Das verheerende Erdbeben vom 24. Juni, bei dem mehr als 6000 Menschen ums Leben kamen und nach dem immer noch Zehntausende Menschen vermisst werden, habe die an Not aller Art gewohnte venezolanische Bevölkerung nun wirklich „fast auf die Knie gebracht“, sagt Gabriela Montero. Die seit 16 Jahren im Exil lebende venezolanische Pianistin, Komponistin und Menschenrechtsaktivistin, die im Eröffnungskonzert des Kronberg Festivals am 22. September mit dem hr-Sinfonieorchester auftritt und dabei auf Initiative der Kronberg Academy mit dem „Pablo Casals Award – For A Better World“ ausgezeichnet wird, ringt sichtlich mit der Fassung, wenn sie über die Lage in ihrer Heimat berichtet.
So schwer es ihr mit Blick auf Zurückgelassene, Freunde und Angehörige auch fällt, hat sie sich doch vorgenommen, erst wieder nach Venezuela zurückzukehren, wenn das Land frei und demokratisch ist. Davon ist man aus ihrer Sicht auch nach der militärischen Intervention der Vereinigten Staaten vom Januar, im Zuge derer der Machthaber Nicolás Maduro in die USA gebracht und dort inhaftiert wurde, meilenweit entfernt. Die Interimspräsidentin Delcy Rodríguez habe schon unter Maduro zu den „Top Five“ der kriminellen Köpfe des Landes gezählt, sagt die 1970 in Caracas geborene Pianistin.
Am Wohl der Bevölkerung, am eigentlichen Regieren, sei angefangen von Maduros Vorgänger Hugo Chávez innerhalb der „mafiösen Strukturen“ nie jemand interessiert gewesen. So seien Ausbildungs- und Arbeitsmarkt, Gesundheitswesen, die infrastrukturelle, wirtschaftliche und finanzielle Entwicklung zusammengebrochen. Nach wie vor gebe es zudem viele politische Häftlinge in den Foltergefängnissen.
„Weil wir Künstler sind, müssen wir involviert sein“
Acht Millionen Menschen haben das Land verlassen, seit Chávez 1999 als Staatspräsident die Macht an sich zog, ein Viertel der ursprünglichen Bevölkerung. Das Ausmaß der Unmenschlichkeit habe die Oppositionellen dabei bald schon nicht mehr überrascht. In ihren öffentlichen Statements habe sie zu allen Missständen immer nur belegte Fakten geboten, hebt Montero hervor. Durch eine „Gruppe von Experten“ fühlt sich Montero auch über die aktuelle Lage weiterhin gut informiert. Die Situation sei allerdings sehr komplex und schwer zu verstehen, räumt sie ein. Und: „Ich will keinen falschen Schritt machen.“
Mit Pablo Casals, „mit seinen Prinzipien und seiner Haltung gegenüber Diktatoren“ fühlt sich Montero sehr verbunden. Casals verließ Spanien 1936 nach Ausbruch des Spanischen Bürgerkrieges und kehrte in Opposition zum Franco-Regime von 1939 an zeitlebens nie mehr in die Heimat zurück, „obwohl ihn das viel kostete“, wie Montero sagt. Casals’ Ausspruch „In erster Linie bin ich Mensch, in zweiter ein Künstler“ habe sie schon immer auf sich selbst angewendet, abgewandelt als: „In erster Linie bin ich eine venezolanische Frau und Mutter.“ Die Essenz für sie ist: „Weil wir Künstler sind, müssen wir involviert sein, emotional“, sagt sie.
Musik kann auch missbraucht werden
Dass Musik die Welt verändern könne, sei allerdings ein Mantra, das auch gefährlich werden könne. Musik könne zum Beispiel Kinder und die Öffentlichkeit verändern oder beeinflussen. Gerade deshalb könne sie auch von repressiven Systemen benutzt werden, „um etwas zu verstecken“. Musik sei jedoch geradezu umgekehrt dazu da, „etwas zu offenbaren“.
Eine Komposition, in der Montero etwas offenzulegen versucht, ist ihr 2024 entstandenes Klavierquartett „Canaima“. Darin nimmt sie auf die Umweltzerstörung im titelgebenden Nationalpark im Südosten Venezuelas Bezug. Von der und Schlimmerem habe ihr eine Freundin berichtet, die in der Organisation SOS Orinoco aktiv sei. Um an die Bodenschätze zu kommen, seien so im Nationalpark viele Minen angelegt worden. Durch Sprengungen und das Einleiten von giftigen Substanzen seien auch indigene Menschen getötet worden. Ein traditionelles Lied einer indigenen Frau hat Montero in ihrem Werk verarbeitet.
Dass sie aus vorgegebenen Melodien auch spontan musikalisch Erstaunliches entwickeln kann, ist bekannt und geradezu ihr Markenzeichen. Als Grundlage für ihre Improvisationen, die sie gerne als Zugabe spielt, lässt sie sich aus dem Publikum immer eine Liedmelodie vorsingen. Die Fähigkeit, nach dieser Art zu musizieren, sog sie im wahrsten Sinne schon mit der Muttermilch auf. So sang ihr als Baby ihre Mutter Kinder- und Schlaflieder vor. Das ist normal, sehr ungewöhnlich aber, dass sie diese auf einem elektronischen Kinderklavier, das ihr zum Spielen ins Bettchen gelegt worden war, bald nachzuspielen begann, schon im Säuglingsalter. Es gebe alte Kassetten mit Aufnahmen, auf denen sie dann als Zweijährige viele solcher Melodien spiele, versichert Montero.
Monteros Improvisationstalent ist 2020 an der Johns Hopkins University School of Medicine in Baltimore sogar schon in einer wissenschaftlichen Fallstudie unter der Leitung des Neurowissenschaftlers Charles Limb untersucht worden. Mit einer speziellen MIDI-Tastatur und Kopfhörern lag sie dazu in einer Röhre für funktionale Magnetresonanztomographie (MRT). Während des Improvisierens sprachen demnach bei ihr völlig andere Hirnareale an als beim Vortrag einer klassisch notierten Komposition. So wurde beim Extemporieren ihr visueller Kortex aktiviert, der sonst gar nichts mit Musik zu tun hat.
Kann sie unter diesen speziellen Voraussetzungen überhaupt lehren, wie man improvisiert? Nein, das könne sie nicht, antwortet Montero: „Ich kann es nur vormachen und zeigen, und ich kann den Studenten, die danach fragen, den Wert der Improvisation erklären.“ Mit Blick auf das klassische Musizieren sagt sie: „Wir sind so fixiert auf das Ergebnis. Wir sollten mehr Achtsamkeit auf die Reise, auf die Erkundung richten – ohne das Ergebnis zu beurteilen. Das ist auch ein Zugang zur Musik.“
Monteros Improvisationskunst war es auch, die eine bekannte deutsche Schauspielerin besonders faszinierte, die nun zur Preisvergabe im Eröffnungskonzert die Laudatio halten wird: Maria Furtwängler habe über ihren Agenten den Kontakt zu ihr gesucht, erzählt Montero, und sei nun schon seit vielen Jahren eine ihrer engsten Freundinnen. Furtwängler sei ihr sofort sympathisch gewesen, ohne dass sie überhaupt gewusst habe, wer sie sei. Erst nach zwei Jahren, als sie bemerkt habe, wie ihre Freundin bei Empfängen in Deutschland angestarrt worden sei, habe sie ihren Namen gegoogelt, sagt Montero und lacht. Darauf, was die Freundinnen zum Awards „For A Better World“ zu sagen haben, darf man gespannt sein.
