Wenn man nur auf die Zahlen schaut, ist die Geschichte der Sanierung der Kölner Bühnen rasch erzählt: vier Spielorte, 2200 Räume, 66.000 Quadratmeter Gesamtfläche, vierzehn Jahre Bauzeit und Gesamtkosten in Höhe von 1,5 Milliarden Euro. Davon entfallen etwa 450 Millionen auf Zinsen und Abschreibungen, die noch bis zum Jahr 2065 zu zahlen sein werden. So teuer ist es heutzutage, wenn eine deutsche Metropole ein Opernhaus abstottert.
Aber man sollte keinesfalls die 800 leidgeprüften Mitarbeiter der Kölner Bühnen vergessen, die vierzehn Jahre lang ihre Kunst in Ausweichspielstätten zeigen mussten. Die Kosten für die Interimsbühnen beliefen sich auf 150 Millionen Euro. Außerdem waren noch knapp achtzig Millionen für die sogenannten Bauzeitzinsen aufzubringen. Dabei hatte man sich von Anfang an unter großen Zeitdruck gesetzt. Das war der erste Kölner Kardinalfehler: Fröhlich losgestürmt und dann aus dem Stolpern nie wieder herausgekommen.

Man kann die Geschichte aber natürlich auch ganz anders erzählen. An diesem Wochenende werden die Kölner Bühnen mit einem zweitägigen Bürgerfest wiedereröffnet. Köln erhält ein funktionales städtisches Ensemble mit einem Schauspielhaus, einer Kleinen Bühne, dem Juwel der Kinderoper und mit einer Oper im Zentrum, die den Aufbruchsgeist der Demokratie auf höchstem Niveau mit dem architektonischen Charme der Fünfzigerjahre verbindet. Der Riphahn-Bau am Offenbachplatz erstrahlt als Ganzes, und er funkelt in zahlreichen Details. In ästhetischer Hinsicht ist die Oper jetzt wieder, was sie bei ihrer Eröffnung war: ein großer Wurf.
Wenn man nun nach jahrelang qualvoll dahinsiechenden Sanierungsarbeiten von einem Erfolg sprechen möchte, um den Köln von Städten wie Frankfurt, Stuttgart oder Nürnberg beneidet wird, stellt man fest, dass es sich um den seltenen Fall eines Erfolgs handelt, der keine Väter hat. Mütter übrigens auch nicht. Denn nach den ersten Rückschlägen haben sich die Beteiligten offenbar darauf verständigt, dass es bei diesem Unternehmen, über dem Heldentenöre zu Greisen wurden und Sopranistinnen ihre besten Jahre an sich vorbeiziehen lassen mussten, keine Verantwortlichen gab. Weit und breit ist in Deutschlands viertgrößter Stadt niemand in Sicht, der geirrt, versagt, Fehler gemacht hätte.
Die Geschichte der Sanierung der Kölner Oper, die 1957 eröffnet, 1989 unter Denkmalschutz gestellt und 2012 zum Zweck einer auf drei Jahre und Baukosten in Höhe von 253 Millionen Euro veranschlagten Sanierung geschlossen wurde, ist die Geschichte eines irrwitzigen Dominoeffekts: Es gibt viele, viele Steine, die im Laufe der Jahre in die falsche Richtung gefallen sind, aber offenbar niemanden, der sie gestoßen hätte. Nach offizieller Lesart wäre die Kölner Opernsanierung damit wohl so etwas wie das Drama einer sich selbst sabotierenden Baustelle.

„Das war ein Planungsdesaster“, sagt Thorsten Burmester. Der gebürtige Niedersachse, der in Remscheid bei Solingen aufwuchs, war persönlicher Referent von Bundeskanzler Gerhard Schröder, Ministerialdirigent in Nordrhein-Westfalen und Vorstandsvorsitzender des Deutschen Olympischen Sportbundes. Heute ist er Kölns Oberbürgermeister. Aber er ist es erst seit dem 1. November 2025. Was das Kölner Sanierungsdrama betrifft, genießt Burmester die Gnade des späten Amtsantritts. Sein Vorvorgänger Jürgen Roters verkündete im Jahr 2014 noch frohgemut, nun, da man das Richtfest feiere, sei mit bösen Überraschungen gewiss nicht mehr zu rechnen. Ein Jahr später wurde eine Liste der Baumängel publik, die mehr als 8000 Positionen umfasste.
