Larry Crichtons Antwort auf die Frage, welche Aufgaben er dieser Tage auf dem Frankfurter Oktoberfest habe, ist kurz wie eindeutig: „Ey, renne’!“ sagt der 54 Jahre alte Frankfurter. Er muss Probleme lösen, wenn welche auftauchen. Schnell, ohne Zögern. Und gelegentlich sieht man ihn dabei zumindest flott gehen oder gar tatsächlich im Laufschritt. Wenn mal ausnahmsweise längere Zeit alles läuft wie gewünscht, dann steht er an diesem Abend vornehmlich an der Champagnerbar im Festzelt auf dem Parkplatz P9 am Waldstadion und schenkt edlen Schaumwein aus. Er erzählt bester Laune über den Trubel, den er zu bewältigen hat. Crichton ist nämlich gern unter Menschen.
„Natürlich denkst Du Dir manchmal: Wie ist der denn drauf? Was ist die für eine? Was wählt der wohl?“, sagt Crichton. „Aber das darf für mich nicht zählen und so kommen wir nicht weiter. Wir müssen alle im Gespräch miteinander bleiben.“ Das Oktoberfest sei solch ein Ort, wo das geschehen kann. Aber auch Volksfeste wie die Dippemess, der Wäldchestag, das Mainfest, die Kerb in Dreieichenhain oder der Frankfurter Weihnachtsmarkt, auf denen Crichton von März bis Heiligabend tätig ist.
Crichton arbeitet für Festhalle Hausmann, eine der großen Schaustellerfamilien der Region mit dem Familienoberhaupt Eddy Hausmann als legendärer Galionsfigur an der Spitze. Die Brüder Dennis und Patrick führen seit einigen Jahren die Geschäfte. Der in Großkrotzenburg aufgewachsene Sohn eines amerikanischen Soldaten gehört nach anderthalb Jahrzehnten gewissermaßen schon zur Familie. Er hat eine besondere Rolle in dem Unternehmen inne, das auf allen großen Volksfesten der Region mit Imbiss- und Getränkeständen vertreten ist. Im Herbst fordert das Oktoberfest fünf Wochen lang die gesamte Aufmerksamkeit der Belegschaft ein. Jeder Hausmann-Stammgast kennt ihn, immer wieder ruft jemand fröhlich nach „Larry“.
Crichton kennt die Sorgen und Nöte
Crichton mag diese Art der Kontaktpflege, er geht auf die Menschen ein, seien es neue Gäste oder altbekannte. „Wir haben ja so unsere besonderen Begleiter, die fast jede Woche da hinkommen, wo wir gerade auf einem Volksfest sind“, sagt Crichton. „Die Lilo und Ewald, beide paarundsiebzig, sind solche Leute, da ist mittlerweile so eine intensive, enge Freundschaft entstanden. Oder die Corinna mit ihrem Mann. Dann nehme ich mir auch die Zeit, um die zu drücken. Das sind Menschen, die einem auch ans Herz gewachsen sind.“ Über die Jahre wisse man um die Charaktere, kenne ihre Sorgen und Nöte.

Und auf der anderen Seite begegnet Crichton jeden Tag neuen Menschen, solchen, die eine Bratwurst wollen oder Pommes, anderen, die einen Ebbelwei oder ein Bier bestellen. Und manchen, die einfach ein bisschen Sozialleben suchen. „Meine Arbeit hat auch oft etwas von Speeddating“, sagt er. „Für die ein oder zwei Minuten, in denen die Leute bei uns an der Theke was bestellen, müssen wir einander begegnen. Und da ist es natürlich ein Unterschied, ob es gute Schwingungen gibt oder Spannungen.“ Er selbst habe immer die Motivation, dass diese Begegnungen schön sein sollen. „Ich sehe einen Gast nie als Bittsteller“, sagt er. „Unsere Gäste kommen zu uns, weil sie gute Laune haben wollen. Und es ist für uns besser, wenn es da einen Austausch von Lächeln gibt.“ Das habe nicht nur etwas mit dem Servicegedanken zu tun. „Auch fürs eigene Befinden ist es besser, wenn man freundlich zueinander ist.“
Fast jeden Tag ist er diesen Begegnungen „ausgesetzt“. Wie in kaum einem anderen Beruf begegnet Crichton dem Volk, allen Menschen aller möglichen Schichten, Herkünfte, Ausbildungshintergründe. Er kommt mit den Leuten ins Gespräch, ein großer Teil kennt ihn eh von früheren Festen. Spätestens seit seiner Zeit als Frankfurter Fastnachtsprinz im Jahr 2023 und dem von ihm gewählten Kampagnenmotto „Frankfurts Fastnacht schrill und fein / und sechsfarbbunt noch obendrein“ ist er zudem als offen schwul lebender Mann bekannt. Crichton bietet also Gesprächsstoff, gelegentlich auch Aufregerpotential. „Natürlich merke ich auch mal Vorbehalte, gerade, wenn ich bei der Arbeit vergessen habe, meinen Regenbogenring den Hygienevorschriften gemäß auszuziehen. Da sieht man gelegentlich argwöhnische Blicke. Aber ich halte das aus und breche das Eis auf meine Art“, sagt Crichton. „Das ist der beste Weg, um Toleranz zu leben und zu fördern.“
AfD-Wähler bleiben eine Herausforderung
Er weicht den Begegnungen nicht aus, so wie er auch realistisch genug einschätzen kann, dass ihm am Bratwurststand nicht nur Menschen mit gleicher Lebenseinstellung oder Gesinnung begegnen. Beispielsweise AfD-Wähler, die das offen bekunden, bleiben für ihn eine Herausforderung. Die angespannte Lage mit viel Pessimismus und negativer Stimmung im Volk will Crichton auch nicht leugnen. Aber er bleibt bei der Überzeugung, dass nur positive Erwiderung helfe. Sein Antrieb sei dabei Neugier, er will herausfinden, warum jemand mies drauf ist. „Es gibt keine Alternative zu Zwischenmenschlichkeit“, sagt er.

