
Nur einige Gehminuten von den Touristenmassen vor der Kathedrale Notre-Dame in Paris entfernt liegt die Kirche Saint-Nicolas-du-Chardonnet. Für Besucher in dem Gotteshaus gelten strikte Kleidervorschriften. Dass Touristen in Shorts und Sandalen wie in Notre-Dame durch die Kirche schlendern, verbittet man sich. Auf einem großen Schild am Eingang stehen die Regeln.
Frauen werden aufgefordert, als Ausdruck der Ehrfurcht ihr Haupt zu bedecken. Tatsächlich ziehen die weiblichen Gemeindemitglieder beim Betreten der Kirche Kopftücher oder Mantillas aus der Handtasche und verstecken ihre Haare. Die Priester stehen die meiste Zeit mit dem Rücken zur Gemeinde. Die Messe wird in Latein gehalten. Die Gläubigen verbringen die meiste Zeit kniend. Auch zur Kommunion knien sie nieder, die Priester legen die Hostie direkt auf die Zunge. Saint-Nicolas-du-Chardonnet bildet mitten im Herzen der französischen Hauptstadt eine Enklave der katholischen Traditionalisten der Piusbruderschaft.
Der Pariser Erzbischof will eine Eskalation vermeiden
Seit 1977 wird die katholische Kirche von den Anhängern des Erzbischofs Marcel Lefebvre „besetzt“. Offiziell liegt ein Räumungsbeschluss vor. Doch auf einen offenen Konflikt mit der Piusbruderschaft will es die französische Amtskirche seit fast einem halben Jahrhundert nicht ankommen lassen. Der Erzbischof von Paris, Laurent Ulrich, duldet auch nach den jüngsten Exkommunikationen des Vatikans, dass die zu seiner Diözese zählende Kirche sich nicht seiner Autorität unterwirft. Vor dem Papstbesuch in Frankreich vom 25. bis 28. September will er jegliche Eskalation vermeiden, zumal die Piusbruderschaft beim Vatikan Rechtsmittel gegen das Exkommunikationsdekret eingelegt hat.
Die 1970 von Erzbischof Lefebvre gegründete Priesterbruderschaft St. Pius X. stellt nur eine kleine Minderheit der Katholiken in Frankreich dar, aber dafür eine einflussreiche und finanziell gut ausgestattete. Der Kirchenhistoriker Paul Airiau verweist darauf, dass es sich nicht um eine gänzlich geschlossene Gemeinschaft handelt. Es bestehen weiterhin viele Verbindungen, etwa über die Priester der Piusbruderschaft, die Religions- und Katechismusunterricht anbieten.
An den öffentlichen Schulen in Frankreich findet im Namen der Trennung von Staat und Kirche seit 1905 kein Religionsunterricht statt. Deshalb gibt es die sogenannte Schulseelsorge außerhalb der Unterrichtsstunden. Zudem unterhält die Piusbruderschaft in Frankreich eigene Schulen, Universitätsinstitute und Altersheime sowie etwa 200 Kirchen und Kapellen. Frankreich ist neben der Schweiz und den USA der wichtigste „Distrikt“ der weltweit tätigen Piusbruderschaft. Die Zahl der sich zu der Fraternité bekennenden Gläubigen wird in Frankreich auf etwa 50.000 geschätzt.
Die Kritik an den Beschlüssen des Zweiten Vatikanischen Konzils wird weit über die Piusbruderschaft hinaus von den Traditionalisten geteilt, meint Airiau. Traditionalistische Bewegungen wie etwa Notre-Dame de Chrétienté erleben seit mehreren Jahren einen beachtlichen Zustrom. Die Pfingst-Fußwallfahrt von Paris nach Chartres etwa zieht immer mehr junge Leute an. Über die einflussreiche Mediengruppe des traditionalistischen bretonischen Milliardärs Vincent Bolloré wird die Botschaft verbreitet, dass das „ewige Frankreich“ über eine Rückkehr zum „echten“ Katholizismus gerettet werden müsse.
„Marine Le Pen hat die Traditionalisten marginalisiert“
Kirchenhistoriker Airiau betont, dass es bei etlichen französischen Katholiken ein Gefühl der Ungleichbehandlung gebe. Während der Vatikan den „Synodalen Weg“ in Deutschland toleriert habe, werde die Rückbesinnung auf bis zum Zweiten Vatikanischen Konzil geltende Grundsätze scharf geahndet. Überspitzt gesagt, würden die von der deutschen Bischofskonferenz geforderte lehramtliche Neubewertung der Sexualität, die Zulassung von Frauen zum Diakonat und die Segnung von Homosexuellen kritisch gebilligt, während die französische Gegenbewegung hin zu traditioneller Sexualmoral und Geschlechtertrennung hart sanktioniert werde.
Die Piusbruderschaft in Frankreich verfügt seit jeher über Verbindungen in Politik und Armee. Der langjährige Generalstabschef der französischen Streitkräfte (2010 bis 2016), Benoît Puga, gehört der Gemeinde in St-Nicolas-du-Chardonnet an. Sein Bruder war dort Priester. Eines von Pugas elf Kindern, Thomas Puga, ist seit 2025 der Kommandant des französischen Flugzeugträgers Charles de Gaulle. Marine Le Pen ließ ihre drei Kinder in St-Nicolas-du-Chardonnet taufen. Das war ihrem Vater Jean-Marie Le Pen geschuldet, der am Rande von Parteiversammlungen Messen von der Piusbruderschaft organisieren ließ.
Vor seinem Tod empfing Le Pen die Krankensalbung durch Priester Philippe Laguérie, der zu den ersten von Lefebvre geweihten Priestern zählte, 2004 aber ausgeschlossen wurde. Doch unter Marine Le Pen ist die Verbindung abgebrochen, da sie Homosexuelle in ihrer Partei förderte und nur widerwillig gegen die aktive Sterbehilfe protestierte. „Marine Le Pen hat den traditionalistischen Flügel in ihrer Partei marginalisiert“, sagt Historiker Airiau.
Die Piusbruderschaft hat mit der sogenannten Kommission Sauvé (CIASE) zusammengearbeitet, die das Ausmaß von sexuellem Missbrauch in der katholischen Kirche aufdeckte. Aber anders als die Amtskirche gab sie keinen Einblick in ihre Archive. In einem 2019 veröffentlichten Schwarzbuch listen Betroffene die Missbrauchsfälle auf. Aber auch andere Formen von Missbrauch seien in der Piusbruderschaft weitverbreitet. So würden ältere, kranke Menschen mit dem Versprechen des Seelenheils dazu verführt, ihr Vermögen der Glaubensgemeinschaft zu vermachen. Die Piusbruderschaft sei „eine Institution, in der Geld ebenso wichtig ist wie die Lehre“, heißt es im Vorwort des von einem Kollektiv geschriebenen Schwarzbuches.
