In der Südkurve des römischen Olympiastadions flattert bei den Heimspielen der AS Rom immer ein Plakat, auf dem behauptet wird: „No Totti, no party“. Francesco Totti ist die Vereinsikone, spielt aber seit bald zehn Jahren nicht mehr für seinen Heimatklub, sondern macht aktuell vor allem mit Nachrichten aus seinem komplizierten Liebesleben Schlagzeilen. Dass im Stadio Olimpico ohne ihn aber keine Partylaune herrsche, ist nachweislich falsch. Die Tifosi sind nach dem vierten Spieltag der Serie A in überbordender Feierstimmung. Die Mannschaft von Trainer Gian Piero Gasperini ist Tabellenerster.
Am Samstagabend (18.00 Uhr, DAZN) kommt Inter Mailand zu Besuch, als aktueller Tabellenzweiter. Das Duell wird in der Sportpresse zum ultimativen Meisterschaftskampf hochgejubelt, was angesichts des fünften Spieltages etwas gewagt scheint. Inter Mailand ist unter Coach Cristian Chivu amtierender Meister und Pokalsieger, also derzeit das Nonplusultra in Italien. Die Experten haben die AS Rom nach den bisherigen Darbietungen zum Herausforderer Nummer eins erkoren. Tatsächlich spielt das Team, das vergangene Saison auf Platz drei landete und sich für die Champions League qualifizierte, formidabel.
Malens unglaubliche Trefferquote
Der derzeit am hellsten leuchtende Stern am römischen Himmel heißt Donyell Malen und spielte zwischen 2021 und 2025 für Borussia Dortmund. Nach einem Intermezzo bei Aston Villa lieh die Roma ihn im vergangenen Winter zunächst aus und verpflichtete den Angreifer im Sommer für 25 Millionen Euro fest. Malen, niederländischer Nationalspieler, hat eine unglaubliche Trefferquote mit 19 Toren in 20 Pflichtspielen für die AS Rom. Seit Saisonbeginn erzielte er sechs Tore in vier Serie-A-Partien, am ersten Spieltag gegen Florenz waren es gleich drei auf einmal. Malen sei bei der AS Rom „die Sonne, um die alle anderen kreisen“, hielt die „Gazzetta dello Sport“ fest.
Allerdings musste Trainer Gasperini astronomisch etwas nachhelfen und die Sonne erst einmal in die richtige Position bringen. In Dortmund und Birmingham agierte Malen vor allem auf dem Flügel, in Rom bildet der 27-Jährige die zentrale Spitze und stößt blitzschnell in die Räume. Der Argentinier Paulo Dybala erweist sich als kongenialer Spielmacher, er bereitete alle drei Treffer Malens gegen Florenz vor. „Mit Donyell zu spielen, ist einfach“, sagt Dybala. „Er versteht immer die Passwege.“ Malen erkennt sogar eine religiöse Dimension im Zusammenspiel der beiden. „Ich bin gesegnet, mit Dybala spielen zu dürfen. Er ist außergewöhnlich und sieht jede meiner Bewegungen im Voraus.“
Trainer Gasperini lobt seine Angreifer als Männer von „Weltklasse“. Die Wertschätzung, die der Holländer in Rom erfahre, sei zusätzlicher Antrieb. Natürlich weiß der stolze Coach aus dem Piemont, wer der eigentliche Vater des Erfolgs ist: er selbst, Schöpfer eines Sonnensystems und taktischen Gravitationsfeldes, das schon in der Vergangenheit Aufsehen erregte. In seiner neunjährigen Amtszeit (2016–2025) formte Gasperini Atalanta Bergamo zu einer spektakulären europäischen Spitzenmannschaft mit dem Höhepunkt des Gewinns der Europa League 2024. „Gegen Atalanta zu spielen, ist wie ein Besuch beim Zahnarzt“, lobte Starcoach Pep Guardiola damals.
Gasperinis System ist auch defensiv erfolgreich
Mal sehen, welche Metapher sich José Mourinho für Gasperinis Roma einfallen lässt. Real Madrid ist der nächste Gegner der Italiener in der Champions League. Seit Sommer 2025 passt Gasperini sein extrem physisches, mutiges 3-4-2-1 mit Manndeckung an die AS Rom an. Astronomische Neuheit in der Hauptstadt ist eine Art schwarzes Loch im Mittelfeld. Es kommt zustande, indem sich die beiden defensiven Mittelfeldspieler beim Spielaufbau auf die Linie der drei Abwehrspieler fallen lassen und so das Zentrum freigeben. In diese Falle tappen regelmäßig die Gegner und schaffen unbewusst Raum auf den Flügeln, den Spieler wie Dybala, Wesley oder Matías Soulé nutzen. Und vorne wartet die Sonne, Donyell Malen.
Gasperinis System ist bislang auch defensiv sehr erfolgreich, in der Serie A kassierte die Roma nur ein Gegentor. Inter Mailand, das ebenfalls alle vier Ligaspiele gewann, bekam schon sechs Gegentreffer, allein drei am vergangenen Montag beim 5:3 gegen Udinese Calcio. „Das sind zwei sprudelnde Mannschaften, die immer versuchen anzugreifen und ohne zu viel Taktik zu gewinnen“, meint Luigi Di Biagio, der für beide Teams spielte. „Das Beste, was es derzeit in Italien gibt“, schreibt die „Gazzetta“. Langweiligen italienischen Sicherheitsfußball erwartet niemand am Samstagabend.
Gasperini und Inters Chivu sind Puristen einer offensiven Dreier-Verteidigung. In Mailand sind dort Alessandro Bastoni, Manuel Akanji und der soeben in die deutsche Nationalmannschaft berufene frühere Kölner Yann Bisseck gesetzt. Trainer Chivu hat sich da offenbar von Italiens führendem Taktikpionier belehren lassen. Als Gasperini 2011 bei einem kurzen Intermezzo selbst Trainer Inter Mailands war, begehrte damals ein Großteil des Kaders, darunter auch Abwehrspieler Cristian Chivu, gegen diese taktische Änderung auf. So kann es kommen: Ende der vergangenen Saison wurde Chivu zu Italiens Coach des Jahres gewählt.