Das trägt zu seiner Beliebtheit bei, wenn er auch im Oktoberfestzelt wieder von Stammkunden der „Hausmänner“ angesprochen wird. Er ist eigentlich immer für einen lockeren Spruch zu haben. „Wenn er was kann, dann ist es schwätzen“, sagt Crichton mit einer gehörigen Portion Selbstironie.
Dass dieses Schwätzen weit entfernt ist von „Dummgeschwätz“, muss er nicht groß erläutern. Er hat im vergangenen Jahr ein Gewerbe angemeldet. Crichton bietet seine Dienste als Hochzeits- und Trauerredner an. Auch, weil ihm viele bei solchen Anlässen im Freundes- und Familienkreis ein gutes Gespür für die richtigen Worte und Empathie attestiert hatten. Aufgewachsen in einem katholisch geprägten Elternhaus habe er vieles über christliche Werte gelernt, sagt er. In jungen Jahren habe er gar den Beitritt zu einem Orden erwogen. Sein Menschenbild ist ein positives. Das kommt ihm zugute, wenn er am Bierstand Gemüter beruhigen oder Menschen aufheitern will. „Das hilft uns allen“, sagt er. „Wenn wir am Stand als Servicekräfte ein Lächeln bekommen, dann geht es uns auch besser. Wenn ein Gast lustig drauf ist, dann hast du gleich auch bei uns eine ganz andere Ansprache an ihn, auch wenn es mal stressig ist.“ Vielleicht, so sagt er, sei er auch geprägt durch die amerikanische Lebenseinstellung, die der amerikanische Teil seiner Familie ihn gelehrt habe. „Viele sagen ja, Amis sind so oberflächlich, aber ich finde das eigentlich ganz gut, dass du für die paar Minuten einer oberflächlichen Begegnung ‚best friends‘ bist, dann gehst Du eben wieder deiner Wege, aber bestimmt nicht mit schlechterer Laune.“

Vor seiner Zeit bei den „Hausmännern“ hat Crichton eine eigene Gaststätte betrieben in seinem Heimatort, später das „Pulse“, den angesagtesten Treff der Frankfurter Schwulen- und Lesbenszene, geführt. Die Arbeit habe ihn vollkommen aufgesogen, weil er an beiden Orten die Personifizierung der Location gewesen sei. Jeder habe ihn gekannt, jeder ständig was von ihm gewollt. Es wurde von ihm erwartet, dass er sich zum Gast an den Tisch setzt. Für die Angestellten war er rund um die Uhr der Ansprechpartner. Er war in seiner Bubble gefangen. Das zehrte an ihm. „Gastronom musst du mit Haut und Haar sein, sonst lässt du es besser“, sagt Crichton. Er möchte die Zeit nicht missen, sie habe ihm viel gegeben, bei aller Anstrengung.
Das Flüchtigere der Volksfeste mit dem Wochenrhythmus und den Ortswechseln empfindet er mittlerweile aber als Entlastung. „Hier gilt es, immer in den zwei Minuten, die man mit einem Gast verbringt bei der Zubereitung des Essens oder dem Zapfen des Biers die Performance Deines Lebens abzurufen, danach geht es aber wieder von vorne los, auch wenn mal was schiefgelaufen ist“, sagt er.
Besonders schlimme Situationen seien dabei absolute Ausnahme, sagt er. Natürlich gebe es mal Besoffene, die sich danebenbenähmen. Aber grundsätzlich bliebe es bei Kleinigkeiten. Aggressivität nehme er zumindest auf den Volksfesten dieser Region nicht wahr. So soll es auch bleiben. Dafür wird Larry Crichton weiter seinen Beitrag leisten, seinen Optimismus weiter in die Welt tragen. Und er wird renne’, wenn es nötig ist.