Man hatte die Bauleitung den Intendanten Birgit Meyer und Stefan Bachmann übertragen, baufremden Laien also. Das war der zweite Kardinalfehler. Außerdem erwies sich die Bauplanung als unzureichend und mängelbehaftet. Leichtsinnigerweise war auf eine gründliche Bestandsaufnahme verzichtet worden, und in der Not verlegte man sich in halsbrecherischer Manier auf eine „baubegleitende Planung“. Es wurde also gleichzeitig geplant und gebaut.
Immer neue Verzögerungen und Kostensteigerungen
Das konnte nicht gut gehen, schon gar nicht im Fall eines Gebäudes, das unter Denkmalschutz stand. Henriette Reker, Kölner Oberbürgermeisterin von 2015 bis 2025, stellte gegen Ende ihrer Amtszeit öffentlich Überlegungen an, ob es nicht besser gewesen wäre, das Projekt bereits 2015 einfach aufzugeben, obwohl da schon 225 Millionen Euro verbraten waren. Bei anderer Gelegenheit zog sie sich auf die Position zurück, sie habe sich ja nie auf einen Termin für die Wiedereröffnung festgelegt. Das stimmt. Sie tat es erst, als ihr Nachfolger gewählt, aber noch nicht im Amt war.
„Es gibt nichts zu beschönigen“, sagt Thorsten Burmester im Gespräch in einem der Konferenzräume in Kölns historischem Rathaus am Alten Markt. Vor dem Eingang feiert eine große Hochzeitsgesellschaft, im Foyer spricht gerade der französische Botschafter, denn seit den Zeiten Adenauers, der 1945 noch einmal für fünf Monate Burmesters Amtsvorgänger war, pflegt man in Köln den Kontakt zum Nachbarland Frankreich. „Man darf die Fehler, die bei der Sanierung gemacht wurden, nicht kleinreden, und man muss sich bei der Bevölkerung auch dafür entschuldigen. Das hat aus meiner Sicht bisher niemand getan, und deshalb werde ich das nun als Oberbürgermeister tun“, sagt Burmester. „Dass keine Verantwortlichen zu finden sind, hat große Kritik in der Bevölkerung hervorgerufen. Das ist aber leider nicht ungewöhnlich bei solchen Projekten, bei denen viele unterschiedliche Akteure zusammenwirken.“ Alle wollten das Beste, aber insbesondere in der frühen Phase des Projekts habe es strukturelle Mängel in mehreren Bereichen gegeben, die zu immer neuen Verzögerungen und Kostensteigerungen geführt hätten.

Für Kölner Verhältnisse sind das deutliche Worte. Anders als mancher in der Stadt scheint Burmester nicht damit zu rechnen, dass nach einer hoffentlich glanzvollen Wiedereröffnung Streit und Ärger der letzten Jahre rasch vergessen sein werden. Auf den Elphi-Effekt – kollektiver Gedächtnisschwund infolge internationaler Anerkennung und spürbar gestiegenen Touristenzuspruchs – will er sich als Oberbürgermeister einer Stadt, deren Etat mit sieben Milliarden größer ist als der des Saarlandes, nicht verlassen. „Der Streit der letzten Jahre hat polarisiert, er hat Wunden geschlagen und Schmerzen verursacht.“ Inzwischen sei manches davon der Neugier gewichen. Das sei gut so, aber es ändere nichts daran, dass die Kölner Bühnen einen schweren Rucksack zu tragen haben. „Aus dem Streit der letzten Jahre folgt auch der Auftrag, in Zukunft ein Ort zu sein, an dem Menschen mit unterschiedlichen Erfahrungen, Biographien und Überzeugungen zusammenkommen.“
Die Oper als sozialer Treffpunkt für die Bürger der Stadt
Auf alten Fotos kann man sehen, wie es an einem solchen Ort einmal zugegangen ist. Die Herren trugen Lackschuhe und Fliege, Smokings waren keine Seltenheit, die meisten Damen zeigten Mut zum Hut. Im Juni 1951, nur sechs Jahre nach Kriegsende, hatte der Rat der Stadt den Neubau eines Opernhauses am Offenbachplatz beschlossen, und im Mai 1957 wurde das Opernhaus nach den Entwürfen von Wilhelm Riphahn nach knapp zweijähriger Bauzeit eröffnet. Weil die Kosten in Höhe von 15 Millionen Mark nicht überstiegen werden durften, musste auf eine Untermaschinerie verzichtet werden. Am Eröffnungsabend saßen Bundeskanzler Konrad Adenauer und Bundespräsident Theodor Heuss in der ersten Reihe. Adenauer wurde im selben Jahr zum zweiten Mal zum Bundeskanzler gewählt, nachdem CDU/CSU 50,2 Prozent der Stimmen erhalten hatten. Es war das bis heute einzige Mal in der Geschichte der Bundesrepublik, dass eine Partei bei Bundestagswahlen die absolute Mehrheit erringen konnte.
