„In aussichtsreicher Lage auf einer hohen, ins Achental vorspringenden Bergzunge. Vielleicht an der Stelle eines früheren noch heidnischen Heiligtums?“ So beschrieb Georg Dehios „Handbuch der deutschen Kunstdenkmäler“ vor mehr als sechzig Jahren die Lage der Schlechinger Filialkirche St. Servatius auf dem Schlossberg.
Im Westen der Geigelstein, im Norden die Kampenwand, zu deren Füßen auf der anderen Seite der Chiemsee liegt. Im Tal herausgeputztes Bilderbuch-Bayern, frisch frisiert die Wiesen, da liegt nichts herum, und kein Geraffel verschandelt die Optik. Freilich, ein wenig am Ende der Welt ist man hier nach Auffassung mancher Zugezogener schon, denn am Ende der Straße liegt Kössen, und das gehört schon zu Österreich.

Die kleine Kirche hoch über der Straße nach Süden nennt der Volksmund aber nicht St. Servatius, sondern Streichenkirche, benannt nach der Bergzunge, auf der sie steht. Man sagt, jeder Schlechinger sei hier oben, 250 Meter über dem Dorf, getauft worden. Im ehemaligen Mesnerhaus, ein paar Schritte unterhalb der Kirche, ist jetzt ein spektakulär aufwendiger Rettungsversuch unternommen worden, aus dem ehemaligen Berggasthof Streichen wieder einen künftigen Berggasthof zu machen.
Das sah zunächst gar nicht gut aus. Nach dem Tod des letzten Wirtes Franz Strohmayer im Jahr 2020 – er war im Wirtshaus zur Welt gekommen – drohte dem Gasthof eine ungewisse Zukunft. Seine Hinterbliebenen wünschten sich, der Streichen solle auch künftig ein Ort für alle bleiben. Die Gemeinde Schleching war sich nur in einem sicher: dass sie sich nicht sicher war, wie mit dem Anwesen zu verfahren sei. Selbst Geld in die Hand zu nehmen, dazu wollte sich der Gemeinderat nicht durchringen. Verkaufen wollte man auch nicht, obwohl es dem Vernehmen nach nicht an horrend hohen Angeboten gefehlt habe.

Dann erlöste ein vor dreißig Jahren Zugezogener die unentschiedenen Schlechinger. Thomas C. Wilde ordnete nach dem Verkauf seiner Münchner Kommunikationsagentur seine Finanzen und gab sich einen Ruck. Er gründete zusammen mit seiner Frau Yvonne eine Familienstiftung und verpartnerte sich 2021 zum Erwerb des Berggasthofes mit der Stiftung Kulturerbe Bayern.
Dazu muss man wissen, dass diese 2018 gegründete Institution des Freistaats – sie wird vom Kunst- und Wissenschaftsministerium gefördert – hohe, um nicht zu sagen, höchste Ziele hat. Sie möchte so etwas werden wie der National Trust im Vereinigten Königreich. Der wurde 1895 gegründet, besitzt 500 Burgen, Herrenhäuser, Parks, Industrieanlagen inklusive erheblichen Landbesitzes in England, Wales und Nordirland. Er hat 5,4 Millionen Mitglieder und nahm zuletzt knapp 850 Millionen Euro im Jahr ein, beschäftigt 14.000 Mitarbeiter und verfügt über 55.000 freiwillige Helfer.
Ein Sechser im Lotto?
Die Stiftung Kulturerbe Bayern besitzt drei Immobilien – ein historisches Stadthaus in der Judengasse in Rothenburg ob der Tauber, Schloss Erkersreuth im oberfränkischen Selb und den Berggasthof Streichen. Acht Gründungsstifter haben seinerzeit ein niedriges zweistelliges Millionenvermögen bereitgestellt, der Löwenanteil kam von einem Zustifter. Das Geld soll Stück für Stück in Immobilien investiert werden, was umgekehrt eben bedeutet, dass es in absehbarer Zeit aufgebraucht sein wird, wenn nicht neue Stifter auf den Plan treten.
Schon die Startphase verlief nicht geschmeidig, mehrere Vorstandsriegen wurden verschlissen. Aktuell angeführt wir die Stiftung von dem mittelständischen Münchner Unternehmer und Juristen Nikolaus Walther, der gute Kontakte zur Regierungspartei unterhält. Kunst- und Wissenschaftsminister Markus Blume nannte den Streichen bei der Eröffnung Ende Juni „einen Sechser im Lotto“. Der Verein Kulturerbe Bayern, der parallel existiert und 3000 Mitglieder hat, erhebt Mitgliedsgebühren und wirbt mit freiem Eintritt – in die eigenen Objekte und in jene des National Trust.

