bei der kommenden Spark in etwa gleich bleiben sollen.
Und was planen die Astoria-Macher für die Zukunft? Während Peichl eine herbstliche Vienna Art Week vorschwebt, die gemeinsam mit einer „richtigen“ Messe stattfindet, möchten andere lieber das Boutique-Format und den ungewöhnlichen Ort beibehalten. Leider ändert der Zuspruch für die DIY-Garagenmesse nichts daran, dass auch der österreichische Kunsthandel unter der Marktflaute leidet. Hinter vorgehaltener Hand wird immer öfter gemunkelt, welche Galerien demnächst schließen werden müssen. Für den Moment stimmt es aber positiv, dass sich die Spirale auch mal nach oben drehen lässt.