„Demokratie bedeutet Teilhabe“, sagt Burmester. Kultur sei demokratisch, urdemokratisch. „Es besteht zurzeit die Gefahr eines Rückzugs der Kultur in den Städten. Das haben wir in Köln mit diesem Bau verhindern können.“ Riphahns Entwurf einer Oper als Plenarsaal passe gut in unsere Zeit. Kultur bedeute Wandel, Veränderung. „Das gilt auch für die Oper. Ich wünsche mir die Oper als ,dritten Ortʻ, als sozialen Treffpunkt für die Bürger der Stadt.“
Kölns Oberbürgermeister blickt lieber nach vorn als zurück, obwohl auch das kein Vergnügen ist. Vor ihm liegen Verteilungskämpfe, bei denen die Kultur gegen den Sport und marode Brücken gegen fehlende Kita-Plätze ausgespielt werden dürften. Vor ihm liegt ein Doppelhaushalt für 2027/28 mit einer Neuverschuldung in Höhe von 1,7 Milliarden Euro. Burmester wünscht sich eine Erneuerung der Sozialen Marktwirtschaft und ein Ende falscher Wohlstandsversprechungen: „Es gibt eine Entfremdung zwischen Politik und Bürgern, und es gibt eine Krise der kommunalen Politik. Die Menschen verlieren das Vertrauen in staatliche Institutionen, weil sie nicht mehr das Gefühl haben, dass Politik ihr Leben ein Stück weit verbessert.“ In den Reformvorhaben der Bundesregierung höre er immer nur, es werde allen besser gehen. „Das stimmt aber nicht, es wird der nächsten Generation nicht mehr besser gehen. Das Wohlstandsversprechen der alten Bundesrepublik muss ganz neu formuliert werden.“
Ein traumschön geschwungener, goldgelb leuchtender Rang
Wenn die Kinder der Stadt Köln künftig in die Oper gehen, benutzen sie dieselben fünf gläsernen Eingangspforten wie ihre Eltern. Aber in dem im alten Farbglanz schimmernden Foyer trennen sich die Wege, und die Kinder gehen in ihr eigenes Reich, mit dem Remigiusz Otrzonsek, dem leitenden Architekten von HPP Achitekte, ein Juwel geglückt ist: eine Bühne, acht Meter unter dem Dirk-Bach-Platz, 220 Sitzplätze, langgezogene, stoffbespannte Sitzbänke und darüber ein traumschön geschwungener, goldgelb leuchtender Rang.
Die meisten der Zuschauer, die hier bald sitzen werden, waren noch nicht geboren, als das Kölner Sanierungsdrama seinen Anfang nahm. Es hatte viele Akte und dauerte vierzehn Jahre lang, also genau so lange wie der Bau der 1973 eröffneten Oper von Sydney, die fünfzehn Mal mehr gekostet hat, als ursprünglich geplant war. Auch in Australien hatte man mit dem Bau begonnen, bevor alle Planungen und Kostenanalysen fertiggestellt waren. Das war 1959, zwei Jahre nach der Eröffnung der Riphahn-Oper am Offenbachplatz zu Köln am Rhein.