Der Kaser, das Nebengebäude in Form einer Almhütte, dient als Versammlungsraum der Schlechinger „Streichenfreunde“, einer Förderinitiative, zu der bis zu ihrem Tod prominente Politiker wie Alois Glück und der ehemalige Bundespräsident Horst Köhler zählten. Nikolaus Walter, ein stattliches Mannsbild in Sommerstoiber und gestreifter Krawatte, sitzt bei der Vorstellung des sanierten Streichen äußerst zufrieden auf der Terrasse des Kasers und lässt den Blick über Gipfel und Wipfel streichen. „Die Bevölkerung steht voll hinter uns“, sagt Walther.
Der Mann hat eine Mission, wie er mit weiten Armbewegungen unterstreicht, wenn er vom „Bavarian Trust“ spricht. Historische Gebäude will er nicht nur sichern, sondern so weiterentwickeln, dass sie wieder „erlebt und geliebt werden können“. Gerade im Norden, in der oberfränkischen Heimat des Ministerpräsidenten Markus Söder, sieht er nicht ausgeschöpftes Potential – etwa in dem zuletzt von dem Porzellan-Fabrikanten Philip Rosenthal bewohnten Schloss Erkersreuth. „Mit seiner Lage in der Mitte Deutschlands könnte es ein interessanter Tagungsort werden“, so Walther, eine Art Schloss Meseberg, schwebt ihm vor. Allerdings scheint das 350 Kilometer von Berlin entfernte Selb für ein Gästehaus der Bundesregierung doch zu weit abgelegen.
Die Kosten kannten nur eine Richtung – bergauf
Damit der Berggasthof Streichen in neuer Pracht erstehen konnte, wurde nicht gekleckert: Alles ist vom Feinsten. Fünfzig Firmen, überwiegend aus der Umgebung, waren am Bau beteiligt. Das ehemalige Mesnerhaus stammt aus dem 18. Jahrhundert, es hat ein Satteldach, das Erdgeschoss ist Massivbauweise, das Obergeschoss eine Holzkonstruktion, davor zwei sogenannte Balusterlauben, Balkone, die man getrost für einen morgendlichen Jodler und Blumenkästen mit Geranien nutzen kann.
Für die Stiftung Kulturerbe Bayern hat der Architekt Paul Mößmer die denkmalgerechte Baumaßnahme geleitet, begleitet wurde er dabei von der Stellvertreterin Walthers im Stiftungsvorstand, der Innenarchitektin Pilar Prinzessin zu Salm-Horstmar. Ursprünglich waren 5,79 Millionen veranschlagt worden, die tatsächlichen Kosten beziffert Pressesprecherin Judith Schlumberger-Steger als „im mittleren einstelligen Millionenbereich“ liegend.

Für Dielenböden und Mobiliar kamen Weißtanne und Fichte zum Einsatz, dazu neue Steinfußböden, die geschickt auf alt machen. In der Gaststube und den Nebenzimmern steht ein von der Berufsfachschule für Holzschnitzerei und Schreinerei in Berchtesgaden entworfener „Streichenstuhl“, dessen schmale Lehne an ein T-Lineal erinnert. Das sieht unbequem aus, ist es aber nicht. An den Wänden alte Fotografien, auch sie fachgerecht restauriert und von einer Kunsthistorikerin gehängt. Das Ultramarinblau der Bemalung aus dem 19. Jahrhundert wurde wieder zum Vorschein gebracht und erneuert. Hinter dem Lehmputz verborgen, ist eine Wandheizung.
Nagelneu ist die Profiküche, für deren Einbau erst einmal das Bodenniveau gesenkt werden musste, um eine praktikable Raumhöhe zu erzielen. Auf der Rückseite des Hauses hat man eine Rampe gebaut, wie sie sonst als Zufahrt für den Heuschober dient. Darunter lagern die Pellets für die Heizung und Technikräume. Auf dem Dach eine denkmalgerechte Photovoltaik-Anlage in Kupferfarbton, die mit dem Bürgerenergiepreis Oberbayern ausgezeichnet wurde, den die Bayernwerk AG, eine Tochter des Stromriesen E.ON vergibt.
Bitte nicht wie am Tegernsee
Im Obergeschoss gibt es 22 Betten in elf Zimmern. Alle eint, dass sie keine Bäder haben. Die Gäste müssen sich mit zwei Etagenduschen und -toiletten begnügen, ganz wie früher, aber natürlich in zeitgenössischem Standard. Bakelitschalter sind natürlich Pflicht. Zwei Familienzimmer verfügen über eine zweite Schlafebene für Kinder, zu der eine steile Treppe führt. Reisewarnung: Zimmer 4 ist nur für Menschen bis zu einer Körpergröße von 1,90 Meter geeignet. Erreichbar ist das Haus neuerdings auch von einem neuen Parkplatz an der Bundesstraße aus.
Zu einem Berggasthof gehört, so lautete die Ansage der Bauherren, dass man sich den Aufenthalt auch leisten können muss. Ausdrücklich nicht erwünscht war eine Chichi-Bude à la Tegernsee, sondern eine Einkehr für Gäste, die es mit den Bergen haben. Schließlich schmückt sich die Gemeinde Schleching mit der vom Deutschen Alpenverein vergebenen Auszeichnung „Bergsteigerdorf“.

Der neue Wirt ist gebürtiger Österreicher, aber sozialisierter Bayer. In der Rosenheimer Gegend aufgewachsen, machte Markus Schmiedhuber von Kindesbeinen an Begegnungen mit der Gastronomie – der Vater hatte ein Wirtshaus in der Wildschönau. Er selbst kochte im Hotel Fürstenhaus am Achensee und im Arlberg Hospiz Hotel. In Heinz Winklers „Residenz“ in Aschau war er Chefpatissier, bevor er sich vor sieben Jahren mit einem eigenen Hotel-Restaurant in Engelsberg selbständig machte und vor zwei Jahren zusätzlich den Landgasthof Suranger in Amerang übernahm. Pächter ist die Augustiner-Brauerei. Dass es neben dem klassischen Hellen aus München auch Weißbier aus der Staatsbrauerei Weihenstephan gibt, könnte mit Wünschen höheren Ortes zu tun haben. So genau weiß Schmiedhuber das nicht, es ist ihm auch gleichgültig. „Oberste Priorität für mich: Ich muss meine Pacht einspielen.“ Im September erwartet er „einen brutalen Run, aber vor der staden Zeit habe ich schon Bammel“, sagt Schmiedhuber. So zupackend er klingt, wird ihm bestimmt etwas einfallen.
Anfang September geht es los, 90 Sitzplätze drinnen, 60 im Kaser, 140 im Biergarten. Die halbe Bier soll unter fünf Euro, der Schweinsbraten um die 17 Euro kosten. Die Übernachtung für eine Person wird mit 95 Euro, ein Doppelzimmer mit 135 Euro zu Buche schlagen. Ein Familienzimmer beginnt, abhängig vom Alter der Kinder, bei 215 Euro, Frühstück ist immer dabei.
Ein Denkmal wieder mit Leben zu füllen, ist auch für einen routinierten Gastronomen kein Selbstläufer. Fühlt er sich zum Erfolg verdammt, weil ihm das Motto der Stiftung Kulturerbe – „Machen wir’s gut!“ – ins Lastenheft geschrieben wurde? Markus Schmiedbauer hat schnell begriffen, dass mit dem Streichen ein Narrativ verbunden ist, das sich von üblichen Pachtverträgen unterscheidet, allein schon wegen der öffentlichen Sichtbarkeit. Deshalb sagt er verschmitzt: „Ich glaube fest daran, weil alle daran glauben.“
Informationen: www.berggasthof-streichen-de.
